Amokläufer in Paris Er tötete "entschlossen und methodisch"

Der Amoklauf im Stadtrat des Pariser Vorortes Nanterres war offenbar die Tat eines geistig verwirrten Mannes. In der vergangenen Nacht erschoss er acht Menschen und verletzte 19 weitere nach einer Ratssitzung.


Polizeibeamte bewachen das Rathaus von Nanterres
AP

Polizeibeamte bewachen das Rathaus von Nanterres

Nanterre - "Tötet mich, tötet mich", rief der 33-jährige Richard Durne, der mehr als 40 Schüsse auf die Ratsherren abgefeuert hatte, als er überwältigt wurde. "Er hat systematisch geschossen", berichtet die Bürgermeisterin von Nanterres, Jacqueline Fraysse. Der Amokläufer habe den gesamten Stadtrat umbringen wollen, sagt sie weiter. Ohne den Mut der Helfer "wären wir jetzt alle tot". "Die Leute schrieen, man solle sich auf ihn werfen, ein Stuhl wurde nach dem Schützen geworfen, und ein Stadtrat versuchte, ihn in den Griff zu bekommen", berichtet ein Augenzeuge von den Augenblicken, bevor der Täter dingfest gemacht werden konnte.

"Die Schießerei schien dann kein Ende nehmen zu wollen, und ich sah, wie alle um mich herum zusammenbrachen", schildert ein Stadtrat die Attacke des Mannes. "Er hat wie verrückt um sich geschossen. Er war gekommen, um uns alle zu töten" - auch die sozialistische Stadtverordnete Emmanuelle Bobin erzählt geschockt von dem Attentat. "Ich hatte mich unter einem der Tische versteckt und spürte, wie eine seiner Kugeln an meinem Rücken vorbeizischte", ergänzt der konservative Kommunalpolitiker Samuel Rijik. "Er ging an mir vorbei, und als er mir den Rücken zudrehte, da bin ich schnell zum Ausgang gelaufen."

Acht Menschen erschoss der vermutlich geistig gestörte Franzose in der Nacht zum Mittwoch im Stadtrat von Nanterre bei Paris. 19 Kommunalpolitiker verletze er mit drei Handfeuerwaffen, 14 von ihnen schwer, teilten Feuerwehr und Polizei mit. Sechs Stunden lang hatte der Täter sich im Zuschauerraum des Rathauses die Beratungen über den Haushalt angehört. Dann zog er eine Maschinenpistole und begann zu schießen. "Er stand schweigend auf und tötete schweigend", berichtete Fraysse fassungslos. Das bestätigt auch der ermittelnde Staatsanwalt Yves Bot. "Entschlossen und methodisch" habe Durne die acht Menschen getötet. Bei seiner Festnahme gab er nach offiziellen Angaben keine verständliche Erklärung ab.

Ein "Akt des Wahnsinns"

Die Rettungskräfte in der Nacht zum Mittwoch vor dem Rathaus
REUTERS

Die Rettungskräfte in der Nacht zum Mittwoch vor dem Rathaus

Es handelt sich nach Angaben eines Ratsmitglieds der Grünen um einen Mann, der der ökologischen Bewegung nahe steht. Anderen Berichten zufolge bestreiten die Grünen, dass Durne bei ihnen aktiv gewesen sei. Er nahm häufig an Sitzungen des Gemeinderats teil und protestierte gegen mehrere Beschlüsse. Unter den Todesopfern sind sowohl Abgeordnete der Linken wie des bürgerlichen Lagers. Ein politisches Motiv wurde deshalb zunächst nicht vermutet. Nach einem offiziell bisher nicht bestätigten Augenzeugenbericht soll Durne zu Beginn des Amoklaufs gezielt auf grüne Kommunalpolitiker und Frauen gefeuert haben.

Er sei nach Polizeiangaben bisher noch nicht als Krimineller aufgefallen, soll aber eine "psychiatrische Vorgeschichte" haben, die geprüft werde. Ermittler sehen in der Tat einen "Akt des Irrsinns". Es war der schlimmste Amoklauf in Frankreich seit 1995. Nach Medienberichten sei der Täter in psychologischer Behandlung gewesen. Bereits 1998 soll er die Mitglieder einer Gesundheitsbehörde mit einer Waffe in seine Gewalt gebracht haben. Da die Behörde den Vorfall nicht angezeigt habe, sei der Arbeitslose polizeilich nicht bekannt gewesen.

Erinnerungen an Amoklauf in der Schweiz

Die Präfektur des zuständigen Départements Hauts-de-Seine löste die Alarmstufe für den größten Notstand aus. Im Einsatz waren 200 Feuerwehrleute. Rund 20 Krankenwagen brachten die Verletzten in die umliegenden Krankenhäuser. Die Zeugen der Bluttat werden psychologisch betreut. 22 Personen wurden wegen eines Schockzustands behandelt. Derweil legten trauernde Franzosen erste Blumen vor dem Rathaus nieder. Die französische Tricolore auf dem Gebäude weht auf Halbmast. Nanterres, das westlich von Paris liegt, soll kein sozialer Brennpunkt sein, wo Gewalt an der Tagesordnung ist.

Erinnerungen werden wach an den Amokläufer im Schweizer Kantonsparlament von Zug, der am 27. September vergangenen Jahres - als Polizist verkleidet - dort 14 Menschen getötet und dann sich selbst gerichtet hatte. Der Fall könne dem Täter von Nanterre als eine Art Vorbild gedient haben, grübelte Innenminister Daniel Vaillant. Der französische Premierminister Lionel Jospin sprach in Nanterres von einer "schrecklichen Tragödie" und einem "Akt des Wahnsinns". Präsident Jacques Chirac, der wie Jospin nach Nanterres kam, nannte die Bluttat einen "mörderischem Irrsinn". Der Amoklauf verschärfte in Frankreich sofort die Debatte über die zunehmende Gewaltbereitschaft.

Urs Zietan



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