Germanwings-Absturz In Zweifeln gefangen

Der Vater des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz versucht, Zweifel am Suizid seines Sohnes zu wecken. Die Indizien sind schwach. Dennoch sollten sie geprüft werden - damit die Hinterbliebenen der Absturzopfer Ruhe finden.
Günter Lubitz und Tim van Beveren

Günter Lubitz und Tim van Beveren

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

Der Mann ist zierlich und schlank, schaut starr in das Blitzlichtgewitter. Als er dann endlich reden darf, spricht er leise, ohne deutliche Emotionen in der hohen Stimme. Günter Lubitz ist ein gebrochener Mann, der sich dazu entschlossen hat, zu kämpfen - zu kämpfen um die Ehre seines Sohnes.

Es ist ein einsamer Kampf: Die Staatsanwaltschaft ist gegen ihn, die Flugunfallermittler, die Öffentlichkeit. Die Angehörigen der übrigen 149 Toten von Germanwings-Flug 9525 sind regelrecht außer sich, weil Lubitz heute zum zweiten Jahrestag des Airbus-Absturzes in den französischen Alpen zu einer Pressekonferenz ins Berliner Maritim-Hotel geladen hat. Mehr als hundert Journalisten sind gekommen.

Begleitet wird Lubitz von zwei Anwälten, einem gestressten Moderator und Tim van Beveren - Journalist und selbst Pilot. Er hat für Lubitz ein technisches Gutachten geschrieben, das Kernstück der Verteidigungsstrategie.

"Auch ich stehe fassungslos der Tragödie gegenüber", sagt Lubitz ganz am Anfang. Er versucht, um Gehör zu werben und um Mitleid auch für seine Familie. Das ist seine Strategie: Die Behörden haben seinen Sohn vorschnell zum Massenmörder abgestempelt, haben ihn zu einem "abscheulichen Attentäter" gemacht, der in depressiver Suizidabsicht den Jet in den Berg gerammt hat. Doch die Ermittler machten Günter Lubitz zufolge Fehler, blieben einen eindeutigen Beweis schuldig, dass sich sein Sohn tatsächlich im Cockpit einschloss.

Der Vorwurf: Die Behörden haben schlampig ermittelt

Auf diese Weise will sich Günter Lubitz mit den anderen Angehörigen solidarisieren, die zu gleicher Stunde an der Absturzstelle trauern. Er will ihnen sagen: Die Behörden haben uns allen eine unplausible Geschichte aufgetischt und schlampig ermittelt.

Jetzt soll der Fall noch einmal neu aufgerollt werden, das ist seine zentrale Forderung.

Günter Lubitz stellt seinen Sohn als leidenschaftlichen und äußerst versierten Piloten dar, der eine depressive Episode während seiner Ausbildung gehabt, diese aber überwunden und "zu alter Lebenskraft" zurückgefunden habe. Die Depression sei nicht wieder zurückgekehrt, entgegen aller öffentlicher Behauptungen. Sein Sohn habe in den letzten Monaten seines Lebens Sehstörungen gehabt, für die keine Ursache gefunden worden sei.

Was das Fliegerische anging, übernimmt Journalist van Beveren die Verteidigungslinie. Er präsentiert eine Reihe vermeintlicher Formfehler der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf. Dann knüpft er sich die Flugunfallermittler aus Frankreich und Deutschland vor. Sie hätten den Stimmrekorder nicht von Experten untersuchen lassen, die bei Unfallrekonstruktionen den menschlichen Faktor einschätzen sollen.

Im Video: Vater des Co-Piloten - "Er war nicht depressiv"

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War Andreas Lubitz tatsächlich bei Bewusstsein? Van Beveren bezweifelt das. Hat Lubitz tatsächlich an einem Rädchen im Cockpit eingestellt, dass das Flugzeug auf rund 30 Meter Höhe sinken sollte? Nicht eindeutig belegbar, findet van Beveren. Er will einen merkwürdigen Widerspruch in den Aufzeichnungen des Datenschreibers gefunden haben, der zwei unterschiedliche Sinkverfahren ausweist. Das Wetter habe man auch nicht untersucht, obwohl doch tückische Schönwetterturbulenzen angesagt waren.

Genauso unklar sei zudem, ob der Co-Pilot die Tür wirklich wissentlich verriegelt habe. Und dann raunt van Beveren von einem anonymen Hinweisgeber, der ihm davon erzählt habe, dass sich im gleichen Flugzeug wenige Zeit zuvor zwei Piloten ausgesperrt hätten, weil das Codesystem der Türverriegelung gesponnen habe.

Schwache Indizienkette

Die Ausführungen van Beverens führen auf folgendes Szenario hinaus: Der Pilot geht auf die Toilette, Lubitz ist allein im Cockpit. Möglicherweise versucht er wegen Turbulenzen auf eine niedrigere Flughöhe zu gelangen. Dann aber muss technisch etwas schiefgelaufen sein, Lubitz das Bewusstsein verloren haben - der Kapitän blieb bis zum Absturz ausgesperrt. Eine Vielzahl von Zufällen müssten sich in dem Szenario von Günter Lubitz und Tim van Beveren abgespielt haben: Cockpittür defekt, Turbulenzen, technische Störung und dann auch noch ein bewusstloser Co-Pilot.

Van Beverens Indizienkette ist schwach. Er selbst teilt zwar hart gegen die Bundesanstalt für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig aus - gibt aber zugleich zu, keine eigene Hypothese zu haben, die das Geschehen wirklich erklären könnte. Das ist eine Schwäche der Präsentation. Eine andere ist, dass Lubitz und van Beveren Umstände ausblenden, die ihren Annahmen widersprechen.

Warum sollte Pilot Lubitz einen Sinkflug auf 30 Meter einstellen, die Alpen vor sich liegend? Warum hat er nicht das Kabinenpersonal informiert, wenn er tatsächlich in Turbulenzen gekommen wäre? Und warum hat er die Fluglotsen nicht über einen Sinkflug in Kenntnis gesetzt? Warum ist kein Versuch dokumentiert, dem Kapitän die Cockpittür zu öffnen?

Insbesondere was die Krankengeschichte angeht, verschweigen sie vieles. Andreas Lubitz mag nicht an einer Depression gelitten haben, aber die Hinweise auf ein massives psychisches Leiden sind in der 16.000 Seiten dicken Akte der Staatsanwaltschaft sehr wohl dokumentiert.

Staatsanwaltschaft geht von Angststörung bei Lubitz aus

Andreas Lubitz' Mutter etwa wendet sich wenige Wochen vor der Tragödie in einer verzweifelten E-Mail an den Psychiater ihres Sohnes und fleht ihn um Hilfe an. Mehrere Ärzte, die Lubitz in den Monaten vor dem Absturz aufsucht, beschreiben ihren Verdacht einer psychischen Erkrankung. Seine Hausärztin wollte ihn sogar wegen des Verdachts auf eine Psychose in eine Tagesklinik überweisen.

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrem Beschluss zur Einstellung des Verfahrens nach SPIEGEL-Informationen von einer Angststörung aus. Das jedenfalls hat der Psychiater von Lubitz als eine Diagnose angegeben. An welcher psychischen Erkrankung Lubitz letztlich genau gelitten hat, lässt sich nach seinem Tod nicht mehr herausfinden.

Günter Lubitz und sein Gutachter aber werfen den Ermittlern ihre Zweifel vor die Füße, und jetzt sollen die sehen, wie sie diese widerlegen, zweifelsfrei. Vater und Journalist fordern einen wasserdichten Indizienprozess - als säße Andreas Lubitz als Angeklagter im Gericht und wäre des Mordes angeklagt.

Flugunfalluntersucher und Staatsanwaltschaft werden nicht umhin kommen, die vorgetragenen Hinweise und Ungereimtheiten zu untersuchen. Würden sie sich darüber hinwegsetzen, bliebe ein Makel an dem Untersuchungsverfahren haften. Das ist das Verstörende an diesem Tag: Dass Zweifel in die Welt gesetzt worden sind, die nun auch bei den Angehörigen an Gewissheiten nagen.

Günter Lubitz und seine Familie haben sich zum Kampf entschieden. Das ist nachvollziehbar, wollen sie doch nur allzu gern glauben, dass der Sohn, Bruder und Partner kein Mensch war, der sich und 149 andere Personen umbrachte. Denn es geht auch um Schuld - Schuld, es nicht kommen gesehen oder verhindert zu haben.

Die Berater der Familie tragen jetzt eine große Verantwortung für Lubitz' Angehörige: Sie müssen ihnen ehrlich sagen, wann die Zweifel ausgeräumt sind, und ihnen dann helfen, das Unfassbare zu akzeptieren.

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