Angegriffenes Kreuzfahrtschiff "Kein Passagier ist sicher"

Somalische Piraten haben den Luxusliner "Nautica" angegriffen - der Kapitän konnte den Seeräubern entwischen. Ein deutscher Experte ist sich sicher, dass die Reisenden nur knapp einer Katastrophe entgangen sind.


Nairobi/Hamburg - Die Beteuerungen der Reederei "Oceana Cruises", Eigner der "Nautica", klingen beruhigend: "Als die Piraten gesichtet wurden, gab der Kapitän den Passagieren die Anweisungen im Innenbereich des Schiffes zu bleiben und auf weitere Instruktionen zu warten. Schon nach fünf Minuten war alles vorbei", so Tim Rubacky, Sprecher des Unternehmens.

Kreuzschiff Nautica: Extrem schnell
AFP

Kreuzschiff Nautica: Extrem schnell

Für ganz so harmlos hält Professor Joachim Krause, Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft an der Universität Kiel, den Zwischenfall nicht: "Das ganze hätte zu einer Katastrophe führen können", ist sich der Experte sicher. "Diese Piraten sind schließlich nichts anderes als Geiselgangster - und in diesem Fall hätten sie auf einen Schlag 1000 Menschen in ihrer Hand gehabt. Kein Kreuzschiffpassagier ist dort zur Zeit sicher."

Sich vor den Piraten zu schützen, sei schwierig. "Wenn Schiffe möglichst weit auf dem offenen Meer sind, wird die Chance geringer, dass sie von den Piraten gefunden werden", so Krause zu SPIEGEL ONLINE. Nachteil dieses Taktik: Sollte das Schiff doch von Piraten entdeckt werden, dürfte kaum eine Fregatte in der Nähe sein, die rechtzeitig zu Hilfe eilen könnte."

Krause glaubt, das für Passagierdampfer die Flucht nach vorn die beste Möglichkeit ist, Piraten zu entkommen: Sie sollten möglichst schnell fahren, das verringere die Möglichkeit, von Piraten erreicht zu werden. "Genau das hat offensichtlich der Kapitän der "Nautica getan - und damit Erfolg gehabt."

Die relativ hohen Geschwindigkeiten der Passagierdampfer haben sie bisher vor einer Kaperung bewahrt. "Kreuzfahrtschiffe schützen sich vor Piraten ebenso wie Handelsschiffe, manche mit einer Schallkanone", sagte Max Johns, Sprecher vom Verband deutscher Reeder (VDR) SPIEGEL ONLINE. "Vor allem aber sind Kreuzfahrtschiffe extrem schnell und waren deshalb bisher weniger gefährdet."

Doch auch Johns erkennt die große Gefahr, falls ein Kreuzfahrtschiff von Piraten gekapert werden sollte. "Das Worst-Case-Szenario einer Entführung ist schwer vorstellbar - nach internationalem Seerecht ist jedes Militärschiff zu Hilfe verpflichtet", so Johns. "Allerdings wäre das militärtaktisch ein schwieriger Fall: Wenn die Piraten bereits an Bord eines Schiffes mit hunderten Passagieren sind, wäre es unglaublich schwer, es ohne Blutbad zu befreien."

Über solche Schreckensszenarien machen sich Passagiere von Kreuzfahrtschiffen am Golf von Aden in der Regel wenig Gedanken. "Die meisten Passagiere an Bord waren ganz entspannt, nach dem Motto 'Wird schon nichts passieren'", erzählt ein Passagier des Hapag-Lloyd-Kreuzfahrtschiffs MS Europa, der Anfang November von der Türkei durch den Golf von Aden nach Dubai gereist ist.

"Offizielle Ansagen zur Sicherheitslage gab es nicht - nur die Information, dass wir wegen Sicherheitsbedenken nicht den Hafen von Aden anlaufen würden."

Das Spannendste, berichtet der Passagier SPIEGEL ONLINE, seien für ihn die vielen kleinen Fischerboote gewesen, die immer wieder unvermittelt aufgetaucht sein. "Da sitzt man entspannt an Deck beim Kaffee - und plötzlich fragt man sich, ob diese Männer die Fischernetze nur zur Tarnung auswerfen." Militärschiffe habe er nicht gesehen, nur seien einmal französische Militärflieger über das Schiff hinweg gedonnert.

Professor Joachim Krause kann sich einen solchen Urlaub nicht vorstellen: "Ich bin generell nicht der Typ für Kreuzfahrten. Normalerweise wären sie mir zu langweilig - und jetzt zu gefährlich."

bog/kfi

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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