Angst vor der Flutwelle Wittenberge kämpft

Angst und hektische Aktivität beherrschen die brandenburgische Kleinstadt Wittenberge. Wer immer eine Schaufel halten kann, arbeitet mit an der Sicherung des Elbufers gegen die anwachsende Flutwelle. Die Stunde der Wahrheit schlägt am Abend.

Von , Wittenberge


Helfer bei der Deichverstärkung (in Bitterfeld): Angst haben alle
DDP

Helfer bei der Deichverstärkung (in Bitterfeld): Angst haben alle

Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Die Geschäfte im Zentrum sind geschlossen. Der Schlecker-Markt ist mannshoch mit schwarzer Folie verklebt, davor türmen sich Sandsäcke. Auch das Haarstudio "Friedrich" ist gut einen halben Meter hoch mit Folie bedeckt, davor Sandsäcke. Aus dem denkmalgeschützten Rathaus schleppen Mitarbeiter gerade die letzten Kartons mit Akten. Denn bis hierhin, quer durch die komplette Altstadt von Wittenberge, könnte das Wasser kommen. Könnte. Noch hoffen die knapp 23.000 Einwohner der Stadt in den Elbauen, dass sie glimpflich davonkommen. Und sie tun alles dafür.

Die Stadt, die im Zentrum so leer wirkt, als wäre sie evakuiert, ist bislang nicht geräumt worden. Aber jeder, der irgendwie eine Schaufel halten kann, ist unten am Hafen. Der ist zwar seit der Wende nicht mehr in Betrieb, die roten Backsteingebäude stehen leer, Birken haben sich durch die kaputten Fenster und Dächer gearbeitet. Doch seit dem Wochenende herrscht hier wieder das pralle Leben, die Wittenberger versammeln sich rund um die Uhr, um Sandsäcke zu füllen.

Zu Hunderten sind sie hergekommen, um ihre Stadt vor dem Hochwasser zu bewahren. "Wir haben ja noch Glück", sagt Silvia. "Wir wissen seit über einer Woche, was da auf uns zurollt und können uns wenigstens vorbereiten." "Anders als die Menschen in Dresden", fügt die Mittvierzigerin noch hinzu und winkt einen Lkw, der neuen Sand bringt, auf das Gelände.

Volksfeststimmung im Abwehrkampf

Seit den frühen Morgenstunden steht sie hier in der prallen Sonne an der Einfahrt zum Hafen und regelt den Ab- und Abfahrtsverkehr. Schon hier am Tor würde es ohne jemanden, der koordiniert, nicht laufen. Ununterbrochen fahren Transporter jeder Art hier rein und raus: Stadtreinigung, Bundeswehr, Technisches Hilfswerk. Aber auch der Dachdecker, der Elektrohändler und der Bäcker rasen mit leeren Bullis rein und voll geladen mit Sandsäcken wieder raus.

Silvia wischt sich den Schweiß unter ihrer weißen Baseballkappe aus der Stirn und winkt unermüdlich weiter. "Man muss ja was tun, zu Hause würde ich es auch gar nicht aushalten." Auf dem Hafenareal hinter ihr lagern an jeder freien Stelle Sandsäcke. Zigtausende müssen es sein. Braune Jutesäcke, weiße Plastiksäcke stapeln sich auf Paletten. Ein Gabelstapler fährt unermüdlich hin und her, holt Säcke, hievt sie auf Ladeflächen, holt neue Säcke. Auto voll und los. Der Nächste.

Ein Wittenberger steht mit seinem Privatwagen hier, ein petrolfarbener Pick-up samt Anhänger. Auch er will seine Stadt retten, obwohl sein Haus nicht betroffen ist, wenn die Elbe kommt. Es liegt sechs Meter höher als der Ortskern. Der Mann vom Krisenstab schickt ihn zur Kirche und los - nicht mal mehr Zeit, seinen Namen zu nennen.

Weiter hinten, näher am Fluss, den hier am Hafen nur noch Spundwände zurückhalten, herrscht fast Volksfeststimmung. Es ist gerade kein Sand zum Schaufeln mehr da - Zeit für eine Pause. Die Helfer umringen die Verpflegungsstände. Hier gibt's Schnitzel im Brötchen und Sprudel. Schaufeln macht hungrig. Ein Ehepaar, so um die fünfzig, ist gerade erst angekommen, direkt von der Arbeit. "Zu Hause haben wir ja alles schon vorbereitet, das Wichtigste zusammengepackt. Jetzt helfen wir hier", sagt er. "Hier zu sein hilft auch gegen die Angst", fügt sie hinzu, "wir können vor lauter Sorge schon gar nicht mehr schlafen."

Viele in den besonders gefährdeten Gebieten bringen jetzt einen Teil ihres Eigentums in Sicherheit. Auf den Straßen der Stadt fahren immer wieder auch kleine Lastwagen, die keine Sandsäcke geladen haben, sondern Kisten, Kartons und Kühlschränke.

Bis 7,45 Meter Pegelstand ist alles sicher

Angst haben alle. Angst, dass die Elbe mit ihrer enormen Kraft dieselben Schäden anrichtet, wie sie sie in den Fernsehberichten über Dresden, Grimma und anderswo gesehen haben. Und die Elbe steigt bedrohlich weiter. Auf 7,30 Meter stand der Pegel am Dienstagabend. Die große Brücke, die die Elbe ein Stück weiter flussabwärts quert, liegt schon fast auf der Wasseroberfläche auf. Sie ist längst für den Verkehr gesperrt.

Bis zum Stand von 7,45 Meter ist Wittenberge sicher. Darüber gibt es noch einen kleinen Sicherheitsspielraum, wie der Mann vom Krisenstab erklärt. Doch der Höhepunkt ist hier noch gar nicht erreicht, das wird erst Mittwoch oder Donnerstag der Fall sein - genau weiß das niemand. Aber seit Dienstag schöpfen die Wittenberger wieder etwas Hoffnung. Es gibt schließlich gute Nachrichten aus Magdeburg. Dort ist der Scheitelpunkt der Welle die entscheidenden paar Zentimeter niedriger ausgefallen als befürchtet.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.