Anhörung des "Concordia"-Kapitäns "Irgendwas ist schiefgegangen"

Die merkwürdigen Rechtfertigungen des Francesco Schettino nehmen kein Ende: Bei seiner ersten Anhörung hat der Kapitän des Unglücksschiffs "Costa Concordia" laut einem Zeitungsbericht behauptet, aus Versehen in dem Rettungsboot gelandet zu sein, das ihn an Land brachte.

Helmut Etzkorn

Hamburg - Der Richterin zufolge besteht keine Fluchtgefahr: Am Dienstagabend kommt die Nachricht, dass Kapitän Francesco Schettino zwar nach Hause gehen kann, dort aber unter Arrest stehen wird. Nachts gegen zwei Uhr ist der Mann, auf den sich nach dem fatalen Schiffsunglück vor der Isola del Giglio alle Augen richten, daheim in Meta di Sorrento.

Der Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio hat angekündigt, Beschwerde gegen die Entscheidung des Gerichts einzulegen. "Wir möchten vermeiden, dass er sich seiner Verantwortung entzieht. Die Persönlichkeit von Schettino und die ihm vorgeworfenen Straftaten lassen das vermuten." Es könnte sein, dass Schettino aus dem Hausarrest fliehe oder Kontakt mit wichtigen Zeugen aufnehme. Richterin Valeria Montesarchio sah keine Fluchtgefahr bei Schettino. Wohl aber bestehe die Gefahr der Manipulation von Beweisen, sagte sie.

Mindestens elf Menschen starben bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia", noch immer werden zahlreiche Passagiere vermisst, darunter mindestens zwölf Deutsche.

Viele sind entsetzt ob des offensichtlichen Fehlverhaltens des Kapitäns, der sein Schiff in der Nacht zum Samstag mit Hunderten Passagieren an Bord im Stich gelassen haben soll. Andere betonen zu Recht, dass es an der Justiz ist, über den Mann zu urteilen, der sich wegen fahrlässiger Tötung, Schiffbruchs und Verlassen des Schiffes in einer Notlage verantworten muss.

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Anhörung des Costa-Kapitäns: "Ich hatte nicht die Absicht zu fliehen"
In der ersten Anhörung vom Dienstag wurden zunächst die Vorwürfe gegen Francesco Schettino vorgebracht. Demnach soll er "leichtfertig, fahrlässig und unprofessionell die Geschwindigkeit von 15 Knoten überschritten haben, zudem in der Nähe von Hindernissen, so dass er Kollisionen nicht mehr adäquat und effektiv verhindern konnte", hieß es. Schettino schwor vor dem Richter, dass er alles getan habe, um die Passagiere zu schützen, berichtet der "Corriere della sera" am Mittwochmorgen. Dann aber sei er gezwungen gewesen, Fehler einzugestehen.

Zufällig ins Rettungsboot gefallen?

"Ich bin zum Opfer meiner Gedanken geworden", sagte der Kapitän, als er auf die fatale "Parade" angesprochen wird, den Vorwurf, er habe einen Bekannten an Land grüßen wollen, indem er nah mit dem Schiff an die Küste fuhr. Er bestätigt, dass es sich bei der Küstenfahrt um ein Grußmanöver gehandelt habe. "Irgendwas ist effektiv schiefgegangen bei dem Manöver", fügte er hinzu. "Ich habe zu früh abgedreht."

Die Route, und darauf bestand Schettino in der Anhörung, habe von Anfang an festgestanden und sei während der Reise nicht geändert worden. "Ich bin auf Sicht gefahren, weil ich die Wassertiefe kannte, da ich schon drei- oder viermal dort gewesen war, aber dass dort dieser Felsen war, hat mich überrascht."

300 Menschen soll Schettino auf dem Schiff sich selbst überlassen haben, darunter Behinderte und Kinder. Stattdessen sei der Kapitän an Land gegangen, wo er sich in einem dramatischen Gespräch mit der Hafenbehörde in Livorno lange zierte, an Bord zurückzukehren - und dies auch letztlich nicht tat. Vor dem Richter versuchte der Kapitän gestern, besonders selbstlos zu wirken: "Ich hatte keine Rettungsweste an, weil die von anderen gebraucht wurden", betonte er.

"Ich hatte nicht die Absicht zu fliehen", so Schettino weiter. "Ich habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot herabzulassen." An einem bestimmten Punkt habe der Mechanismus geklemmt und man habe das Boot per Hand herablassen müssen. Dann jedoch habe sich das System wieder angeschaltet, und "ich habe mich nach einem Stoß mit zahlreichen Passagieren im Boot wiedergefunden". Schettino behauptete, es sei unmöglich gewesen, wieder an Bord zu gelangen.

"Hören Sie, Schettino..."
In dem Telefonat mit dem aufgebrachten Offizier von der Hafenbehörde Livorno, Gregorio De Falco, wirkte Schettino wie unter Schock. Vorwürfe, er würde Drogen nehmen, wies er zurück. "Ich trinke nicht, ich rauche nicht, und ich nehme keine Drogen, macht, was ihr wollt." Einem Drogentest stimmte er zu.

Die Lokalzeitung "Il Tirreno" führte ein Interview mit dem Leiter der operativen Kräfte in der Hafenkommandantur Livorno, Gregorio De Falco - dem Mann, der den Kapitän in einem Gespräch unmittelbar nach dem Unglück sehr eindringlich aufforderte, endlich an Bord zurückzukehren und seinen Passagieren beizustehen. "Es ist nicht das erste Mal, dass ein Kapitän in einer schwierigen Situation dazu tendiert, die Sache zu verharmlosen, sich ruhig zu verhalten und etwas zu verschweigen", sagte De Falco.

"Mehr noch als das, was er sagte, hat mich der Ton beunruhigt. Deshalb bin ich der Sache nachgegangen." Schettino hatte zunächst von einem Schaden in der Elektrik gesprochen. Ja, er habe ihn sehr eindringlich und grob an seine Pflicht erinnert, sagte De Falco. "Unser einziges Ziel in dem Moment war es, alle in Sicherheit zu bringen, das war unsere einzige Priorität."

Ermittlungen gegen weitere Verantwortliche

Gegen mindestens drei weitere Personen könnte nun ermittelt werden. Im Visier der Statsanwaltschaft stehen der Zweite Offizier Dimitri Ckristidis sowie der dritte Offizier Silvia Coronica, die sich beide in dem Rettungsboot befanden, in dem auch Schettino war.

Offiziell ermittelt wird gegen den Ersten Offizier auf der Brücke, Ciro Ambrosio, der sich auf freiem Fuß befindet. Auch Roberto Ferrarini steht in der Kritik: Der Koordinator der Rettungsarbeiten soll in drei Telefonaten mit Schettino massiv Einfluss auf das Verhalten des Kapitäns genommen haben.

Rettungsarbeiten erneut ausgesetzt

Die Suche nach Eingeschlossenen in dem havarierten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" musste am fünften Tag nach dem Schiffbruch vor der toskanischen Insel Gigli erneut unterbrochen worden. "Heute morgen gegen 8 Uhr haben wir alle Retter abgezogen", sagte Luca Cari, Sprecher der Feuerwehr, SPIEGEL ONLINE. Das Wrack sinke weiter ab. Die auf einen Felsen aufgelaufene "Costa Concordia" war zuvor erneut um einige Zentimeter abgerutscht. "Unmöglich zu sagen, wann unsere Leute wieder rauf können", sagen die Rettungskräfte an der Promenade.

Am Vormittag wurde ein verletzter Mann an Land gebracht. Laut Informationen von SPIEGEL ONLINE handelt es sich um einen Kapitän von Eco-Giglio, einer lokalen Umweltorganisation, der mit seinem Schiff Experten in den Hafen der Insel gebracht hatten. "Der Kaptän ist ohnmächtig geworden und sofort in einem Rettungswagen versorgt worden", sagten Polizisten am Kai. Es gehe ihm bereits besser, es gebe keinen Grund zur Sorge. Der Commandante habe sich nicht auf dem havarierten Schiff befunden, als sein Kreislauf für einen Moment zusammenbrach.

ala/jus

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