Anklage besorgt Bei Einweisung in Psychiatrie käme Dutroux bald frei

Der Chefankläger im belgischen Kinderschänder-Prozess hat das Gericht davor gewarnt, Marc Dutroux oder seine Mitangeklagten in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. Schon nach wenigen Monaten kämen sie dann vermutlich frei.


Dutroux: "Nicht verrückt, Sie müssen hier raus"
AFP

Dutroux: "Nicht verrückt, Sie müssen hier raus"

Arlon - In seinem zweistündigen Plädoyer stellte Chefankläger Jean-Baptiste Andries die Schuld der Angeklagten fest. An die zwölf Geschworenen gewandt sagte er: "Jetzt ist der Moment gekommen, alle Karten auf den Tisch zu legen." Er fügte hinzu: "Die Gerechtigkeit, das sind Sie ... Sie haben das letzte Wort."

Ein Psychiater würde Dutroux und seine Mitangeklagten voraussichtlich für zurechnungsfähig erklären, sagte Andries. "Der Psychiater wird sagen: Sie sind nicht verrückt, sie müssen hier raus." Andries wies auch Dutrouxs Ex-Frau Michelle Martin eine große Verantwortung für die Gefangennahme der sechs entführten Mädchen zu.

Die Aussagen Dutrouxs kurz nach dessen Festnahme im August 1996 wertete er als gültiges Geständnis. Dutroux habe damals erklärt, seinen Komplizen Michel Lelièvre zur Entführung der beiden Achtjährigen Julie und Mélissa angestiftet zu haben. Dutroux habe Lelièvre laut eigener Erklärung gesagt, "dass er ein Mädchen wollte", sagte Andries im Schwurgericht von Arlon. "Im Sinne des Strafrechts sind dies Geständnisse", sagte er in seinem Plädoyer.

Der Anwalt des überlebenden Dutroux-Opfers Laetitia Delhez betonte heute noch einmal seine Überzeugung, wonach die vier Beschuldigten eine Bande zum Handel mit Mädchen und jungen Frauen bildeten. Rechtsanwalt Jan Fermon berief sich dabei auf frühe Aussagen zweier Angeklagter. Die rund 400.000 Seiten umfassende Untersuchungsakte enthalte auch genaue Rentabilitätsberechnungen zur Entführung von Mädchen aus Osteuropa, die der Mitangeklagte Michel Nihoul aufgestellt habe. "Man hat versucht, einen Menschenhandel aufzubauen, wo es wie auf einem Viehmarkt zugeht", so Anwalt Fermon. Morgen sollen die Verteidiger von Dutroux mit ihren Plädoyers beginnen.



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