Anschläge auf Asylunterkünfte Das darf uns nicht kaltlassen

Die Meldungen über Brandanschläge auf Flüchtlingsheime häufen sich - aber in Deutschland verbreitet sich eine gefährliche Gefühlskälte. Höchste Zeit, dagegen anzukämpfen.
"Anschlag mit Ansage": Feuerwehreinsatz an der Asylbewerberunterkunft in Meißen

"Anschlag mit Ansage": Feuerwehreinsatz an der Asylbewerberunterkunft in Meißen

Foto: Roland Halkasch/ dpa

In der sächsischen Stadt Meißen brannte eine noch unbewohnte Unterkunft für Asylbewerber. Die Polizei fand Brandbeschleuniger. Der Hauseigentümer sprach von einem "Anschlag mit Ansage".

In Lübeck brannte der Rohbau einer Asylbewerberunterkunft. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.

In Vorra (Bayern), in Limburgerhof (Rheinland-Pfalz), in Tröglitz (Sachsen-Anhalt): Feuer in geplanten Unterkünften für Flüchtlinge.

Wenn sich Vorfälle, egal welcher Art, regelmäßig wiederholen, droht die Aufmerksamkeit abzunehmen. Wieder hat ein Asylbewerberheim gebrannt. Wo nochmal? War bestimmt Brandstiftung. Passt ins Bild, abgehakt. Es droht eine Routine, wo es keine Routine geben darf. Diese Form von Selbstjustiz ist in ihrer Durchführung und ihren Motiven verachtenswert, jeder einzelne Fall ist ein schändlicher Skandal.

Doch warum verstärkt sich das beklemmende Gefühl, dass sich die Empörung in der Gesellschaft nicht so recht Bahn bricht? Eine mögliche Antwort ist ebenso verstörend, wie die nicht enden wollende Serie an Brandstiftungen: Wer Augen und Ohren offenhält, findet überall in deutschen Städten und Orten Anzeichen für eine leise Angst, dass Flüchtlinge in der Nähe einziehen könnten.

Symptom einer beängstigenden Gefühlskälte

Da erwog eine in der überregionalen Berichterstattung wenig beachtete Gemeinde, in einem Gebäude Flüchtlinge unterzubringen, das in direkter Nähe eines Villen-Baugebiets steht. Der Investor des Quartiers kaufte das Gebäude kurzerhand, die Interessenten für seine Villen könnten ja den Preis drücken, wenn Flüchtlinge nebenan leben.

Da wurden Container auf einem öffentlichen Platz einer Großstadt aufgestellt, um Flüchtlinge unterzubringen. Als das alljährliche Schützenfest deshalb an einen anderen Ort verlegt werden musste, beschwerte sich niemand offiziell. Verständnis äußerte aber auch keiner. Stattdessen hieß es aus einer Behörde entschuldigend, man werde derzeit "überrannt von Menschen in Not". Überrannt - Deeskalation geht anders.

Bei derlei Fällen handelt es sich nicht um Fremdenhass. Aus dem Verhalten spricht etwas, das komplizierter, subtiler und letztlich furchteinflößender ist: Ein leises Selbstverständnis, das keiner Asylbewerber in seiner Umgebung haben möchte. Ein berechtigtes Anliegen? Nein, Symptom einer beängstigenden Gefühlskälte.

Es ist kaum vorstellbar, dass bloße Aufrufe zur Solidarität nachhaltig dagegen helfen können. Die Menschen müssen aufgeklärt werden, sie müssen erfahren, warum Flüchtlinge sich entschieden haben, nach Europa zu kommen. Was ihnen drohte, was sie erlebten, was sie ertragen mussten.

Das geht aber nicht allein mit Broschüren, und auch noch so gute Reportagen können eines nicht ersetzen: die Begegnung. Dafür braucht es bessere Konzepte zur Integration der Flüchtlinge, für die Bürger bessere Möglichkeiten der Annäherung an die neuen Nachbarn. Und sei es zunächst nur der Austausch von Rezepten beim gemeinsamen Kochen.

Nichts wirkt so stark wie Begegnungen

Mancherorts funktioniert das bereits: Ehrenamtliche organisieren Zusammenkünfte und Hilfe. Doch wo der Gemeinsinn fehlt, müssen das die Kommunen besser als bisher erkennen und Foren schaffen, Treffen veranstalten, Ideen haben.

Wo dies bereits stattfindet, zeigt sich der Nutzen: Tausende Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen bei Behördengängen, mit Sprachkursen oder Sachspenden. Experten und Hilfsorganisationen sagen, die Deutschen seien weit hilfsbereiter als in den neunziger Jahren. Das Potenzial ist also da. Doch in diesen Zeiten muss noch mehr passieren, um der neuen Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken.

Viele Sorgen von Anwohnern ließen sich sicher schnell ausräumen, wenn es mehr Möglichkeiten zur Beteiligung gäbe, schon bevor Flüchtlinge einziehen. Wenn es von Anfang an die Gelegenheit gäbe, sich an den Konzepten zu beteiligen, Ideen beizusteuern, Ängste und Hoffnungen zu formulieren und gemeinsam Lösungen für mögliche Probleme zu finden. Es wäre ein Rezept gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins, wenn Bürger seltener vor vollendete Tatsachen gestellt würden.

All das muss organisiert werden, damit Asylsuchende in Deutschland auf mehr Verständnis treffen. Und: Es muss schnell geschehen, damit die subtile Abneigung gegen Fremde, die leise Angst vor dem, was man nicht kennt, das stille Einverständnis, dass eigentlich niemand diese Menschen in seiner Umgebung haben will, nicht weiter schwelen.

Sonst ist der Punkt, an dem nur leere Asylbewerberunterkünfte in Flammen aufgehen, vielleicht bald überschritten. Dann droht uns ein neues schreckliches Beispiel für offenen Fremdenhass in Deutschland, ein neues Rostock-Lichtenhagen.

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Foto: Jeannette Corbeau

Benjamin Maack ist Redakteur im Panorama-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

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