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Anschläge in Norwegen Die Grenzen der Freiheit

Der Attentäter von Oslo hat die norwegische Gesellschaft an ihrem wunden Punkt getroffen, der Offenheit. Nun hält die Polizei Details über Vermisste und Opfer zurück, Kritik an Pannen will sie nicht hören. Ein Land sucht nach der Balance zwischen Sicherheit und Freiheit.

Es ist eine lange Liste mit Vermissten, die der norwegische Fernsehsender NRK auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Neun Namen von Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren stehen am Montagmorgen dort. Sie heißen Marianne, Monica oder Johannes. Auf der Liste stehen auch noch mehr als 40 andere Menschen, die entweder vermisst werden oder ums Leben gekommen sind, aber noch nicht identifiziert wurden. Ihre Namen werden nicht bekanntgegeben. Sie werden nur beschrieben als "Junge (18) aus Kristiansand" oder als Gruppe von "sieben Personen aus Trøndelag".

Die große Zahl der Vermissten überrascht - die Polizei sprach in den vergangenen Tagen immer nur von "einigen Menschen", deren Schicksal ungeklärt ist. Sie gibt die Namen vieler nicht frei und veröffentlicht keine weiteren Details zu den Menschen, die möglicherweise noch unter den Trümmern im Osloer Regierungsviertel liegen oder die im Fjord rund um die Insel Utøya vermutlich auf der Flucht ertrunken sind. Unklar ist auch noch immer die genaue Zahl der Todesopfer, die Polizei wolle diese möglicherweise nach unten korrigieren, hieß es am Morgen.

Norwegische Politiker haben in den vergangenen Tagen immer wieder hervorgehoben, dass Norwegen offen bleiben soll, dass man nicht zulassen dürfe, dass der Attentäter es schafft, dieses wichtige Fundament der Gesellschaft anzugreifen.

Niemand will Kapital schlagen aus den Versäumnissen

Die schleppende Informationspolitik der Polizei passt nicht zu dieser Offenheit - aber sie zeigt, wie verunsichert Norwegen nach den Anschlägen ist, wie wenig das Land eine Balance zwischen Transparenz und Vertrauen, angemessener Sicherheit und Zurückhaltung gefunden hat.

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Norwegen: Ein Land ringt um die Balance

Foto: Berit Roald/ dpa

Der Einsatz gegen den Terror hat die Sicherheitskräfte überfordert. Es dauerte rund 60 Minuten, bis die Beamten nach der ersten Meldung über eine Schießerei auf der Insel eintrafen.

Der einzige zur Verfügung stehende Helikopter parkte auf dem rund 50 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Flughafen Rygge, aus der Hauptstadt kam die Polizei mit dem Auto. Die Bereitschaftsgruppe vom Festland brauchte 16 Minuten, um vom Ufer auf die Insel zu kommen, ein Boot war nicht zur Stelle.

Viele Jugendliche seien mit ihren Anrufen bei der Polizei nicht durchgekommen, es sei unmöglich gewesen, sie alle entgegenzunehmen, erklärte die Polizei. Es gibt auch Berichte, wonach Jugendliche am Telefon abgewimmelt wurden, weil sie die Leitungen wegen des Vorfalls in Oslo nicht blockieren sollten.

Und auch am Tag drei werden immer neue Pannen der Polizei bekannt. Zehn wertvolle Minuten verloren die Einsatzkräfte auf dem Weg zur Insel, weil der Motor ihres Bootes ausfiel und die Polizisten in ein anderes Schiff umsteigen mussten, meldet die Zeitung "Aftenposten" am Montag.

Norwegen trauert - und noch ist die Kritik an möglichen Fehlern bei der Rettung in der Presse und auch in der Politik zurückhaltend. Niemand will jetzt billig Kapital schlagen aus möglichen Versäumnissen. Die Polizei weist von sich, dass sie nicht schnell genug reagiert habe.

Eine Debatte um die Sicherheit wird es in Norwegen dennoch geben.

Im Regierungsviertel funktionierte der Noteinsatz der Polizei besser. Dort aber hätte - im Gegensatz zur Insel Utøya - der Anschlag viel einfacher verhindert werden können.

Der Preis der Offenheit

Eine mögliche Bedrohung hat es seit längerem gegeben. Die norwegischen Sicherheitsbehörden wissen von einer potentiellen Gefahr durch das Terrornetzwerk al-Qaida. Qaida-Ideologen hatten Norwegen explizit als Feind beschrieben - unter anderem weil das Land sich am Einsatz in Afghanistan beteiligt. Mit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemark vor fünf Jahren rückte Skandinavien insgesamt ins Visier der Terroristen.

Und erst vor wenigen Wochen hatten norwegische Sicherheitsdienste ihre Einschätzung, dass sie ein Anschlagszenario al-Qaidas in dem Land für möglich halten, erneuert.

Dennoch gab es keine Sicherheitsvorkehrungen im Regierungsviertel - die Straßen, in denen die Ministerien und der Sitz von Premier Jens Stoltenberg liegen, waren nicht abgesperrt. Der mutmaßliche Attentäter Breivik konnte vorfahren und seine Bombe zünden. Mindestens sieben Menschen starben bei dem Anschlag - wären nicht Ferien und viele Mitarbeiter im Urlaub, hätte es möglicherweise deutlich mehr Opfer gegeben.

Erst seit einigen Jahren verbietet ein Verkehrsschild Autos die Durchfahrt durch die Straße, in der alle Ministerien und Stoltenbergs Büro liegen. 2009 entschied der Osloer Stadtrat, dass die Straße komplett abgeriegelt werden solle. Passiert ist seitdem nichts. Jetzt sind durch den Anschlag Dutzende Regierungsbüros zerstört, ganze Ministerien müssen umziehen.

Auch im Ausland stießen die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen auf Verwunderung: Ehemalige Regierungsmitarbeiter berichten SPIEGEL ONLINE, dass in der Vergangenheit viele ausländische Politiker große Bedenken hatten, sich bei Staatsbesuchen im Büro des norwegischen Premiers zu treffen. Zu verwundbar schien ihnen diese Zone.

"Der Preis unserer Offenheit darf nicht sein, dass Regierungsmitarbeiter bei der Arbeit um ihr Leben fürchten müssen", sagt Elisabeth Udgaard, 32, die in einem norwegischen Ministerium arbeitet. "Offenheit und Sicherheit schließen sich nicht aus. Keinen Schutz zu haben ist nicht offen, sondern naiv. Norwegen muss endlich in der Realität ankommen", sagt Udgaard.

Die Bombe am Freitag explodierte nur 200 Meter vom Büro der jungen Frau entfernt. "Und ich war noch weit weg - zwischen dem Anschlagsort und meinem Schreibtisch liegen noch acht andere Ministerien."

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