SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Mai 2006, 13:15 Uhr

Anschläge von London

Geheimdienst hatte Spur zu Attentätern

Fahnder des britischen Geheimdienstes hatten schon vor den Londoner Anschlägen Hinweise auf zwei der späteren Rucksackbomber. Das geht aus einem heute veröffentlichten Parlamentsbericht hervor. Mangels Personal konnten die Ermittler der Spur allerdings nicht nachgehen.

London - Die Spur führte zu Sidique Khan und Shehzad Tanweer. Allerdings sei zum damaligen Zeitpunkt ihre Identität noch nicht geklärt gewesen. Dafür hätten einfach die verfügbaren Einsatzkräfte nicht gereicht, heißt es in dem heute vorgelegten Bericht zu den Anschlägen vom Juli vergangenen Jahres.

Die Bedeutung der beiden polizeibekannten Attentäter habe sich erst nach den Anschlägen herausgestellt. "Da es damals dringendere Prioritäten gab, darunter die Notwendigkeit, bekannte Pläne zu Angriffen auf das Vereinigte Königreich zu verhindern, wurde entschieden, der Spur nicht weiter nachzugehen", heißt es in dem Bericht. "Wenn mehr Mittel zur Verfügung gestanden hätten, wären die Chancen auf eine Vereitelung der Juli-Anschläge möglicherweise höher gewesen."

Auch die Telefonnummer eines dritten Attentäters wurde in den Akten des Inlandsgeheimdienstes MI5 entdeckt, allerdings erst nach den Anschlägen. Als Konsequenz müsse die Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden besser koordiniert werden, heißt es in dem Bericht.

Bei den Anschlägen auf drei U-Bahn-Stationen und einen Bus wurden am 7. Juli vergangenen Jahres mehr als 50 Menschen getötet, rund 700 wurden verletzt.

Eine Verbindung der Attentäter zum Terrornetzwerk al-Qaida ist weiter unklar, wie aus dem Dokument des parlamentarischen Geheimdienstausschusses hervorgeht. Der ebenfalls heute veröffentlichte Abschlussbericht des Innenministeriums über die Anschläge auf das Londoner Nahverkehrssystems kommt zu dem Schluss, dass Khan und seine Mittäter auf eigene Faust und ohne Verbindung zur Qaida oder anderen internationalen Terrororganisationen handelten.

Nach Erkenntnissen des Parlamentsberichts dagegen hatten zwei der vier Attentäter "wahrscheinlich" Kontakt zu Qaida-Mitgliedern in Pakistan. Khan sei 2003 in Pakistan gewesen. Zusammen mit Tanweer habe er sich außerdem von November 2004 bis Februar 2005 in Pakistan aufgehalten. Es sei noch unklar, wen die beiden Männer dort getroffen hätten. Informationen zufolge, die Anfang April veröffentlicht worden waren, hatte die Qaida nichts mit den Anschlägen zu tun.

Opposition wirft Geheimdienst Versagen vor

Dem Bericht des Innenministeriums zufolge haben die vier Attentäter ihre Anschläge auch komplett aus eigener Tasche finanziert. Die Anschläge hätten 11.700 Euro gekostet, teilte der britische Innenminister John Reid bei der Vorstellung  des Dokuments mit. Das Geld sei mit Methoden gesammelt worden, die "nur schwer mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden konnten", sagte Reid weiter. Die Bomben seien mit Teilen gebaut worden, die im freien Handel einfach zu erwerben seien und mit sehr wenig Fachkenntnis zusammengesetzt werden könnten. Die Bomben wurden nach Erkenntnissen der Behörden mit Bauplänen hergestellt, die im Internet zu finden sind.

Die konservative Opposition hielt der Regierung vor, zu viele Fragen offen gelassen zu haben. Es habe "eindeutig ein erhebliches Versagen" der Geheimdienste gegeben, sagte ihr innenpolitischer Sprecher David Davis.

Bei den Familien der Hinterbliebenen und den Verletzten stießen die Berichte auf ein unterschiedliches Echo. Mehrere Angehörige warfen den Behörden vor, wenig Neues herausgefunden zu haben. Der Fahrer des ausgebombten Busses, George Psaradakis, sagte: "Wenn jemand sich selbst umbringen und anderen schaden will, kann ihn niemand davon abhalten."

dab/AP/AFP/ddp

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung