Schwuler Ex-Mönch über kirchliche Segensverweigerung »Mein Austritt war die einzig richtige Entscheidung«

Der Vatikan will keine homosexuellen Paare segnen. Ex-Mönch Anselm Bilgri hat gerade einen Mann geheiratet – und die Verachtung der Kirche für gleichgeschlechtlich Liebende gründlich satt.
Ein Interview von Annette Langer
Ex-Benediktinermönch Anselm Bilgri (r.) mit Ehemann Markus nach der Trauung am 12. März in München: »Ich fühle mich sauwohl«

Ex-Benediktinermönch Anselm Bilgri (r.) mit Ehemann Markus nach der Trauung am 12. März in München: »Ich fühle mich sauwohl«

Foto: Peter Kneffel / dpa

SPIEGEL: Herr Bilgri, Sie waren Benediktinermönch und Vorstehender im Kloster Andechs in Bayern. Inzwischen sind Sie aus der katholischen Kirche ausgetreten und haben gerade Ihren Partner standesamtlich geheiratet. Wollen Sie sich auch segnen lassen?

Bilgri: Unbedingt, aber erst wenn die Pandemie so weit eingedämmt ist, dass wir mit Freunden und Verwandten ohne Abstand fröhlich feiern können. Ich bin inzwischen Mitglied der alt-katholischen Kirche – und die sträubt sich im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche nicht, uns den Segen zu erteilen.

SPIEGEL: Die Glaubenskongregation in Rom hat das Segnungsverbot für Homosexuelle gerade mit einer offiziellen Note bekräftigt und damit heftige Kritik in Deutschland ausgelöst.

Bilgri: Das passte wirklich wie die Faust aufs Auge: Ich habe am Freitag einen Mann geheiratet, und am Montag kam die Ansage aus Rom, dass Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften weiter verboten sind. Das hat mir noch einmal bestätigt, dass mein Kirchenaustritt die einzig richtige Entscheidung war. Die katholische Kirche ist einfach hoffnungslos realitätsfern.

SPIEGEL: Macht Sie die Entscheidung wütend?

Bilgri: Über Wut bin ich schon lange hinaus. Aus jedem Wort dieses Dekrets spricht die Geringschätzung für homosexuelle Menschen. Dabei sind es doch gerade die der Kirche zugewandten gleichgeschlechtlich Liebenden, die den Segen erbitten und dann vor den Kopf gestoßen werden. Das muss sich niemand bieten lassen.

SPIEGEL: Der Ton des Vatikanschreibens  ist gewohnt paternalistisch. Man betreibe keine Diskriminierung, heißt es. Homosexuelle müssten mit Respekt behandelt werden. Einige könnten sogar gesegnet werden, wenn sie denn Gottes Plan folgten – also ihre sexuelle Identität nicht ausleben.

Bilgri: Im kirchlichen Selbstverständnis ist das nur logisch. Die katholische Sexualmoral ist ja im Kern eine Ehemoral. Sex ist nur erlaubt in der Ehe zwischen Mann und Frau, wo er der Fortpflanzung dient. Andernfalls wird er als schwere Sünde betrachtet. Daran halten sich die Gläubigen natürlich schon lange nicht mehr.

SPIEGEL: Wer seine Homosexualität nicht praktiziert, wird geduldet. Damit entkoppelt ausgerechnet die Kirche die körperliche von der allumfassenden Liebe für einen Menschen. Als ob gleichgeschlechtliche Liebe nicht auch im Kopf und im Herzen existierte, schaut das Dogma nur auf die Sexualität.

Bilgri: Und genau das ist Diskriminierung. In München werden einmal im Jahr Hunde und Katzen in Kirchen gesegnet, auch Orgeln und Rosenkränze. Aber Menschen, die sich lieben und sagen, wir wollen zusammenbleiben, wird der Segen verwehrt. Das ist ein Skandal.

SPIEGEL: In Deutschland haben rund tausend Gläubige eine Facebook-Petition gegen das Vatikanschreiben unterzeichnet, in Österreich gibt es den »Aufruf zum Ungehorsam 2.0« mit 350 Geistlichen, die weiter Homosexuelle segnen wollen. Sind Kurie und katholische Basis irreversibel gespalten?

Bilgri: Das Fass ist am Überlaufen. Die Leute lassen sich nicht mehr alles gefallen, was aus Rom kommt. Es gibt vereinzelte Zustimmung, aber vor allem massive Kritik an dem Vatikanschreiben. In Deutschland, wo Bewegungen wie Maria 2.0 den Unmut der Basis bündeln, ist die Kluft zwischen Dogma und Lebenswirklichkeit riesengroß.

SPIEGEL: Ist es der Kirchenbasis noch vermittelbar, dass der Papst sich wohlwollend und tolerant gegenüber Homosexuellen gibt, aber die Hardliner in der Glaubenskongregation trotzdem machen, was sie wollen?

Bilgri: Ich bin dem Papst gegenüber kritisch. Ich halte ihn nicht für einen liberalen Reformer. Er hat Respekt vor dem Einzelnen, ist aber in der Sache hart. Zwar geht er auf die Menschen zu, er ist auch, was soziale Fragen und Klimabelange angeht, sehr modern und politisch links. Aber was das Theologische betrifft, folgt er dem Motto: »Den Irrtum töten, aber die Irrenden lieben«. Franziskus will an der Lehre nichts verändern.

SPIEGEL: Dass der Vatikan auf dem Dogma beharrt, überrascht nicht. Hätten Sie anderes erwartet?

Bilgri: Ich hätte erwartet, dass der Vatikan gar nicht auf diese Anfrage aus Kirchenkreisen antwortet. Das wäre auf jeden Fall klüger gewesen.

SPIEGEL: Warum?

Bilgri: Die Kirche hat Dogmen nie revidiert, weil sie sich für unfehlbar hält. Sie hat unpassende neue naturwissenschaftliche Erkenntnis ausgesessen, totgeschwiegen und eine Debatte unterdrückt. Deshalb hätte eher den Gepflogenheiten der Glaubenskongregation entsprochen, nicht zu antworten.

SPIEGEL: Warum kam es anders?

Bilgri: Ich gehe davon aus, dass konservative innerkirchliche Gegner des Papstes die Glaubenskongregation angerufen haben, um Franziskus' Autorität zu untergraben und eine Antwort in ihrem Sinne zu erzwingen. Sie wollten auch die Position der aufgeschlossenen deutschen Bischöfe schwächen. Es war völlig klar, dass die Bekräftigung des Segnungsverbots für Homosexuelle in Deutschland, Westeuropa und den USA zu einem Aufschrei führen würde.

SPIEGEL: Ist die römische Theologie mit ihrem Schreiben in die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) zurückgefallen?

Bilgri: Die Haltung gegenüber Schwulen und Lesben hat sich in Rom seit den Sechzigerjahren nur wenig verändert und geht im Wesentlichen konform mit dem Katechismus, den Papst Johannes Paul II. 1992 veröffentlicht hat. Theologen  beobachten ein Festhalten an der Morallehre der Fünfzigerjahre.

SPIEGEL: In Ihrem Leben spielt die römisch-katholische Kirche jetzt keine Rolle mehr. Wie geht es Ihnen damit?

Bilgri: Ich fühle mich sauwohl. Ich habe nicht mehr das Gefühl, in Sünde zu leben, niemand schreibt mir etwas vor, dieses unsinnige Schreiben aus Rom geht an mir vorbei. Aber es tut mir leid um alle, die noch in der katholischen Kirche sind und darunter leiden.

SPIEGEL: Was raten Sie liberalen Geistlichen in der jetzigen Situation?

Bilgri: Mutig sein und trotzdem segnen. Ich möchte den Bischof sehen, der einen solchen Pfarrer maßregelt.