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GEWALT Ansichten eines Mörders

Sie ist der Schrecken der Spanien-Urlauber, der Polizisten und Politiker: Die baskische Terrorgruppe Eta bombt und tötet seit 1968, zuletzt vor zwei Wochen. Einer der über 800 Morde ist das Werk von Kandido Azpiazu. Er erschoss den Mann, der ihm einst das Leben rettete. Von Erwin Koch
Von Erwin Koch
aus DER SPIEGEL 32/2001

Der Mann blickt auf seine Hände, die Rechte streichelt die Linke, andächtig fast, der Mann schweigt, kratzt sich trockenen Leim von den Fingern.

Ich bin kein Mörder.

Regen klopft ans Fenster, vierter Stock links, im tiefsten Baskenland.

Ich bin kein Mörder.

Wir trinken aus goldgeränderten Tässchen auf goldgeränderten Tellerchen, essen Süßes von Bahlsen. Es ist Sommer und Nacht im Dorf Azkoitia, das zwischen grünen Bergen liegt, Provinz Gipuzkoa am Fuß der Pyrenäen, und der Mann, im 41. Jahr seines Lebens, hockt unter dem Hochzeitsbild der Eltern, Schweiß drückt durch dünne Haut, ich bin kein Mörder.

Aber Sie haben getötet.

Weil es getan werden musste, sagt Kandido Azpiazu aus rotem Polster, verstehst du, wollen wir du sagen?

Er lächelt, Scheu schimmert in grauen Augen, ein Kindergesicht.

Frag!, sagt es.

Was ist deine früheste Erinnerung?

Weiß ich nicht.

Keine Erinnerung an deine Mutter?

Sie hieß María Nieves Beristain.

Und gebar Kandido, ihr zweites Kind, im Ehebett an der Calle Guardia, 20. Oktober 1961.

Die Welt, in die sie ihn stieß, war jene des Francisco Franco Bahamonde, Generalísimo, Caudillo, Diktator, sein Bild hing in jeder Kanzlei Spaniens, in jeder Schule des Landes, seine Schergen wachten in allen Dörfern, prügelten los, wenn jemand wagte, eine Rede in baskischer Sprache zu halten, Baskisch zu predigen oder zu lehren. Franco war Alltag und Gebot. Diesem zu trotzen hatten sich zwei Jahre zuvor, 31. Juli 1959, am Tag des baskischen Heiligen Ignatius von Loyola, junge baskische Männer zu einem Bund gefunden, den sie »Baskenland und Freiheit« nannten, »Euskadi ta Askatasuna«, Eta. Hatten aufgerufen zur Verteidigung des baskischen Wesens, zu nationaler Unabhängigkeit. Erlaubten, um jenes Ziel zu erreichen, jedes Mittel. María Nieves Beristain und ihr Mann José Azpiazu, der Schreiner war wie sein Vater und sein Großvater, nannten ihren zweiten Sohn Kandido, Kandido den Aufrichtigen, Weißen, Strahlenden; und in der Straße, wo das Kind zu kriechen begann, wohnten Francos Polizisten und ein Mann, den sie im Dorf den Maler nannten, ein netter Herr, sein Name war Ramón Baglietto Martínez.

Du kanntest ihn?

Ja, sagt Kandido Azpiazu.

Du wusstest, was er getan hatte?

Ramón Baglietto stand vor seinem Geschäft, es war der 21. September 1962, ein Freitag, Baglietto langweilte sich. Er sah, wie María Nieves, die Frau des Schreiners Azpiazu, mit ihren beiden Söhnen die Avenida de Calvo Sotelo querte, die heute Xabier Munibe kalea heißt. Der Größere, José Manuel, war zwei Jahre alt, der Jüngere, Kandido, elf Monate und einen Tag. Den einen führte die Frau an der Hand, den anderen trug sie auf dem Arm. Es war vier Uhr am hellen heißen Nachmittag. Da entfiel dem Älteren der Ball, den er bei sich hatte, der Ball rollte auf die Straße, der Kleine setzte ihm nach. Und jetzt braust ein Lastwagen heran, Kennzeichen BU-3616, María Nieves schreit auf, rennt los, Ramón Baglietto, der ohne Grund am Straßenrand steht, reißt ihr das Kind aus den Armen, den kleinen Kandido, der noch nicht gehen kann, die Frau rennt weiter, ihren Erstgeborenen zu retten, stürzt, gerät unter die Maschine, bleibt leblos im Staub, neben ihrem toten Kind José Manuel. Kandido aber, von einem -Fremden umarmt, weint nicht, Baglietto krümmt sich zu María Nieves Beristain, 30 Jahre alt, die ihr Dorf Azkoitia nie verlassen hat, drückt ihr ein kleines Kreuz in die Hand, das er immer bei sich trägt, Ramón Baglietto, den man im Dorf den Maler nennt, verlobt mit María Pilar, der Tochter des alten Elías, der am Weg nach Elgoibar die einzige Tankstelle besitzt.

Nein, sagt der Mann, ich erinnere mich nicht an meine Mutter.

Aber du wusstest, dass Ramón Baglietto dich gerettet hatte?

Mein Vater hat es mir nie erzählt.

Er schabt Leim von den Fingern.

Wir trinken Kaffee aus goldgeränderten Tässchen, unter der Decke klebt Stuck, an der Wand Pausbäckiges, Blumen, Familienfotos, ein Kugelfisch.

Das ganze Dorf saß in der Kirche Santa María La Real von Azkoitia, um Abschied zu nehmen von María Nieves Beristain und ihrem Sohn José Manuel Azpiazu, der Pfarrer redete vom unergründlichen Willen des Allmächtigen, und jammernd zog das Dorf die steile Straße hinauf, die zum Friedhof führt, legte die Frau und den Sohn des Schreiners, der nur Freunde hatte, in ein tiefes neues Grab. Tage später trat der Schreiner in den Laden des Malers, weinte und gab Ramón Baglietto das kleine Kreuz zurück, das die Tote in ihren Händen hielt, als er sie im Staub fand.

Azpiazu sagt: Vater heiratete ein zweites Mal. Wir waren eine normale arme Familie, wir waren sehr normal.

Sprach man über Politik?

Selten, antwortet Azpiazu, und wenn, dann schickte man mich aus dem Zimmer.

Hasste, liebte dein Vater den General Franco?

Nein, sagt er endlich, Vater kannte nur den einen Satz: Politik macht nicht satt.

Kandido Azpiazu war fast sieben Jahre alt und sang, wenn er die Schule erreichte, jeden Morgen froh die spanische Hymne mit, als die Eta, »Baskenland und Freiheit«, zum ersten Mal tötete. Ein Mitglied war in eine Kontrolle geraten, hatte den Polizisten niedergestreckt, der seine Papiere verlangte, 7. Juni 1968. Zwei Monate später holte die Eta mit Plan und Vorsatz aus, sie erschoss den Polizeichef von Irún, einen bekannten Folterer, das Morden war eröffnet, und Kandido, schüchternes leises Kind, grölte mit, wenn in den Gassen von Azkoitia der Tod eines spanischen Feindes zu feiern war.

Regen klopft ans Fenster, das Tonband läuft, und Kandido Azpiazu, bleich und kahl, zieht die weißen Socken hoch.

Frag!, sagt der Mann und grinst.

Hat dich, als du Kind warst, je ein Polizist geschlagen?

Nein.

Hat ein Polizist je deinen Vater geschlagen?

Nein.

Wie wurde ein Mörder aus dir?

Ich bin kein Mörder. Kein Held. Bin normal.

Du hast getötet.

Aus historischer Not, sagt der Mann und verwirft die großen Hände, aus Verantwortung dem baskischen Volk gegenüber, das ein großartiges Volk ist, eine großartige Kultur besitzt, eine der ältesten Sprachen Europas spricht, nie bezwungen wurde von Römern, Westgoten oder Arabern. Ein Volk, so ganz anders als die Spanier.

Kandido, das Baskenland war nie unabhängig, war nie ein Staat. Und das Baskenland ist zweisprachig seit vielen hundert Jahren.

Aber wir Basken waren zuerst hier.

Kandido, nur ein Viertel der Menschen im Baskenland beherrscht Baskisch, nur ein Zehntel nutzt es.

Ich wurde gefoltert, sagt Azpiazu, mit elektrischen Schlägen, die Spanier drückten meinen Kopf unter Wasser, bis ich fast ertrank, sie stülpten mir Plastik übers Gesicht, bis ich fast erstickte.

Wann war das?

Nach meiner Verhaftung.

Was war das Schönste an deiner Kindheit?

Azpiazu bettet sich ins Polster, überlegt lange, aus der Küche schallt das Scheppern der Teller, die Frau wäscht Geschirr.

Das Schönste? Alles war schön, redet er in weichen, warmen Sätzen.

Schön war es, meinem Vater bei der Arbeit zuzusehen. Er hat mich zum Schreiner gemacht. Und schön war dieses Gefühl, Baske zu sein, schön die Gewissheit, dazuzugehören, damals, 1970, als Franco fast die gesamte Führung der Organisation verhaftete und vor Gericht stellte, um sie hinzurichten, der berühmte Schauprozess von Burgos, der aber die Welt nach Euskadi brachte und der Eta so viel Aufmerksamkeit, dass Franco die sechs Todesurteile widerrief. Schön, sagt der Mann auf dem roten Sofa, war auch der Tag des 20. Dezember 1973, als wir Luis Carrero Blanco ausschalteten, den Ministerpräsidenten des spanischen Staates, den Franco zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, das Auto, in dem wir ihn erwischten, flog zehn Meter hoch über eine Mauer, ich war erst zwölf und fühlte, dass wir kämpfen mussten, um Volk sein zu dürfen.

Dann sagt Azpiazu, gehäkelte Deckchen vor sich: Seit ich denken kann, kämpfe ich für die Unabhängigkeit der Basken. Eine goldene Kette hängt an seinem Hals, ein goldenes Schild, das Rhesusfaktor und Blutgruppe nennt.

Kandido Azpiazu, inzwischen 15-jährig, kannte den Zorn seines Vaters, der nichts mehr liebte als Ruhe und Holz, und also erdachte sich das Kind, wenn es zu den geheimen Treffen der Abertzale, der Patrioten, schlich, ständig neue Lügen. Ertappte der Vater den Sohn trotzdem bei der Politik, nahm der Knabe die Schläge in Kauf, machte sich noch leiser aus dem Haus.

Es war einem immer bewusst, sagt Azpiazu, dass man eines Tages machen würde, was man später wirklich tat. Dies war ein langer Prozess. Man sagt sich nicht plötzlich: Heute wird man Attentäter, verstehst du, verstehst du? Man reift, bis ...

Nun schweigt er, fährt sich mit der Linken übers müde Gesicht. Es ist eine schwere, schwüle Nacht, Gewitter flackern hinter den Hügeln, das Tonband summt.

Kandido, wie sah damals dein Kampf aus?

Ich hängte die Ikurriña, unsere verbotene baskische Fahne an Laternen, schrieb Botschaften auf Mauern, riskierte den Kerker, reiste, als Franco schon tot war, Ende 1975, nach Donostia, San Sebastián, lärmte und schrie gegen den spanischen Staat. Wurde dort, zum ersten Mal, von einem Polizisten geschlagen.

Dann, 16-jährig, wollte Kandido Azpiazu zur Organisation. Wollte Gudari werden, ein Krieger der Basken. Dem Mann, dem er sich eines Nachts in einer engen Bar empfahl, war Azpiazu zu jung und schwach. Das Kind gab nicht auf, suchte sich Tage später einen anderen, wurde schließlich Glied von »Euskadi ta Askatasuna«, Eta, lernte schnell, nicht mehr von Spanien zu reden, sondern vom spanischen Staat, lernte, es müssten zur Erreichung der Unabhängigkeit jene Mittel gebraucht werden, die die jeweilige historische Situation verlange. Azpiazu, Schreinerkind, war glücklich und geborgen, niemand wusste von seinem Geheimnis.

Es war der Wille des Volkes, der mich zur Eta brachte.

Lerntest du schießen?

Der Mann lächelt, wird steif, er rutscht übers Sofa.

Frag was anderes.

Bist du oft auf dem Friedhof?

Ja.

Am Grab deiner Mutter?

Ja.

Auch am Grab des Ramón Baglietto?

Der Schule entkommen, arbeitete Kandido Azpiazu, heimlicher Krieger gegen alles Spanische, bei einem Holzhändler im Nachbardorf Azpeitia, in der Werkstatt des Vaters war kein Platz für einen zweiten Schreiner. Francisco Franco war tot und Geschichte, die neue Regierung in Madrid ließ die gefangenen Terroristen aus den Gefängnissen, fast 600 Menschen, erlaubte den Basken, ihre Fahne in die Straßen zu hängen, das weiße schlanke Kreuz und das grüne X auf rotem Grund. Am 25. Oktober 1979, Kandido Azpiazu war eben 18 Jahre alt geworden, stimmten die drei baskischen Provinzen Araba, Bizkaia und Gipuzkoa über ein Autonomiestatut ab, das der Staat der Spanier ihnen zu gestatten bereit war. Die Eta aber und ihre Verlängerung in den Rathäusern, die Partei »Herri Batasuna«, »Volkseinheit«, riefen zur Enthaltung auf. Von jenen, die sich nicht schrecken ließen, 60 Prozent der Berechtigten, hießen 90 Prozent den Vorschlag gut.

Dieses Statut, knurrt Azpiazu in die Nacht, kann unseren Willen nicht lähmen.

Dieses Statut, Kandido, erlaubt euch Basken die eigene Sprache, eine eigene Verwaltung, eigene Polizei, eigene Zeitungen, Fernsehstationen, Universitäten, Schulen, die von Madrid gefördert werden.

Dieses Statut, sagt der Mann, dient dem spanischen Staat einzig dazu, uns zu spalten und zu knechten. Dieses Statut, sagt Kandido Azpiazu ruhig und weich, kann uns nicht aufhalten.

Was willst du?

Unabhängigkeit.

Von was?

Er dreht den Kopf ins Nichts.

Ist die Unabhängigkeit dein Traum?

Es war April 1980, die Krieger von »Baskenland und Freiheit« mordeten fast täglich, Genickschuss, Bombe, als Kandido Azpiazu, der schüchterne Holzhändler, von seinem Führer den Befehl vernahm, zu töten.

Erschrakst du?

Der Mann zaudert.

Wir Glieder einer bewaffneten Organisation verspüren den Wunsch zu töten nicht.

Konntest du dich nicht weigern?

Wollte ich nicht.

Nun drückt er sich aus dem Polster, sein Gesicht ist weiß und starr, Azpiazu zittert.

Er sagt: Der Moment ... der Moment war hart.

Hattest du Angst?

Nein. Man wusste, was zu tun war, man bewegte sich vorsichtig, man war besorgt, aber nicht ängstlich, man war bereit, sein Leben zu geben.

Du kanntest den Mann?

Ja.

Du wusstest, dass er dir einst das Leben rettete?

Mein Vater hatte es mir nie erzählt, niemand hatte es mir erzählt.

Und wenn du es gewusst hättest?

Was willst du? Wenn ich es gewusst hätte ... es musste sein.

Warum?

Der Mann war Teil des Unterdrückungsapparates, er war bekannt mit Marcelino Oreja, dem damaligen Außenminister des spanischen Staates.

Das genügte?

Der Entschluss kam von oben.

Er war Baske, wie du.

Einen Monat lang, jeden Morgen, jeden Abend, schlichen Kandido Azpiazu und zwei Gehilfen um die einzige Tankstelle im Dorf Azkoitia, sahen Ramón Baglietto - einst stellvertretender Bürgermeister und nun Mitglied der UCD, Unión de Centro Democrático, die, demokratisch gewählt, Spanien regierte - aus dem Haus seiner Frau kommen. Sie sahen den Mann in seinen Wagen steigen, einen Seat 124, Kennzeichen SS-9197-K, folgten ihm, jeden Morgen, über die Höhe von Azkarate, enge schmale Kurven, nach Elgoibar, wo der Mann Tapeten, Farben, Möbel verkaufte. Sie wussten, in welcher Kneipe er am liebsten saß, in der »Atraskuna« hinter der Kirche, wann er zu Mittag aß, um halb drei in der »Txarridurra«, wo er seine Zeitung kaufte, dass er den Frauen und Schnäpsen nachstellte, oft zu spät nach Hause kam.

Kandido Azpiazu sah, wie Ramón Baglietto, den er töten würde, und seine Ehefrau María Pilar und ihre zwei Söhne, 9 und 13 Jahre alt, am Mittag des 11. Mai 1980 nach San Sebastián fuhren und dort im Krankenhaus einen Freund besuchten, der eben sein zweites Attentat überlebt hatte, Lungenschuss.

Der Mörder sah, wie sein Opfer mit Frau und Kindern aß, ein letztes Mal, die frohe Familie, es war Sonntagabend, Restaurant »Erresil«, Azkoitia, Euskadi.

Standest du je an seinem Grab?

Nein.

Wie hast du ihn umgebracht?

Der Kaffee, in goldgeränderten Tässchen, ist längst kalt, Mitternacht vorbei, und der Mann blickt auf seine großen Hände, zieht die weißen Socken hoch.

Emm, sagt er, schweigt.

Azpiazu zittert. Er legt sich die Hand ins Gesicht.

Eine bewaffnete Aktion, sagt er dann, macht man nicht mit Luftballons. Was geschah, war die Aktion eines konsequenten Mitglieds ... nichts anderes.

Am Montag, dem 12. Mai 1980, abends kurz vor neun Uhr, rief Ramón Baglietto seine Frau in Azkoitia an, sprach: Ich komme nun nach Hause, bereite das Nachtessen vor. Baglietto, 43 Jahre alt, setzte sich in sein Auto, fuhr auf der schmalen Straße, die über den Pass von Azkarate heimwärts führt. Es war dunkel, es regnete. Azpiazu, 18 und Abertzale, baskischer Patriot, folgten dem Mann in einem blauen Renault 4, den sie Tage zuvor gestohlen hatten, trieben ihr Opfer in eine enge Kurve. Dort, im Gebüsch, lauerten die Helfer und schossen, als Baglietto sein Fahrzeug bremste, aus Maschinengewehren, Baglietto war getroffen, das Auto stieß gegen einen Baum, Baglietto bewegte sich nicht, lag im Wagen, jetzt tritt Kandido Azpiazu an seine Seite, er öffnet die Tür, hebt die große Hand, drückt ab, Parabellum, neun Millimeter, Kopfschuss, wie besprochen.

Ramón Baglietto, Vater und Ehemann, war das 38. Opfer der Eta im Jahr 1980, das 266. seit ihrem Bestehen.

Kandido Azpiazu versteckte die Pistole im Wald, fuhr dann nach Azkoitia und legte sich im Haus des Vaters ins Bett. Gegen zehn Uhr fand die Polizei Bagliettos Leiche, man zog sie aus dem Wagen, dachte zuerst an einen Unfall und sah dann das Loch im Kopf des Toten, der in seiner Jacke einen Zettel mit sich trug, auf dem das Kennzeichen des Autos geschrieben stand, das Baglietto während Tagen gefolgt war. Und ein abgegriffenes kleines Kreuz.

Bereust du?

Es musste sein, sagt Kandido Azpiazu leise und klar, es musste sein, man war nicht stolz darauf, man fühlte keinen Hass, keine Freude.

Tränen glänzen in grauen Augen.

Der Fernseher steht auf einem hellen Möbel, Bauernmalerei, Videokassetten, Kunstblumen in einer hohen Vase, und in der Küche scheppern Teller, Kinderstimmen.

Ja, ich habe zwei Töchter.

Und was würdest du sagen, wenn sie eines Tages zur Eta gingen?

Vielleicht wäre ich stolz. Und hätte gleichzeitig Angst, sie erlebten, was ich erlebte.

Bist du stolz auf dein Leben?

Nein.

Was ist dir wichtig?

Ich mache, was ich muss. Ich umsorge Frau und Kinder.

Kandido Azpiazu schlief nicht in der Nacht seiner Tat.

Es war noch dunkel, fünf Uhr morgens, als sechs Polizisten die Leiche des Ramón Baglietto nach Azkoitia brachten. Frau und Kinder weinten, man legte den Toten ins Wohnzimmer, Avenida de Lácar 14, zweiter Stock links, band ihm den Kiefer hoch, drückte dem Mann das alte kleine Kreuz, das man in seiner Jacke fand, in die klammen Hände. Der Außenminister, unterwegs in Venezuela, telegrafierte Trauer und Bestürzung, der Generalsekretär der UCD sprach: Machtlos sind wir vor dem Gefühl, gejagt zu werden wie Kaninchen. Und Kandido Azpiazu, um nicht aufzufallen, fuhr um acht Uhr zur Arbeit nach Azpeitia, verkaufte Holz, wie alle Tage, redete wenig.

Am 13. Mai schrieb die Eta der Zeitung »El Diario Vasco«, ein antikapitalistisches Kommando habe Baglietto hingerichtet, sein Verbrechen: die Freundschaft mit dem reaktionären Außenminister.

Am 15. Mai war Beerdigung, es regnete den ganzen Tag. Elf Priester standen in der Kirche Santa María La Real zu Azkoitia, Don Jenaro Lecuona predigte: Die Frage Gottes: Wo ist dein Bruder? wird auf jenen lasten, die Ramón Baglietto das Leben löschten. Mit welchem Recht?

Am 17. Mai saß Kandido Azpiazu vor dem Haus des Vaters, der nichts verstand, als Polizisten plötzlich seinen Sohn umstellten, Azpiazu wehrte sich nicht, sah dem Vater nicht ins Gesicht.

Es war der Wille des Volkes, der mich zur Eta brachte.

Bist du noch dabei?

Der Mann sucht Worte.

Nein, sagt er dann.

Wieso nicht?

Weil ... zwar ... man gibt seine Ziele nicht auf, verstehst du? Man beendet vielleicht ein Kapitel, nicht aber das Buch.

Keinen Kontakt mehr zur Eta?

Frag was anderes.

Ist es wahr, dass des ermordeten Bagliettos eigener Cousin, Eugenio Etxebeste, ein Anführer der Eta ist, der berühmte Krieger Antxon?

Tut nichts zur Sache.

Ist es wahr, dass Bagliettos Frau, María Pilar Elías, nach dem Tod ihres Mannes in die Politik ging und heute im Gemeinderat von Azkoitia ist, die einzige Vertreterin des Partido Popular, der Volkspartei, die Spanien regiert?

Ja.

Und dass sie im März vor zwei Jahren eine Bombe im Briefkasten fand?

Azpiazu lächelt: Die ging aber nicht hoch.

Siehst du die Witwe ab und zu, wenn sie mit ihren Leibwächtern durchs Dorf geht?

Ab und zu.

Was fühlst du dann?

Nichts. Die hat ihr Leben, und ich hab meins.

Achtzehneinhalb Jahre alt war Kandido Azpiazu, der Sohn von Schreiner José, als man ihn, an Händen gefesselt, ins Gefängnis von Carabanchel nach Madrid brachte und zehn Tage lang allein in eine Zelle schloss.

Man schlug ihn, quälte ihn, Kandido weinte, gestand schnell, schämte sich dafür und tröstete sich damit, nur unterschrieben zu haben, was sie ihm beweisen konnten. Ende 1981, es war ein kalter Winter, erging der Spruch, Kandido Azpiazu, 20, werde zu 30 Jahren und einem Tag Gefängnis verurteilt. Sie setzten ihn in den Kerker von Soria, fuhren ihn dann nach Herrera de la Mancha, nach Alcalá de Henares, Burgos, Martutene, er sang, wenn sie ihn, zusammen mit anderen Etarras, durchs Land brachten, er lachte, winkte, Azpiazu war nie einsam, es war schön, ein Etarra zu sein, un militante consecuente, mit der Würde unseres baskischen Volkes ertrugen wir die Grausamkeit der Spanier.

Wieso aber, Kandido Azpiazu, kamst du nach zwölf Jahren schon frei?

Das Tonband.

Emm, sagt der Mann und schwitzt.

Gut ... damals ... es gab die Möglichkeit ... die Regierung des spanischen Staates ... die sozialistische Regierung ... es gab die Möglichkeit, früher entlassen zu werden, wenn ...

Hast du unterschrieben, nie mehr Gewalt zu üben?

Emm ... man dachte, es sei gut, wenn einige Etarras ...

Hast du unterschrieben?

Ich habe nichts verraten, sagt der Mann.

Er dreht den Kopf zum Fenster, Scham schimmert aus den Augen.

Gibt es Menschen, die dich verachten?

Vielleicht.

Nach seiner Entlassung kehrte Kandido Azpiazu nach Azkoitia zurück, er war bleich und kahl geworden und erkannte sein Dorf nicht wieder. Die Straßen trugen nun baskische Namen und neuen Teer, teure Autos füllten die Gassen, und der Vater, der so oft beschworen hatte, Politik mache nicht satt, lag neben María Nieves Beristain und seinem Erstgeborenen im Grab. Zwischen Laternen waren Bänder gespannt, Willkommen Kandido, und auf dem Platz vor dem Rathaus, der nun Herriko enparantza hieß, stand eine Bühne, kleine Mädchen in baskischen Trachten reichten Azpiazu Blumen, man hüpfte baskische Tänze, lobte Kandido den verlorenen Sohn, der endlich nach Hause kehre, Azpiazu stellte sich ans Mikrofon, sollte reden, weinte.

Er schlief im Haus des toten Vaters, hielt es dort nicht aus, zog zu der Frau, die zwölf Jahre lang auf ihn gewartet hatte. Jeden Monat zeigte er sich, auf Bewährung entlassen, einem Richter, unterschrieb das Gebot, die Provinz Gipuzkoa nicht zu verlassen und von allem abzusehen, was ihn wieder ins Gefängnis bringen könnte. Azpiazu heiratete, zeugte zwei Kinder. Und wurde Schreiner, wie der Vater, Großvater, Urgroßvater.

Es ist Nacht im Baskenland, der Regen hat aufgehört, letztes Donnern rollt aus den Schluchten. Diese Truhe hier, sagt der Mann, kurze Hose, weiße Socken, diese Truhe habe ich im Gefängnis gemacht.

Kandido Azpiazu zeigt auf ein schweres braunes Möbel, das in der Ecke steht, baskische Zeichen sind aus harter Eiche geschnitzt, Ikurriña, die baskische Fahne.

Ob ich noch den Traum habe?, sagt er.

Der Mann blickt auf seine Hände, andächtig fast, dann auf die goldgeränderten Tässchen.

Noch ein Kaffeechen?, fragt das Kindergesicht.

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