Anthrax-Terror Die tödliche Spur des Papiers

Die Anthrax-Anschläge von 2001 nutzte die US-Regierung sogar als Argument für den Irak-Krieg. Jetzt kommt neue Bewegung in den Fall. Doch die Spur der Fahnder führt nicht nach Bagdad - sondern nach Maryland.

Robert Stevens, 63, Florida. Thomas Morris, 55, Washington. Joseph Curseen, 47, Washington. Kathy Nguyen, 61, New York. Ottilie Lundgren, 94, Connecticut.

Fünf Menschen, fünf Tote, fünf Opfer des Terrors von 2001. Doch von ihnen spricht kaum einer mehr. Keiner verliest ihre Namen bei Gedenkstunden. Keiner ehrt ihre Hinterbliebenen mit Tapferkeitsorden. Das künftige Mahnmal auf Ground Zero wird exakt 2982 Personen auflisten; sie sind nicht dabei.

"Eine Spore vom Haftbefehl entfernt"

Die fünf Amerikaner, die Ende 2001 der postalischen Anthrax-Anschlagswelle zum Opfer fielen, sind vergessen. Sie haben ihre Schuldigkeit getan: als Schlagzeilenfutter für eine Nation in Terror-Panik und, mehr noch, als Argument für den Irak-Krieg, zu dessen Rechtfertigung US-Außenminister Colin Powell dem Uno-Sicherheitsrat eine Ampulle mit weißem Pulver vorhielt.

Weniger als ein Teelöffel des Pulvers habe dazu geführt, dass im Herbst 2001 der US-Senat geräumt werden musste, sagte Powell am 5. Februar vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Der Irak verfüge über so viel Anthrax, dass damit Zehntausende Teelöffel gefüllt werden könnten.

Eine Irak-Connection der Briefe mit den Tod bringenden Anthrax-Sporen wurde zwar nie bewiesen. Der Krieg fand trotzdem statt. Seither hat die amerikanische Öffentlichkeit die Attentatsserie ungelöst zu den Akten gelegt.

Bis jetzt.

Denn hinter den Kulissen kommt jetzt auf einmal neue Bewegung in den Fall. Das FBI, so berichtete der an den Ermittlungen beteiligte Wissenschaftler Don Foster neulich in mehreren Interviews, sei nur noch "eine Spore von einem Haftbefehl entfernt". Die Spur der Fahnder führe dabei jedoch nicht nach Bagdad oder Kabul - sondern in den idyllischen Ort Frederick im US-Bundesstaat Maryland.

Dort wohnt Steven Hatfill, ein mysteriöser Biowaffenexperte und ehemaliger Pentagon-Mann, den das FBI schon seit einiger Zeit als "Person von Interesse" im Visier hatte. Die plötzliche Eile der Fahnder hat jetzt einen guten Grund: Hatfill, 48, hat das FBI inzwischen seinerseits wegen Verleumdung verklagt. Das Verfahren, das in Kürze beginnen soll, stellt das FBI vor eine schlechte Alternative: Entweder es schlägt nun schnell zu und bringt seine Ermittlungen zum Abschluss - oder es riskiert, vor Gericht seine geheimsten Akten offen legen und den Killer womöglich laufen lassen zu müssen.

Die Spur des Papiers

Hatfills Namen geisterte erstmals im August 2002 durch die Medien, Justizminister John Ashcroft hatte ihn genannt. Daraufhin trat der Wissenschaftler, der einst für die US-Regierung an Biowaffen forschte, unter Tränen vor die Kameras und stritt jede Verbindung mit den Todesfällen ab; seitdem ist es still um ihn geworden.

Die Fahndung - mit bisher über 230.000 Arbeitsstunden der aufwendigste Fall in der 95-jährigen Geschichte des FBI - sei jedoch "aktiv und andauernd", teilte der federführende FBI-Inspektor Robert Lambert dieser Tage in einem Briefwechsel zur Hatfill-Klage mit. Mehr noch: Die Bundespolizei habe ihr Raster auf "spezifische Individuen" eingeengt.

Dass es sich bei dem Absender der Anthrax-Briefe eben um Hatfill handele, behauptet der Handschriftenexperte Foster, den das FBI um Prüfung der Giftpost gebeten hatte. Foster hatte sich bereits bewährt. Er identifizierte den "Una-Bomber" Theodore Kaczynski sowie Eric Rudolph, den Bombenleger der Olympischen Spiele von Atlanta. Nun sagte er in einem NBC-Interview: "Die Spur des Papiers" mache Hatfill "zur Person von bemerkenswertem Interesse". Eine Behauptung, die Erinnerungen weckt: zum Beispiel an den unseligen Richard Jewell, den das FBI öffentlich als Bombenleger von Atlanta verdächtigte und der sich am Ende doch als unschuldig entpuppte - ironischer Weise dank einer Handschriftenanalyse von Don Foster.

Tödliche Risiko-Demonstration

"Hatfill ist kein Richard Jewell", behauptet Foster diesmal aber in einer detaillierten Chronologie seiner graphologischen Analyse der Anthrax-Briefe von 2001, die das Monatsblatt "Vanity Fair" veröffentlichte. Klartext: Hatfill sei keineswegs so unschuldig, wie er sage. Hatfills Anwalt Thomas Connolly drohte Foster darob ebenfalls eine Klage an.

Fosters These - die von Barbara Hatch Rosenberg, der obersten Biowaffenexpertin der Federation of American Scientists, gestützt wird - fußt auf graphologischen Indizien, wie sie sonst in der klassischen Literaturanalyse üblich sind: Punkt- und Kommasetzung, Syntax, Vokabular, Rechtschreibung, Grammatik, Slang, Quellenmaterial.

Foster kam so zu dem Schluss, dass die Anthrax-Briefe "das Werk eines einheimischen US-Wissenschaftlers sind": Ein Bioexperte, der demonstrieren wollte, wie anfällig das System sei, um sich und seinen Kollegen dadurch endlich "die Anerkennung und den Respekt zu verschaffen, den sie seit langem verdienen".

Rauer Umgang mit der Gift-Post

Rosenberg gelangte unabhängig von Foster zum gleichen Fazit: Der Attentäter, so schrieb sie in einem Täterprofil, sei "ein Amerikaner, der in der US-Bioverteidigungsindustrie arbeitet". Er sei "geübt im Gebrauch der Waffe, ohne seine Umgebung zu kontaminieren". Er habe Zugang zu Anthrax. Er sei einer von wenigen, die vor 2001 dagegen geimpft worden seien. Er sei mittleren Alters. Er lebe nahe Washington. Er arbeite für das Forschungsinstitut der US-Armee für Infektionskrankheiten (USAMRIID) und/oder eine Pentagon-Vertragsfirma. Er stehe mit einer Regierungsbehörde im Disput. All dies treffe nur auf eine Person in den ganzen USA zu, schlussfolgerte Rosenberg: Steve Hatfill.

Der Biologe und Virologe Hatfill arbeitete von 1997 bis 1999 für USAMRIID in Maryland. Nach seiner fristlosen Entlassung wechselte er zur Science Applications International Corporation (SAIC), einer wissenschaftliche Vertragsfirma, die das Pentagon unter anderem in Sachen Anthrax berät. Die feuerte ihn im vorigen Jahr, als der Anthrax-Verdacht bekannt wurde.

Der Anthrax-Attentäter, so Foster in seiner Analyse, wollte die USA davor warnen, "dass der 11. September nur Vorspiel zu etwas Schlimmerem sein könnte: eine Epidemie des biologischen Terrorismus, auf den unsere Nation unvorbereitet ist". Die verseuchten Briefe seien als Botschaft eines Missverstandenen gedacht gewesen - "eine Botschaft, die in der Hektik unterging". Denn leider seien die Sortiermaschinen der Post "ein bisschen zu rau mit den Umschlägen umgegangen". Folge: Ingesamt mehr als 5000 Briefe wurden nach Berechnung der Vanderbilt University kontaminiert; fünf Menschen starben, 18 weitere wurden krank und leiden noch heute.

Mit Gasmaske in der Küche

Foster bringt Hatfill auch mit dem größten Anthrax-Ausbruch in Afrika in (indirekten) Zusammenhang. Dort wurden in Simbabwe zwischen 1978 und 1980 über 10.000 Menschen infiziert - nach Einschätzung vieler Experten eine brutale Aktion der rechtradikalen Militia Selous Scouts gegen die schwarzen Townships. Hatfill machte hier von 1978 bis 1984 seinen Doktor und stand nach eigenen Angaben auch im Dienste der Selous Scouts.

Die damalige Schule Hatfills lag in Greendale, einem Stadtteil von Harare. Greendale ist auch der Name der (fiktiven) High School, die im Herbst 2001 auf den hochgradigen Anthrax-Briefen an die US-Senatoren Tom Daschle and Patrick Leahy als Absender auftauchte. Zufall?

Hatfills Mentor ist der Biowaffen-Veteran William Patrick, 77, der für das Pentagon in den fünfziger Jahren als Erster die "waffenfähige" Zubereitung von Anthrax perfektionierte. Beide warnen seit jeher vor Anthrax-Anschlägen. Hatfill, der einen Roman zu dem Thema schrieb, stellte sich 1998 für ein skurriles Foto der "Washington Times" in Gasmaske und Schutzanzug in seine Küche, um Schutzvorkehrungen gegen "künftige Terroristen-Angriffe" zu demonstrieren. Patrick prophezeite 1999, ein solcher Anschlag werde sich unweigerlich ereignen - spätestens 2001.

Bedeuten muss das alles nichts. Ob Hatfill einfach nur ein verleumdeter Wissenschaftler ist oder einer, der ein bizarres, makaber missglücktes Experiment riskierte, wird sich nun vor einem Bezirksgericht in Washington zeigen. Kuriose Kehrwende: Es klagt der Beschuldigte, die Fahnder sind in der Defensive. Das FBI hat beantragt, das Verfahren zu vertagen, um die eigenen, parallelen Ermittlungen nicht zu gefährden - ein Rennen gegen die Zeit.

Die Nation widmet sich derweil längst anderen Problemen. Das einst verseuchte Postamt Brentwood in Washington, das zwei Jahre lang geschlossen war, wurde vorige Woche ohne viel Aufhebens wieder in Betrieb genommen. Die Reinigung hat 130 Millionen Dollar gekostet - mehr als der ursprüngliche Bau des Hauses.

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