Antisemitismus-Vergleich Papst-Prediger empört jüdische Gruppen

"Obszön und beleidigend" - jüdische Gruppen haben weltweit mit Bestürzung auf Aussagen des persönlichen Predigers von Papst Benedikt XVI. reagiert. Der hatte Kritik an der katholischen Kirche mit der Judenverfolgung verglichen. In Osterpredigten kämpfen die deutschen Bischöfe um ihre Glaubwürdigkeit.
Pater Cantalamessa: Heiliger Stuhl distanziert sich

Pater Cantalamessa: Heiliger Stuhl distanziert sich

Foto: ALESSANDRA TARANTINO/ AP

Rom/Hamburg - "Ich bin absolut verblüfft. Das ist Torheit", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Italien, Amos Luzzatto, am Samstag. Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni, der den Papst Anfang des Jahres in der Synagoge der Hauptstadt empfing, bezeichnete die Äußerungen als "geschmacklos". Pater Raniero Cantalamessa hatte bei einem Karfreitagsgottesdienst in Anwesenheit Benedikts gesagt, die Angriffe auf die katholische Kirche und ihr Oberhaupt im Zuge des Missbrauchsskandals seien vergleichbar mit der "kollektiven Gewalt" gegen die Juden. Der Heilige Stuhl distanzierte sich umgehend von dem Vergleich.

Di Segni betonte, die Äußerungen Cantalamessas wögen besonders schwer, weil sie an einem Tag gefallen seien, an dem Christen seit Jahrhunderten für die Bekehrung der Juden beteten, die gemeinschaftlich für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht würden. Rabbi Marvin Hier vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte, er könne absolut nicht nachvollziehen, wie der Pater auf den Vergleich komme.

Cantalamessa - aus einem Brief eines jüdischen Freundes zitierend - hatte gesagt, die Juden seien die gesamte Geschichte über Opfer kollektiver Gewalt geworden. "Die Verwendung von Stereotypen, die Umwälzung von persönlicher Verantwortung und Schuld auf eine Kollektivschuld erinnern mich an die schändlichsten Aspekte des Antisemitismus", sagte der Pater, der den Titel "Prediger des päpstlichen Hauses" trägt. Dies sollte nicht als offizielle Position des Vatikans interpretiert werden, sagte dessen Sprecher Federico Lombardi.

Die katholische Kirche ist in mehreren Staaten mit harschen Vorwürfen zu ihrem Umgang mit dem Missbrauch von Kindern konfrontiert. Auch der Papst wurde kritisiert. Benedikt wird am Samstag bei der Osterwache im Petersdom predigen und am Sonntag den Segen "Urbi et Orbi" spenden.

"Größter Vertrauensverlust seit der Hitler-Zeit"

Im Kampf für ihre Glaubwürdigkeit ringt die katholische Kirche in Deutschland zu Ostern um einen Neubeginn. Die deutschen Bischöfe sprachen in ihren Predigten von Reue, aber auch vom Blick nach vorn. Die deutsche Grünen-Politikerin Christa Nickels - selbst Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken - sprach im Deutschlandfunk vom "größten Vertrauensverlust der katholischen Kirche seit der Hitler-Zeit".

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannte den Skandal einen "bösen Schatten" über der katholischen Kirche. "Aber die Konsequenz darf nicht sein, dass wir sagen: Wir sind die Schuldigen und so ist es. Nein, wir müssen sehen, welches gute Potential wir haben, welche Kräfte wir haben und wie ein Neubeginn möglich ist", meinte Jaschke im Radiosender NDR Info.

Mehr Druck auf die Kirche forderte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast. Der geplante Runde Tisch der Bundesregierung sei keine Lösung. Nötig seien ein Opferfonds und eine unabhängige Untersuchungskommission, sagte sie der "Welt am Sonntag".

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig erklärte im Sender NDR Info, Missbrauchsfälle seien kein rein katholisches Problem. "In Institutionen wie Schulen - auch Vereine, Sportvereine - aber vor allem in Familien ist die Dunkelziffer sehr hoch." Schwesig, die am Runden Tisch teilnehmen wird, empfahl ein Führungszeugnis für "Leute, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben".

In ihren Predigten zur Osternacht verlangten der Münchner Erzbischof Reinhard Marx und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick von den Einzelnen mehr Verantwortung. Den Missbrauchsskandal ordneten sie laut vorab verbreiteten Mitteilungen als Folge von Werteverlust und Verantwortungslosigkeit ein. Marx nannte sie im Liebfrauendom als Wurzel der Krise in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche.

Der Bamberger Erzbischof Schick sieht die Krise auch in der Gesellschaft insgesamt: "Die gegenwärtige Krise der Kirche ist eine Krise unserer Gesellschaft, die in vielen Bereichen ihre Wertmaßstäbe, Ethik und Moral verloren hat."

Allein das Erzbistum Freiburg zählte nach eigenen Angaben vom Samstag bisher Beschuldigungen gegen 31 Menschen wegen sexueller Übergriffe. In 16 Fällen hätten die mutmaßlichen Opfer verschiedene Priester der Diözese belastet. Alle neu gemeldeten Vorfälle bezögen sich auf den Zeitraum zwischen 1950 und 1980.

itz/Reuters/dpa