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Bücher Antwort auf Zappa

Der Schweizer Illustrator Jörg Müller wird als Meister des kritischen Jugendbuchs gefeiert - nun auch international.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Anfang der siebziger Jahre, als »subversiv« zu sein erste Künstlerpflicht war, kam Jörg Müller eine Frage in den Sinn: »Warum den Leuten nicht eine Bewußtseinsbombe ins Haus werfen?«

Und weil er keine Antwort wußte, tat er es. Ohne Worte. Mit sieben großformatigen, aufklappbaren, losen Schaubildern zur »Veränderung der Landschaft«, Titel: »Alle Jahre wieder saust der Preßlufthammer nieder«. Im Jahres-Zeitraffer zeigte Müller anhand eines immer gleichen Landschaftsausschnitts die etappenweise Verplanung und Bebauung einer ländlichen Idylle.

Was anfangs, im Jahr 1953, noch grün, luftig und lebendig aussieht, ist fast 20 Jahre später, 1972, Beton- und Stahlwüste. Auf dem letzten Bild ist die Wiese zum eingezäunten Mittelstreifen verknappt, und die Katze wird vom Laster überfahren. Kein Wunder, daß dieser ebenso detailgetreue wie polemische Beweis für die Zerstörung der Umwelt bald Schmuckwerk von Flur und Kinderzimmer in vielen WGs wurde - als ökologisch korrektes Gegenstück zu Frank Zappa auf dem Klo.

Nun scheint es, als erfahre Müllers Zorn der frühen Jahre auch außerhalb der Alternativszene späte Anerkennung: Am vergangenen Donnerstag erhielt Müller, 52, für sein Gesamtwerk in Sevilla den Hans-Christian-Andersen-Preis, die international bedeutendste Auszeichnung im Kinder- und Jugendbuchgeschäft.

Für Müller ist das zwar nicht die erste Ehrung, trotzdem fragt er sich, ob der aktuelle Rummel »vielleicht nur ein großes Mißverständnis« sei. Denn der Illustrator, zu Hause im schweizerischen Biel, mag weder als »Spezialist für Stadtzerstörung« gelten, als der er in jüngster Zeit häufig zu TV-Talkshows eingeladen wird, noch hält er sich für den »profiliertesten Kinderbuch-Illustrator der Gegenwart« (Die Zeit). Er sei, sagt der Mann, ein naiver Betrachter, dessen einziger Grundsatz laute: »Die Kinder bloß nicht langweilen.«

Deshalb handeln Müllers Bilderbücher nicht von herzigen Kinderdrolligkeiten oder kuscheligen Wuscheltierchen, nicht von unglücklichen Geschöpfen, denen zum Schluß eine Zauberfee die rettende Hand reicht, und auch Dinos kommen darin nicht vor. Seine Bildbände erzählen Geschichten vom Verlust der Identität in einer technisierten Welt, vom tristen Leben in einer Umgebung aus Gittern und Straßennetzen. Bei Müller fehlt die platte Wende zum Guten; dennoch ist er weder zynisch noch doktrinär.

In der »Kanincheninsel« (1977) etwa kommt das Kleine Braune in eine Mastfabrik. Dort lernt es das alteingesessene Große Graue kennen und überredet es zur Flucht. Doch das Große Graue empfindet die wiedergewonnene Freiheit nicht als Segen, sondern als beängstigende Gefahrenzone. Es sehnt sich nach der engen, geregelten Welt der Mastanstalt - und dorthin kehrt es auch zurück. Eine melancholische Geschichte. Zu düster, zu beklemmend, wie manche Kritiker fanden, aber der Illustrator hält dagegen: »Kinder sind sehr oft traurig. Und sie sind nicht blöder als Erwachsene, sie können nur besser hinschauen.«

Vermutlich steckt auch im Illustrator Müller ein großes trauriges Kind. Dafür spricht nicht nur die akribische Detailarbeit in seinen Bildtafeln, sondern auch die Kunst, noch der härtesten Umgebung eine gebrochene Poesie und Zartheit abzuringen. Viel Ocker und Umbra prägen seine Bilder, bei Müller ist frisches Gras nicht leuchtend grün. Der Illustrator behauptet, auch er selbst staune immer wieder, daß in freier Landschaft »Eisen, Stein, Holz, was immer man hinstellt, die gleiche Farbe annimmt. Diese Farbe ist für mich die Grundfarbe«.

Die lakonischen Texte zu Müllers Bildern liefert der Schweizer Schriftsteller Jörg Steiner, 63. Der langjährigen Freundschaft der beiden entspringen Ideen, die manchmal erst nach Jahren zum Abschluß kommen.

Die Vorarbeiten zu den Büchern, die Skizzen, Modellentwürfe und all die anderen Schichten, die unter dem Original liegen, werden zusammen mit den fertigen Bildern derzeit (und noch bis zum 11. November) im Zürcher Jugendbuch-Institut ausgestellt.

Und so ist das Müllersche OEuvre fast existenzbedrohend schmal: neun Bücher in 21 Jahren. Die Originale, anfangs noch zu Niedrigpreisen veräußert, bringen mittlerweile größere Summen. Sämtliche Bücher wurden zudem verfilmt. So auch das bislang letzte und vielleicht außergewöhnlichste, entstanden 1989 und wie der »Preßlufthammer« mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

»Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten« ist ein Remake des Grimmschen Märchens »Die Bremer Stadtmusikanten«. Schauplatz aber ist kein Idyll aus Wald, Wiese und Räuberhöhle, sondern die Welt der durchgestylten Werbe- und Fernsehstudios. Nicht mehr Hund, Katze, Esel und Hahn begeben sich auf die Suche nach einem besseren Leben, sondern Eule, Krokodil, Pinguin und Panda, die ihrer Rolle als Werbeträger für Brillen, T-Shirts, Kühlschränke und Umweltschutz überdrüssig sind. Doch wo anders sollten sie landen als beim Fernsehen? Am Ende erweist sich der Traum von der Freiheit auch nur als Fernsehtraum.

Zum erstenmal verzichtet Jörg Müller auf seine Grundfarben zugunsten eiskalter Grau- und Blautöne, die er mit Neonfarben kontrastiert. Der »Aufstand der Tiere« ist ein kämpferischer Abgesang auf die Märchen von gestern, ein Film im Film.

Während fast alle Müller/Steiner-Bücher mindestens in achter Auflage vorliegen und auch in den USA und Japan erscheinen, wurde der »Aufstand der Tiere« im deutschsprachigen Raum bislang erst 25 000mal verkauft. Nach der Veröffentlichung soll gar ein empörter Buchhändler dem Verlag mitgeteilt haben, daß ihm »dieses Neonbuch« nicht in den Laden komme.

Müllers Kommentar: »Vorm Fernseher dürfen die Kinder jeden Abend hocken. Nur im Bilderbuch soll die Welt heil sein.« Y

Ein kämpferischer Abgesang auf die Märchen von gestern

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