Arabische Touristen in München Ja san mia do in da Sahara?

Ob in den Luxushotels, auf dem Viktualienmarkt oder in der Maximilianstraße - überall trifft man in München zurzeit auf arabische Touristen. Die Bayern-Metropole ist für die Gäste aus der Golfregion das beliebteste Ziel in Deutschland. Die meisten kommen, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Von Andrea Peus


München - Im Foyer des Münchner Luxushotels Bayerischer Hof herrscht wie immer reges Treiben. Von weiß-blauer Weißwurst-Atmosphäre ist hier zurzeit allerdings nur wenig zu spüren. "Ja san mia do in da Sahara?", wundert sich ein Gast aus Bayern, als er auf dem Weg zum Fahrstuhl an den arabischen Gästen vorbeimarschiert. Nicht sehr viel anders sieht es in den nahegelegenen Kaufhäusern oder in der Maximilianstraße mit ihren exquisiten Boutiquen und Läden aus.

Fußballfans aus Saudi-Arabien feiern in München einen Sieg ihrer Mannschaft
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Fußballfans aus Saudi-Arabien feiern in München einen Sieg ihrer Mannschaft

Gehüllt in schwarze Tschadors und bunte Seidentücher, schwirren die Besucher in kleineren und größeren Gruppen durch die Bayernmetropole. Es ist nicht zu übersehen: München liegt bei den Gästen aus der Golfregion voll im Trend. Mit rund 185.000 Übernachtungen hängt es andere Städte wie Frankfurt (61.000), Berlin (36.400) und Hamburg (25.000) locker ab. Doch die kaufkräftigen Gäste kommen nicht nur zum Shopping. "Die meisten lockt die gute medizinische Versorgung", sagt Yasser al-Laymony, Oberarzt in der Orthopädie im Universitätskrankenhaus Rechts der Isar. Besonders in den Sommermonaten fliehen viele vor der heimischen Hitze, lassen sich in den Münchener Kliniken behandeln und machen anschließend mit ihren Familien Urlaub in Bayern und Umgebung.

"Die Araber sind begeistert von München, weil hier alles so grün und sicher ist", sagt al-Laymony. Der gebürtige Ägypter ist seit zwanzig Jahren in Deutschland und kümmert sich gern um die Patienten: "Ich spreche ihre Sprache und kenne ihre Kultur, das ist hier im Krankenhaus natürlich sehr hilfreich." Zurzeit ist auf seiner Station wieder Hochsaison. Fast die Hälfte seiner Patienten kommt aus der Golfregion. "Die meisten sind aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Katar", sagt al-Laymony. Seitdem die USA und Großbritannien ihre Einreisebestimmungen stetig verschärfen, herrscht ein regelrechter Run auf die Münchner Kliniken. In der "Alphaklinik" zum Beispiel belegen die Patienten aus arabischen Ländern von Juli bis August bereits mehr als die Hälfte der Betten.

Arabische TV-Programme sind Standard in den Kliniken

Viele der Gäste misstrauten den Gesundheitssystemen ihrer Heimatländer, sagt al-Laymony: "Hier in Deutschland werden sie nicht abgezockt, alles geht so schnell wie möglich." Die meisten arabischen Gesundheitsbehörden zahlen ihren Bürgern nicht nur den Flug und die Behandlung im Ausland, sie kommen auch für die Kosten einer Begleitperson auf. "Es gibt aber auch viele, die keine Lust auf die Formalitäten in ihren Ländern haben und die Behandlung selbst zahlen", sagt der Mediziner. Bedarf herrscht in allen medizinischen Bereichen, von der Rehabilitation nach Schlaganfällen über die Orthopädie bis hin zur Krebs-Behandlung. "Manche kommen auch nur zu uns, um sich beraten zu lassen", berichtet al-Laymony.

In den Münchner Kliniken hat man sich inzwischen voll und ganz auf die Bedürfnisse der Patienten eingestellt. Arabischsprachige Betreuung, arabisches Essen, Gebetsteppiche und arabische Fernsehprogramme gehören dort zum Standard. Was die Krankenhäuser nicht übernehmen, leisten Serviceagenturen. Sie bilden häufig die Schnittstelle zwischen den Kliniken und den Konsulaten, kümmern sich um die finanzielle Abwicklung des Krankenhausaufenthalts, organisieren Unterkünfte, holen ihre Kundschaft vom Flughafen ab und betreuen mitreisende Angehörige.

Auch außerhalb der Kliniken hat man die Gäste aus der Golfregion längst als lohnende Klientel entdeckt, wenn sich auch nicht jeder von ihnen teure Luxushotels wie das "Vier Jahreszeiten" in der Maximilianstraße leisten kann. Etwa neunzig Prozent quartieren sich in günstigeren Appartement-Hotels ein.

"Zu uns kommen sie alle - quer durch die Gesellschaftsschichten," sagt Ridha H’mima, Manager des "City Aparthotels" am Stachus. Seinem Chef, Harro Reich, sind seine Gäste noch fremd. Inzwischen weiß Reich immerhin, wie wichtig für seine Gäste ein Gebetsraum und eine eigene Küche sind. Mit der bayerischen Kost tun sich viele schwer. Schweinsbraten und Bier sind für Muslime ohnehin tabu. Da holen sie sich lieber die nötigen Zutaten aus dem arabischen Supermarkt um die Ecke und kochen selbst - oder lassen kochen. Selbst weniger gut betuchte Gäste werden von mindestens ein oder zwei Angestellten begleitet.

Zwanzig Smarts als Mitbringsel

Am kräftigsten profitieren Business-Hotels wie das "Sheraton" oder das "Park-Hilton" von den Besuchern aus dem nahen Osten, die dort zurzeit zwei Drittel der Zimmer gebucht haben. Im "Park-Hilton" hat man sogar ein Beduinenzelt im Wintergarten aufgeschlagen. Ab 17.30 Uhr können die Gäste dort ihr arabisches Fernsehprogramm verfolgen und Wasserpfeife rauchen. In der Lobby steht ein riesiges ausgestopftes Kamel. Hier herrscht am frühen Nachmittag noch entspannte Ruhe. Die 34-jährige Mariam aus Abu Dhabi, ihre Schwester Fawzia und ihr Mann Nasar sitzen zusammen mit der Familie ihrer Cousine ebenfalls in der Lobby und warten. Mit zwei Großraumtaxis soll es an den 80 Kilometer entfernten Tegernsee gehen. "Ich liebe diese Seen und Berge", sagt Miriam in fließendem Englisch. "Wir haben zu Hause ja nur gelben Sand." Miriam ist bereits zum vierten Mal in München.

Mit extrem gutbetuchten arabischen Gästen kennt sich Eid Hafez wohl am besten aus. Zurzeit ist der gebürtige Ägypter mit einer 18-köpfigen Delegation und zahlreichen Bodygards und Angestellten unterwegs. Mindestens eine Million Euro, schätzt Hafez, lassen sich die Herrschaften ihren Sommertrip durch Europa kosten. Nach einem Besuch in Genf sind sie jetzt auch in München gelandet. Dort haben sie im Hotel "Vier Jahreszeiten" neben der Präsidentensuite noch 14 weitere Zimmer gebucht. Anschließend geht es in Limousinen oder im Privatjet nach Wien, London und Salzburg. Und auch bei den Shoppingtouren sind sie äußerst spendabel. "Eine Uhr für 60.000 Euro ist da schon mal drin - manchmal wird auch noch gehandelt", erzählt Hafez amüsiert.

Ein Flair des Luxus, das die Münchener Gastgeber entzückt. Corinna Optekamp vom Hotel "Vier Jahreszeiten" erzählt von einem Scheich, der kurz vor seiner Abreise noch einmal das Mercedes-Haus besuchte. Von einem dort ausgestellten "Smart" war er so begeistert, dass er gleich zwanzig Stück davon als Mitbringsel nach Hause mitnehmen wollte. "Die musste unser Concierge dann noch schnell über Nacht besorgen", sagt Optekamp. "In den unterschiedlichsten Farben."



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