Hirntoter Zwölfjähriger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte will sich im Fall Archie nicht einmischen

Der zwölfjährige Archie wird als hirntot eingestuft, die Beatmung soll eingestellt werden. Seine Eltern riefen den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Dieser erklärte den Eilantrag der Eltern nun für »unzulässig«.
Hollie Dance (r.) und Paul Battersbee vor dem Royal Hospital in London: Die Eltern wollen Archie nicht aufgeben

Hollie Dance (r.) und Paul Battersbee vor dem Royal Hospital in London: Die Eltern wollen Archie nicht aufgeben

Foto: Jonathan Brady / dpa

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat einen Eilantrag für eine weitere Beatmung eines als hirntot eingestuften zwölfjährigen Jungen in Großbritannien abgelehnt. Dem Antrag der Eltern auf eine einstweilige Verfügung gegen die geplante Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen für Archie Battersbee werde nicht stattgegeben, erklärte das Gericht am Mittwochabend.

Hollie Dance und Paul Battersbee führen seit Wochen einen verzweifelten Rechtsstreit, um ihren Sohn Archie gegen den Rat der Ärzte am Leben zu halten. Deshalb reichten sie am Mittwoch ihren Eilantrag bei dem Straßburger Tribunal ein, nachdem sie in Großbritannien alle Instanzen ausgeschöpft hatten. Der EGMR teilte jedoch am Abend mit, der Antrag sei »unzulässig«, derartige Anträge würden nur in »Ausnahmefällen« bewilligt.

Archie liegt im Royal London Hospital in der britischen Hauptstadt. Die lebenserhaltenden Maßnahmen sollten eigentlich am Mittwoch beendet werden. Nach dem Eilantrag der Eltern in Straßburg hatte die Klinikleitung aber erklärt, sie werde das Urteil abwarten, bevor sie weitere Maßnahmen ergreift.

Die Einschaltung des EGMR beruhte auf Artikel 39 seiner Statuten, wonach es »vorläufige Maßnahmen« in einem Land verfügen kann, wenn für die Antragsteller »ein reales Risiko irreparabler Schäden« für ihr Leben besteht.

Seit April liegt Archie im Koma

Archie Battersbee wird seit April als Komapatient in einem Londoner Krankenhaus behandelt. Seine Ärzte haben den Hirntod des Zwölfjährigen festgestellt. Die britische Justiz folgte dieser Einschätzung und genehmigte daher, dass bei dem Jungen die Maßnahmen zur Erhaltung von Lebensfunktionen wie ein Beatmungsgerät und die Gabe von Medikamenten Mitte Juli beendet werden.

Unterstützt von einer christlichen Organisation kämpften seine Eltern jedoch dagegen an und erwirkten durch die Instanzen immer wieder Aufschübe der Anordnung.

Archie war am 7. April bewusstlos gefunden worden, seitdem hat er das Bewusstsein nicht wieder erlangt. Nach Angaben seiner Mutter hatte er an einem in Onlinenetzwerken ausgetragenen Wettstreit teilgenommen, der darin bestand, sich bis zum Äußersten die Luft abzuschnüren. Vor dem Unglück war Archie ein sportlicher Junge, der unter anderem Kampfsport machte.

Nach Angaben seiner Familie war Archie in jüngster Zeit zunehmend religiös geworden. Dies müsse auch bei der Entscheidung über eine Fortsetzung seiner Behandlung berücksichtigt werden, argumentieren sie. Seinen Ärzten zufolge ist sein Fall aber aussichtslos. »Sein System, seine Organe und sein Herz sind dabei zu versagen«, hatte Berufungsrichter Andrew McFarlane am Montag festgestellt.

Wird nur das Sterben verlängert?

Der Supreme Court – das oberste britische Gericht – lehnte am Dienstag einen Antrag ab, mit dem die Eltern die Fortführung der lebenserhaltenden Maßnahmen erwirken wollten. Die Richter am Supreme Court erklärten, da es keine Aussicht auf eine wirkliche Genesung gebe, würden die lebenserhaltenden Maßnahmen nur »das Sterben verlängern«. Die Richter sprachen Archies Eltern »großes Mitgefühl« aus, da sie »den Albtraum aller Eltern – den Verlust eines geliebten Kindes« durchlebten. Dennoch müssten auch in diesem Fall die geltenden Gesetze angewandt werden.

Der Fall erinnert an ähnliche Auseinandersetzungen um unheilbar kranke Kinder in Großbritannien. Der finanziell stark unter Druck stehende britische Gesundheitsdienst neigt dazu, lebenserhaltende Maßnahmen sehr viel früher zu entziehen, als das in Deutschland der Fall wäre. Zudem werden die Wünsche von Eltern und Angehörigen dabei nicht im selben Maße berücksichtigt. Was im besten Sinne des Patienten ist, entscheiden oft Richter auf Empfehlung von Medizinern.

Archies Mutter versichert, sie sei von Ärzten aus verschiedenen Ländern wie Japan und Italien kontaktiert worden, die ihr versichert hätten, dass sie eine Besserung von Archies Zustand herbeiführen könnten. Sie denke daher über Möglichkeiten nach, mit ihrem Sohn das Land zu verlassen.

mgo/AFP/dpa
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