Argentinisches Familiendrama Wiedervereinigung nach 39 Jahren? Die Behörden melden Zweifel an

Hat eine Großmutter aus Argentinien nach Jahrzehnten ihre einst verschleppte Enkelin gefunden? Ja, sagt die Seniorin. Doch die Behörden widersprechen - und verweisen auf die Ergebnisse mehrerer DNA-Tests.

Großmutter - mit ihrer Enkelin? Die Seniorin glaubt ja, DNA-Tests sagen nein
AFP/TELAM - Carlos CERMELE

Großmutter - mit ihrer Enkelin? Die Seniorin glaubt ja, DNA-Tests sagen nein


Schergen der argentinischen Militärjunta töten eine Mutter und verschleppen deren kleine Tochter. Der Großmutter des Mädchens wird erzählt, das Kind sei ebenfalls tot. Doch die Seniorin glaubt das nicht - und findet ihre Enkelin nach 39 Jahren wieder. Das ist die Geschichte von María "Chicha" Mariani, wenn man der 92-Jährigen glauben mag. Als öffentlich wurde, dass sie ihre Enkelin Clara Anahí endlich gefunden habe, klang das wie ein Weihnachtsmärchen.

Womöglich war die Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Denn offizielle DNA-Tests ziehen die Familien-Vereinigung in Zweifel. Wie die Regierung mitteilte, ergaben zwei Genanalysen, dass es sich bei der 39-jährigen Frau nicht um "Chichas" Enkelin handeln könne.

Mariani hatte die Menschenrechtsgruppe Großmütter der Plaza de Mayo gegründet. Die Stiftung hatte die Wiedervereinigung von Großmutter und Enkelin am Heiligabend via Facebook gemeldet. Sie stützte sich bei den Angaben auf den DNA-Test eines Privatlabors. Demnach war mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent eine Verwandtschaft der beiden Frauen nachgewiesen worden.

Am Freitag teilte die Behörde für die Suche nach vermissten Kindern jedoch mit, dass zwei offizielle DNA-Tests keine derartige Verbindung zwischen den beiden Frauen ergeben hätten. Es gebe keine Übereinstimmung zwischen dem genetischen Profil der angeblichen Enkelin und der Familie Mariani oder einer anderen nach einem vermissten Kind suchenden Familie, sagte Behördenchef Pablo Parenti. Der zweite Test wurde von der Nationalen Genetischen Datenbank erstellt, die in Vermisstenfällen offiziell die biologische Abstammung klärt.

"Ich wusste, dass Du noch lebst"

Großmutter Mariani rief in einer Erklärung zu Vorsicht auf. Das Ergebnis des zweiten Tests müsse noch bestätigt werden. Sie kündigte für Samstag eine Pressekonferenz an.

Clara Anahí war am 24. November 1976 als drei Monate altes Baby von einem Polizisten verschleppt worden, nachdem Sicherheitskräfte ihre Mutter bei einer Razzia in deren Haus getötet hatten. Ihr Fall wurde auch international durch eine Reihe offener Briefe bekannt, die ihre Großmutter an ihre vermisste Enkelin schrieb. In einem heißt es: "Sie haben mich immer wieder davon zu überzeugen versucht, dass Du mit Deiner Mutter zusammen getötet wurdest, aber ich wusste, dass Du noch lebst".

In der Zeit der argentinischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 raubte die Junta etwa 500 Kinder von Regimekritikern. Viele der Mütter kamen schwanger in die Junta-Gefängnisse und gebaren hinter Gittern. Die Babys wurden regimetreuen Familien zur Adoption zugewiesen, die leiblichen Eltern wurden getötet. Unzählige der Kinder wuchsen in dem Glauben auf, sie lebten bei ihren leiblichen Eltern.

Die Großmütter der Plaza de Mayo und die Schwesterorganisation Mütter der Plaza de Mayo konnten bei ihrer landesweiten Suche nach den zwangsadoptierten Kindern bislang 119 Fälle aufklären. Im August 2014 hatte die langjährige Vorsitzende der Großmütter der Plaza de Mayo, Estela Carlotto, nach 36-jähriger Suche ihren von den Militärs geraubten Enkel wiedergefunden.

ulz/AFP



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Das Pferd 26.12.2015
1.
Völlig egal, was die Gentests sagen. Ich wünsche den beiden Frauen, daß sie ihre Geschichte glauben, wenn es sie stärker macht. Man sollte einfach mal sicher erinnern, daß das grade gefeierte Fest ja auch auf einer eigentlich wenig schlüssigen Geschichte beruht. Und niemand wird Menschen, die daraus Kraft schöpfen, mit Logiklöchern in der Story verletzen.
arrache-coeur 26.12.2015
2.
Enkeltrick mal andersherum;-) Ansonsten eine typische Weihnachtsmeldung, also mit Vorsicht zu geniessen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.