Arztfehler HIV für einen Tag

"Sie sind HIV-positiv." Als Christoph P. diese Diagnose hört, denkt er: Mein Leben ist vorbei. Der 26-Jährige informiert Familie und Freunde, will den Job kündigen, verzweifelt. Doch seine Ärztin hat sich geirrt. Die Geschichte einer Extremerfahrung.

Von Simone Utler


Hamburg - Am 22. Juni 2009 ist für Christoph P. das Leben, wie er es kannte, zu Ende. Er sitzt im Behandlungszimmer einer modernen Frankfurter Hautarztpraxis und blickt in das ernste Gesicht einer jungen Ärztin. "Der Test war positiv", hört er sie sagen. "Sie sind hundert Prozent HIV-positiv. Daran gibt es keinen Zweifel."

Christoph P., 26, fühlt sich, als verlöre die Welt um ihn mit einem Schlag ihre Farbe. Alle Lebensenergie strömt aus ihm heraus. Als wäre ein Stöpsel gezogen worden.

Es hat da dieses eine Mal gegeben, vor ungefähr einem halben Jahr.

Vier Monate ist er Ende 2008 mit dem Rucksack durch Südostasien gereist, er hat die Freiheit und das Abenteuer genossen, weit weg vom Stress in der Werbeagentur. Die letzten drei Wochen seiner Reise hat er in Bangkok verbracht. Die grelle Touristenmeile Kao San Road fand er abstoßend, dann entdeckte er das schwule Nachtleben der Stadt. Partys, junge Männer, vor allem Einheimische - "schöne Männer", sagt er später. Als Europäer werde man besonders begehrt, das habe er genossen. "Die sexuelle Versuchung war ständig da."

Mit einem Thai, der sich als Model versucht und vier oder fünf Jahre jünger ist, geht er ins Kino, shoppen, essen, sie fahren mit dem Moped durch Bangkok - und haben Sex. Eine Urlaubsliebelei.

In einer Nacht platzt das Kondom. Wird schon nichts passiert sein, denkt Christoph P. in diesem Moment.

Er kommt zurück nach Deutschland, wo er im Frühjahr 2009 die Chance auf einen beruflichen Neustart bekommt. Er kann als Grafiker in einer Werbeagentur in der Schweiz anfangen. Vor dem Umzug will er sich bei seiner Hautärztin wegen einer Warze behandeln lassen. Die Medizinerin spricht ihn auf einen kleinen Abszess im Schambereich an. Ob er häufig wechselnde Sexualpartner habe, fragt sie. Er spricht offen über seine Beziehungen zu Männern und Frauen, über seine Asienreise. Die Ärztin empfiehlt einen HIV-Test, er macht ihn.

Eine Woche nach der Blutabnahme klingelt das Telefon: die Hautärztin. Beim HIV-Test gebe es "Unregelmäßigkeiten", die überprüft werden müssten. Er habe Grund, sich ein wenig Sorgen zu machen. In der kommenden Woche solle er zur erneuten Blutabnahme kommen. Und solange "brav sein".

Sex ist das letzte, an das Christoph P. in diesem Moment denkt.

Er treibt durch die Stadt, leer, haltlos, versucht zu verstehen, ob diese eine Nacht wirklich sein Leben ruiniert hat, wie er es bisher kannte. Wo er doch immer Kondome benutzt. Er grübelt über Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, macht sich selbst verrückt. Er will keine Woche auf den Kontrolltest warten. Gleich am nächsten Tag lässt er sich bei derselben Ärztin nochmals Blut abnehmen und macht einen Schnelltest bei der Aids-Hilfe. "Ich wollte Gewissheit, ich wollte der Wahrheit näher kommen. Egal, wie sie aussieht."

Der alles vernichtende Satz

Christoph P. braucht etwas Greifbares. Das bekommt er. Der Schnelltest ist negativ. Kein HIV.

Vor Erleichterung bricht er fast zusammen. Er fasst neuen Mut. Doch die Hoffnung hält nur sechs Tage lang - bis zum nächsten Besuch in der Hautarztpraxis. Ein kurzer Handschlag, ein mildes Lächeln und dann der alles vernichtende Satz: Sie sind HIV-positiv. Dumpf hört er die Stimme der Ärztin.

Sie wisse, dass die Diagnose "nicht schön" sei, aber HIV sei heutzutage kein Todesurteil mehr wie vor 20 Jahren - so erinnert er sich an das Gespräch. Sie werde ihn an einen Facharzt überweisen, Christoph solle nicht zögern, bald Medikamente zu nehmen. Und der negative Schnelltest?, fragt er. Nicht sicher, es gebe da "immer mal Fehler".

Christoph P. verlässt die Praxis und setzt sich in die Fußgängerzone. Er fühlt sich hilflos, ist entsetzt, traurig, wütend, alles zugleich. Ausgerechnet jetzt wird alles vom Tisch gewischt, kurz vor dem Umzug in die Schweiz. Wie soll er seinen Job packen? Wofür soll er überhaupt noch arbeiten? Wird er jemals wieder einen Freund finden? Was ist, wenn er mit jemandem schläft und wieder ein Kondom platzt? Wird er ausgegrenzt, wenn die Erkrankung bekannt wird?

Und: Hat er seine Ex-Freundin angesteckt?

Nach seiner Asienreise haben sie noch einmal miteinander geschlafen, ohne Kondom. Jetzt hat er Angst um sie, um die Frau, mit der er ein Jahr zusammen war und mit der er immer noch gut befreundet ist. Diesem wichtigen Menschen in seinem Leben muss er als erstes von der Diagnose erzählen.

Er ruft Freunde und Familie an. Sein Vater wird ganz einsilbig, seine Stimme zittert. "Ich musste viel Kummer verbreiten", sagt der 26-Jährige, "das tat mir sehr leid."

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
DietzThought 21.10.2009
1. Re: HIV für einen Tag
Ich war vor knapp zwei Jahren das erste und bislang letzte Mal Blut spenden, nach einiger Zeit kam dann ein Brief in dem etwas von "auffälligen" Laborergebnissen stand. Da war ich natürlich schon etwas besorgt. Als ich dann dort anrief wurde mir gesagt, dass 2 von 4 HIV-Test positiv ausgefallen waren, wobei die "wichtigeren" Tests negativ waren. Eine Woche später wurde mir dann zur Kontrolle noch einmal Blut abgenommen. Seltsamerweise wurde ich über die neueren Ergebnisse nicht in Kenntnis gesetzt. Hm, wie ich das so lese hätte ich vielleicht doch nochmal nachhaken sollen. Nunja ich weiß nicht inwiefern das mit dem im Artikel beschriebenen Fall vergleichbar ist, Tatsache ist halt dass die verwendeten Tests nicht immer richtigliegen und man deshalb mit Sätzen wie "Sie sind ganz sicher HIV-positiv" sparsam sein sollte. Ich bin jedenfalls froh dass ich die beschriebene Tortur nicht durchmachen musste, wobei das natürlich immer noch besser ist als wirklich HIV-positiv zu sein.
Sidargo 21.10.2009
2. Umgekehrt!
Zitat von sysop"Sie sind HIV-positiv." Als Christoph P. diese Diagnose hört, denkt er: Mein Leben ist vorbei. Der 26-Jährige informiert Familie und Freunde, will den Job kündigen, verzweifelt. Doch seine Ärztin hat sich geirrt. Die Geschichte einer Extremerfahrung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,654037,00.html
Hallo zusammen, ich hatte im KKH Köln-Merheim ein ähnliches Erlebnis, allerdings weniger dramatisch als das von Herrn P. - auch, weil es false negative war. Vor etwa einem Jahr entdeckte mein Radiologe auf meinen Schädelaufnahmen einen Schatten, der er mir zuerst als "Narbe" erklärte. Ich machte mir keinerlei weitere Sorgen. Am nächsten Tag rief die Augenärztin, die den Befund erhalten hatte, mich auf dem Weg zur Arbeit an, ich solle sofort mal vorbeikommen. Auf den Bildern sei ein Tumor zu sehen. Erster Kollaps. Interessanterweise sagte mir dann der Arzt im KKH, das sei "kein Tumor, et sehe so etwas jeden Tag, das wäre etwas anderes". Er musste dann aber nach einem Gespräch mit dem Chefarzt zurückrudern (und tat das Gottseidank auch). Zweiter Kollaps. Mir hat man also zweimal trotz besseren Wissens erzählt, ich hätte keinen Tumor. Nur das UKB hat sich dahintergehängt und eine Biopsie durchgeführt. Die war dann allerdings noch schlechter als befürchtet. Anaplastisches Astrozytom, WHO Grad III.
namachschon, 21.10.2009
3. Wie blöd muß man sein...
...wenn man sich in irgendeiner Bar in Asien von einem unbekannten Thai in Bankok poppen läßt. Jedermann weiß doch, daß eine Großzahl der Nachteulen dort positiv ist. Schön blöd, ...aber er fühlt sich begehrt. Und dann noch mit seiner Freundin ungeschützt schlafen. Entweder ist diser Artikel ein Fake oder ein Beispiel für einen typischen deutschen Vollidioten. Grüße...
08154711, 21.10.2009
4. Es irrt der Mensch, solange er lebt...
Da zeigt sich mal wieder, dass es immer gut und richtig ist, eine zweite Fachmeinung einzuholen.
MasaGemurmel 21.10.2009
5. Dichtung und Wahrheit
Nobody is perfek, aber hier entsteht schon etwas der Eindruck, dass etwas Dichtung im Artikel steckt: "Und: Hat er seine Ex-Freundin angesteckt? Nach seiner Asienreise haben sie noch einmal miteinander geschlafen, ohne Kondom. Jetzt hat er Angst um sie, um die Frau, mit der er ein Jahr zusammen war und mit der er immer noch gut befreundet ist. Diesem wichtigen Menschen in seinem Leben muss er als erstes von der Diagnose erzählen." Wieso Frendin? Aus den ersten Absätzen des Artikels und dem Video geht deutlich hervor daß Christoph homosexuell war. Und sein bester Freund, der Mediziner war sein Ex-Freund. Naja, hauptsache wir klicken... ;-) P.S.: Ich freue mich, daß es dem jungen Mann besser geht und er sich in seinem neuen Job wohlfühlt. (!!!)
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