Asexualität kann revolutionieren, wie wir über Liebe und Sex reden

Manche Menschen empfinden keine oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen Personen, sie bezeichnen sich als asexuell. Was für mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft getan werden kann.

Dieser Beitrag wurde am 11.09.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Kim identifiziert sich als asexuell. Sex ist für ihn uninteressant, er hat keine Lust darauf. Mit 17 Jahren stieß er im Internet auf Erfahrungsberichte anderer asexueller Personen, und merkte, dass er sich darin wiederfand. Er sagt: "Es ist nicht immer negativ, etwas nicht zu haben. Mir persönlich selbst fehlt nichts. Ich finde es manchmal komisch, wie hypersexualisiert die Gesellschaft ist."

Das asexuelle Spektrum besteht aus vielen unterschiedlichen Formen. Verkürzt lässt sich aber sagen: Asexuelle Menschen haben gemeinsam, dass sie keine oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen Personen empfinden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Liebesbeziehungen oder keinen Sex haben. "Manche fühlen sich von Sex abgestoßen und stehen eher auf andere Arten von Intimitäten. Einige masturbieren, andere haben gar keine sexuellen Bedürfnisse. Wieder andere haben regelmäßig Sex, etwa weil es ihren Partnern oder Partnerinnen gefällt," erzählt Kim. 

Viele asexuelle Personen sind dennoch Teil der sex-positiven Bewegung. Diese fordert, dass alle Menschen die Freiheit haben sollten, so viel Sex haben zu können, wie sie möchten, solange es einvernehmlich ist. Dazu gehört auch die Variante: Kein Sex - oder eben nur manchmal, unter bestimmten Bedingungen.

Neben asexuellen Menschen gibt es auch aromantische Menschen ("Aro"). Aromantische Personen hingegen haben selten bis nie das Bedürfnis nach Liebesbeziehungen, ihnen ist das Gefühl von Verliebtheit fremd. 

Seit einiger Zeit bilden Menschen, die sich selbst als asexuell oder aromantisch bezeichnen, die sogenannte Aspec-Community. Wer sich dieser Community zugehörig fühlt, setzt sich vor allem dafür ein, dass Vorurteile abgebaut werden und diese Art von Sexualität sichtbarer in der Gesellschaft wird. 

Auch Josefine gehört dazu. Mit 15 Jahren kam sie mit dem Begriff Asexualität das erste Mal in Berührung: "Du denkst, dass das ein Scherz der anderen ist, wenn sie jemanden heiß finden oder dass sie in Wirklichkeit ästhetische Anziehung meinen. Ich wusste auch nicht, ob ich auf Männer oder Frauen stehen, weil ich bei allen gleichermaßen keine sexuelle Anziehung empfunden habe."

Obwohl Josefine sich als Teil der LGBTI*-Community sieht, stieß sie in der Vergangenheit auch in queeren Kreisen auf Ablehnung. Deshalb zögert sie manchmal, wie und ob sie sich als asexuell outen soll: "Ich habe das Gefühl, dass viele in der LGBTI-Community Empowerment im selbstbewussten Ausleben von queerem Sex finden. Und das ist ja auch gut so. Asexualität wird dann aber oft als "Spaßverderber"-Orientierung wahrgenommen und Aromantik passt gar nicht mehr so zu dem "Love Is Love"-Feiern. Aber gerade das ist ja spannend, dass Asexualität revolutionieren kann, wie wir über Liebe und Sex reden. Dass eben nicht jeder oder jede das braucht - oder zumindest anders."

Eine positive Tendenz sieht Josefine in der allmählich wachsenden Sichtbarkeit von Aspec-Personen in den Medien. Neben YouTube-Formaten wie "Auf Klo", die Ace- und Aro-Personen featuren, sei auch in der TV-Serie Bojack Horseman mit dem Charakter Todd endlich eine komplexe, asexuelle Figur eingeführt worden. Josefine lobt: "Thematisiert wurde sein Coming-Out als ace und die Entwicklung mit dieser Identität. Man kann gar nicht überschätzen, was für eine große Rolle medienkulturelle Repräsentation für eine Community haben kann."

Wer sich das erste Mal mit der Aspec-Community beschäftigt, stößt zunächst auf eine ganze Reihe von Begriffen - häufig Selbstbezeichnungen - die die unterschiedlichsten Schattierungen des Spektrums verdeutlichen. Was einige augenrollend als Identitätspolitik abtun, ist gerade für Menschen der Aro-Ace-Community ein wertvolles Sprungbrett, um Worte zu finden, die die Erfahrungen mit ihrer eigenen Sexualität greifbarer machen. Es bilden sich Peergroups, man bestärkt sich gegenseitig und tritt in Erfahrungsaustausch.

So wird in der Community etwa zwischen demi-, fray-, und graysexuell unterschieden. Menschen, die sich als demisexuell bezeichnen, empfinden sexuelle Anziehung erst nach Aufbau einer engen emotionalen Bindung. Das Gegenteil davon beschreibt fraysexuell – hier verflüchtig sich die sexuelle Anziehung bei näherer Intimität. Wer sich mit dem Begriff graysexuell identifiziert, empfindet sexuelle Anziehung nur minimal, selten und/oder phasenweise.

Aspec-Community

Vor allem in den letzten Jahren hat sich die Aspec-Community immer stärker vernetzt. Angefangen hat es in Deutschland mit dem 2005 gegründeten AVEN–Forum, heute ein riesiges Archiv von Erfahrungsberichten und Antworten zu Fragen rund um Asexualität. Für den direkten Austausch ist das Forum aber eher in den Hintergrund gerückt. Beliebter sind thematische Posts auf Instagram, Twitter und Reddit. Über die Facebook-Gruppe "Ameisenbären"  kann man verschiedenen Aro-Ace-Whatsapp-Gruppen beitreten, die sich vor allem an jüngere Menschen richten. Neuerdings gibt es auch einen Discord-Server, über den alle zwei Wochen ein virtuelles Treffen stattfindet und aktivistische Tätigkeiten koordiniert werden.

Carmilla DeWinter ist Vorsitzende des Vereins AktivistA, einer Gruppe asexueller Aktivistinnen und Aktivisten. Gerade im Bereich der sexuellen Gesundheit sieht DeWinter noch viel politischen Handlungsbedarf. Solange viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten noch nie etwas von Asexualität gehört haben, käme es immer noch vor, dass versucht werde, die sexuelle Orientierung in Konversionstherapien zu "reparieren", was schwere psychische Folgen für Patientinnen und Patienten haben kann. DeWinter erzählt auch von schlechten Erfahrungen einiger Ace-Personen beim Frauenarzt: "Dort wurde gefragt, wann es das letzte Mal zum Geschlechtsverkehr kam. Wenn die Antwort 'noch nie' oder 'lange nicht mehr' war, kam es vor, dass den Betroffenen nicht geglaubt wurde. Da überlegt man sich zwei Mal, ob man zur Vorsorge geht, wenn man befürchten muss, blöde Sprüche zu kriegen". 

Ähnliche Erfahrungen macht auch die Sexualwissenschaftlerin Dr. Andrea Burri: "Viele Menschen im therapeutischen Umfeld kennen sich mit Asexualität und Aromantik noch nicht gut aus. Hier heißt es: Sich weiterbilden oder aber bescheiden genug sein und die Person an jemanden verweisen, der sich damit auskennt." In der Wissenschaft habe sich die gängige Meinung durchgesetzt, dass Asexualität tatsächlich eine Form der sexuellen Orientierung ist, die nicht behandelt werden muss. Als Therapeutin gehe sie in den Sprechstunden sehr akribisch vor. Eine nicht existente Libido etwa könne die unterschiedlichsten Ursachen haben. Natürlich könne es auch sein, dass es aufgrund früherer Traumatisierungen oder schlechter Erfahrungen mit Sex etwa zu einem Vermeidungsverhalten käme. 

Mit Asexualität habe dies dann aber nichts zu tun. Entscheidend sei hier das Kriterium des Leidensdrucks: Wer nicht unter dem reduzierten sexuellen Verlangen leide und es nicht als behandlungsbedürftiges Problem ansehe, für den sei auch eine therapeutische Behandlung nicht sinnvoll. Auch Carmilla deWinter hat genug davon, als Community immer wieder pathologisiert zu werden. Zum Schluss hat sie noch eine andere Idee: "Wie wäre es mit einer aro-ace-Partyreihe, wo einfach mal in Ruhe getanzt werden kann?".  

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