Asphalt-Feudalismus in Moskau Mit blauen Eimern in den Straßenkampf

Die Fahrer nutzen ihr Privileg rücksichtslos, rasen auf der Gegenspur am Stau vorbei - in Moskau dürfen 1200 Fahrzeuge ganz legal ein Blaulicht führen, Ambulanzen, Polizeifahrzeuge und Feuerwehr nicht eingerechnet. Empörte Bürger haben ihnen jetzt den Kampf angesagt. Das missfällt dem Kreml.

Protest in Moskau: "Gemeinschaft der blauen Eimerchen"
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Protest in Moskau: "Gemeinschaft der blauen Eimerchen"

Von , Moskau


Besitzer von Fahrzeugen der Oberklasse gelten umstürzlerischen Umtrieben als eher unverdächtig. Wohl nicht zu Unrecht: Zu teuer sind die edlen Ledersitze, und Schäden etwa durch ruppige Polizeieinsätze übernimmt kaum eine Lackschutzversicherung. In Moskau aber, auf dessen Straßen so viele Maybach-Limousinen fahren wie sonst nirgends auf der Welt, schließen sich dieser Tage selbst Halter von Luxuskarossen einer Rebellenbewegung an.

Ein blendend weißer Jaguar auf dem Kutusowskij Prospekt etwa, der Dienstwagen von Aliona Dolezkaja, der Chefredakteurin der russischen Ausgabe der Modezeitschrift "Vogue". Sonst an der Moskwa im Einsatz für die Reichen und Schönen trägt der Jaguar gut erkennbar das Symbol der Revoluzzer: einen baby-blauen Eimer. Die Polizei stoppt den Wagen sofort.

Man trifft die Plastikeimerchen in diesen Tagen überall in der russischen Hauptstadt. Autofahrer kleben sie auf die Dächer ihrer Wagen, Motorradfahrer auf die Helme, sie sollen Blaulichtern nachempfunden sein. Es ist das Erkennungszeichen einer Protestbewegung, der "Gemeinschaft der blauen Eimerchen". Das Aktionsbündnis von Autofahrern begehrt auf gegen die Zweiklassengesellschaft auf Moskaus Straßen, eine Art postzaristischer Feudalismus auf dem Asphalt, fast hundert Jahre nach dem Sturz des letzten Romanow-Monarchen.

"Ganz Moskau steht jeden morgen im Stau, aber die Staatsbediensteten und reiche Unternehmer in ihren dicken Karossen knipsen einfach das Blaulicht an - und rasen auf der Gegenspur weiter", klagt Alexej Potemkin, 20 Jahre, Student, Halter eines schwarzen VW-Passat.

1200 Fahrzeuge dürfen in Moskau ganz legal ein Blaulicht führen, Ambulanzen, Polizeifahrzeuge und die Feuerwehr nicht eingerechnet. Es sind vor allem die schweren Dienstkarossen von Geheimdienstmitarbeitern, Beamten und dem Management großer Staatsbetriebe - und ihre liebste Route führt über den Kutusowskij-Prospekt, ins Zentrum von den Luxus-Datschen an der Rubljowka-Chaussee.

Keiner glaubt mehr an die "eilige Mission im Staatsauftrag" mit Blaulicht

Jeden Morgen versinkt ganz Moskau im Stau, doch die schwarzen Karossen fliegen an den Blechlawinen des Volkes leicht vorbei, mit zuckendem Blaulicht und mehr als 100 Sachen, innerstädtisch, auf der Gegenfahrbahn. Die Fahrer würden sich ganz so benehmen, als steuerten sie einen Krankenwagen oder einen Löschzug, spottet die Zeitung "Trud": "Dabei glaubt doch niemand daran, dass wenn am Morgen das Blaulicht über die Gegenfahrbahn jagt, es sich um eine 'eilige Mission' im Staatsauftrag handelt. Verpennt hat er, der Chef, und befiehlt dem Fahrer jetzt, er müsse schneller fahren."

"Das ist mehr als ärgerlich", sagt Student Alexej, "es ist gefährlich." Immer wieder werden Russlands Blaulichtraser in fatale Unfälle verwickelt. Der Versuch eines Fahrers der privaten Ölgesellschaft Lukoil, dem morgendlichen Stau auf bewährte Art zu entkommen, endete im Februar tödlich. Die Mercedes S-Klasse kollidierte auf dem Lenin-Boulevard mit einem Citroën. Die Insassen, zwei Frauen, kamen ums Leben. Der Vizepräsident des Lukoil-Konzerns wurde nur leicht am Bein verletzt.

Es sei das Verschulden der Fahrerin des Citroën, beteuerte prompt die Verkehrspolizei. Dabei bezeugten Augenzeugen das Gegenteil. Zudem wird die Strecke von zahlreichen Videokameras überwacht, die Miliz veröffentlichte aber nur ein einziges, wenig aussagekräftiges Band.

Doch Moskaus Kraftfahrer greifen jetzt zur Gegenwehr - und stellen sich sogar dem Kreml entgegen. Als Ende März der schwarze BMW von Wladimir Schewtschenko aus der sich mühsam Richtung Stadtzentrum wälzenden Blechlawine wie gewohnt auf die entgegengesetzte Fahrbahn ausscherte, schaltet der Fordfahrer und Blogger Andrej Chartli Warnblinker und Fernlicht ein - und hielt drauf. Minutenlang standen sich die Wagen gegenüber, dann fasste sich Chartli ein Herz und seine Kamera. Er stieg aus und bat den prominenten Passagier, seinen Namen und Dienststellung zu nennen.

78 Prozent aller Russen unterstützen die Revolte "der blauen Eimerchen"

Das im Internet veröffentlichte Video gereicht Schewtschenko, Berater von Präsident Dmitrij Medwedew und bereits unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin Chef des Protokolls, nicht zur Ehre: Sein Fahrer droht dem Asphaltrebellen wenig galant mit Schlägen.

78 Prozent aller Russen unterstützen Aktionen des zivilen Ungehorsams wie die Chartlis und die "Bewegung der blauen Eimerchen" laut Erhebungen des renommierten Lewada-Zentrums. In Moskau sind es sogar 89 Prozent.

Den Chauffeur des weißen Jaguars der Vogue-Chefin hält die Polizei über eine Stunde fest - und prüft noch gleich, ob mit Fahrzeugdokumenten, Führerschein und TÜV-Papieren alles in Ordnung ist. "Sie haben meinem Fahrer gesagt, er solle im Traum nicht daran denken, den Eimer am Dach festzukleben, sonst müsse er 5000 Rubel Strafe zahlen", berichtet Dolezkaja. Eine drakonische Strafe, umgerechnet entspricht sie rund 130 Euro.

Die Staatsmacht reagiert nervös auf die harmlosen Proteste: Anfang Mai brachte sie gar Kämpfer der Sonderpolizei Omon gegen die blauen Eimerchen in Stellung und ließ zehn Aktivisten verhaften. Im Eiltempo bereitet auch das von der Putin-Partei "Einiges Russland" beherrschte Parlament eine Verschärfung des Versammlungsrechts vor, eigens um den Plaste-Protest unter Kontrolle zu bringen. Autofahrern soll verboten werden, am Steuer ihres Fahrzeugs zu demonstrieren.

Der Kreml fürchtet, die Eimer-Demos von bislang nur ein paar Hundert Aktivisten könnten zu einer Massenbewegung anschwellen. So wie im Dezember 2008, als sich in Russlands fernem Osten der Zorn auf die von Moskau erhöhten Importzölle für ausländische Autos entlud. 5000 Menschen gingen dort auf die Straße, weil die Region um Wladiwostok vom Import japanischer Autos lebt - und sie sich vom Kreml nicht diktieren lassen wollten, welche Wagen sie fahren sollen.

Des Kremls "Junge Garde", die Nachwuchsorganisation von "Einiges Russland" hat die blauen Eimer bereits selbst zum "weitaus größeren Übel als die Blaulichter" erklärt: Wohlerzogene Moskauer ließen doch gern jeden Wagen mit Sirene durch, heißt es in dem "Manifest der freien Kämpfer mit den blauen Eimerchen": Weil sie als Steuerzahler nicht wollten, "dass ihr Geld dafür drauf geht, dass ihre Staatsdiener im Stau stecken". Und "aus Gewohnheit".



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Salzlake 09.05.2010
1. Unglaublich wie dreist
Unglaublich wie dreist! Leider ist es in diesem Land immer noch möglich mit Geld alles zu bekommen.
Chromlatte 09.05.2010
2. Ziviler Ungehorsam
ist jedem zu empfehlen. Meinen Glückwunsch an die russischen Bürger, die sich dieses dekandente Feudalgehabe sogenannter "Demokraten" nicht gefallen lassen.
MovieHawk, 09.05.2010
3. der Artikel kommt 6 Jahre zu Spät
Zitat von sysopDie Fahrer nutzen ihr Privileg rücksichtslos, rasen auf der Gegenspur am Stau vorbei - in Moskau dürfen 1200 Fahrzeuge ganz legal ein Blaulicht führen, Ambulanzen, Polizeifahrzeuge und Feuerwehr nicht eingerechnet. Empörte Bürger haben ihnen jetzt den Kampf angesagt. Das missfällt dem Kreml. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,693564,00.html
Man, wer hat denn den Artikel frei gegeben? Der kommt 6 Jahre zu spät!!! Ich war 2004-2006 in Moskau - und da bestand das Problem bereits. 3 Monate später gab es keinen mehr, der sich getraut hat unerlaubt ein Blaulicht aufzusetzen. Die Polizei hat durchgegriffen. Das sind konstruierte Nachrichten die hier veröffentlicht wurden.
gigamesh 09.05.2010
4. Für ein titelfreies SPONForum
Zitat von MovieHawkMan, wer hat denn den Artikel frei gegeben? Der kommt 6 Jahre zu spät!!! Ich war 2004-2006 in Moskau - und da bestand das Problem bereits. 3 Monate später gab es keinen mehr, der sich getraut hat unerlaubt ein Blaulicht aufzusetzen. Die Polizei hat durchgegriffen. Das sind konstruierte Nachrichten die hier veröffentlicht wurden.
Nun ja, "das Problem" bestand dort sicherlich auch schon vor Ihrem Besuch. SPON (oder Herr Bidder?) hat sich tatsächlich etwas Zeit mit der Veröffentlichung gelassen, aber keineswegs 6 Jahre. Die hier beschriebene Geschichte ist jetzt ca. 10 Tage alt.
stanis laus 09.05.2010
5. Asphalt-Feudalismus nicht nur in Moskau
Na, dann schauen Sie mal hin, wie die Asphalt-Cowboys des Bundestages und die Abschirmer der Politiker im Wilden Westen gegen den Bürger sich in Berlin benehmen. Oder auf den Autobahnen. Da weiss man, wem die zertrümmerten Strassen gehören. Dem Volk bestimmt nicht. Das darf nur alles zahlen.
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