Katrin Elger

Asylpolitik Warum wir eine Frauenquote bei Geflüchteten brauchen

Katrin Elger
Ein Kommentar von Katrin Elger
Die Flucht aus Ländern wie Afghanistan oder Syrien gelingt vor allem Männern. Bei manchen Herkunftsstaaten beträgt der Anteil junger Männer hierzulande mehr als 80 Prozent. Das ist ein Problem.
Geflüchtete am Münchner Hauptbahnhof im August 2015

Geflüchtete am Münchner Hauptbahnhof im August 2015

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Manchmal lohnt sich ein Blick in die Statistik. Deshalb zunächst ein paar Zahlen. In Deutschland leben, Stand Dezember 2020:

818.460 Menschen aus Syrien, Männeranteil gesamt: 58,7 Prozent. Männeranteil in der Altersgruppe 20 bis 25 Jahre: 67,8 Prozent.

271.805 Menschen aus Afghanistan, Männeranteil gesamt: 63,8 Prozent. Männeranteil in der Altersgruppe 20 bis 25 Jahre: 83,6 Prozent.

15.730 Menschen aus Gambia, Männeranteil gesamt: 85,6 Prozent. Männeranteil in der Altersgruppe 20 bis 25 Jahre: 94,5 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt ).

Diese Zahlen zeigen, wie frauenfeindlich die europäische Asylpolitik ist. Es gilt das Prinzip: survival of the fittest. Nur wer stark ist oder genug Geld hat, schafft den riskanten Weg nach Deutschland, um Asyl beantragen zu können – und das sind vor allem junge Männer.

Afghanistan ist eines der gefährlichsten Länder der Welt, auch für Männer. Aber den Frauen geht es dort besonders schlecht. »Häusliche Gewalt, Verstümmelungen, Schläge, Ermordungen, Zwangsheirat und Frühehen sowie Verheiratung von Frauen und Mädchen zur Konfliktlösung oder Schuldenbegleichung sind im ganzen Land verbreitet«, schreibt die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in einem Bericht aus dem Jahr 2018, also lange bevor die radikalislamistischen Taliban das Land wieder in ihre Gewalt brachten. Die Lage ist so bedrohlich, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer dorthin nicht einmal mehr islamistische Gefährder, Sexualstraftäter oder Mörder abschieben möchte. Hunderttausende versuchen gerade, sich vor den Taliban in Sicherheit zu bringen, innerhalb Afghanistans oder in den Nachbarländern. Die Flucht ins mehr als 6000 Kilometer entfernte Europa werden sich wieder nur in erster Linie Männer zutrauen.

Auch viele Gambierinnen wünschen sich eine bessere Zukunft

In Gambia herrscht kein Krieg, wer von dort nach Deutschland kommt, flieht oft vor Armut. Mit Sicherheit wünschen sich auch viele Gambierinnen eine bessere Zukunft. Hinzu kommt etwas anderes: »In Gambia werden 75 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten«, schreibt das Kinderhilfswerk Unicef auf seiner Internetseite. »Die Genitalverstümmelung ist für die Mädchen und Frauen extrem gefährlich. Die Folgen quälen die Betroffenen ein Leben lang.«

Wie können wir es als Gesellschaft nur hinnehmen, dass wir so vielen Männern die Chance auf ein besseres Leben geben – und so wenigen Frauen? Mit sehr viel Energie stürzen sich Aktivist*innen und Politiker*innen in den Kampf, um mehr Gerechtigkeit in der deutschen Sprache zu erreichen, Quoten in Aufsichtsräten und Vorstandsetagen oder höhere Gehälter.

Keine Frage, auch in diesen Belangen gibt es im Sinne der Gleichberechtigung noch viel zu tun. Was die Benachteiligung der Frauen im Asylsystem betrifft, bleibt es aber seltsam still. Vielleicht, weil es dabei »nur« um einen humanitären Aspekt geht – und nicht um die Verteilung von Macht? Die zurückgelassenen Frauen haben keine Lobby, große Hashtag-Kampagnen zu ihrer Unterstützung sind nicht bekannt.

Was aber ließe sich überhaupt tun, um mehr Frauen aus Afghanistan oder Syrien zu helfen? Mehr Visa für den Familiennachzug wären eine mögliche Stellschraube, um etwas an der Situation zu ändern. Die Frauenquote bei den Syrern dürfte seit 2015 vor allem deshalb von 32,5 Prozent auf 41,3 Prozent gestiegen sein. Das Ganze hat aber aus emanzipatorischer Sicht einen Haken: Die meisten Frauen, die auf diesem Weg einreisen, können das nur in Abhängigkeit von einem Mann tun, der vorausgegangen ist. Sie müssen Ehefrauen oder minderjährige Töchter sein. Ein Großteil der syrischen und afghanischen Männer in Deutschland ist laut Statistischem Bundesamt aber ledig. Schwestern oder Müttern erwachsener Männer erteilen die Behörden in der Regel keine Visa.

Das Völkerrecht gilt auch für Männer

Eine Art Frauenquote bei Geflüchteten hat schon einmal der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner gefordert. Er schlug 2017 vor, einfach ab einem gewissen Punkt alleinreisende Männer an der Grenze abzuweisen, um nur noch Frauen, Kinder und Ehepaare durchzulassen. Das ist verwerflich. Das Völkerrecht gilt auch für Männer. Wer politisch verfolgt wird oder vor einem Krieg flüchtet, muss, unabhängig von seinem Geschlecht, Schutz suchen dürfen. Solange es aber Frauen so viel schwerer als Männer haben, nach Europa zu gelangen, braucht es alternative Wege.

Die Lösung für eine Frauenquote könnte folgendermaßen aussehen: Der Frauenanteil in Bevölkerungsgruppen, die aus Kriegs- und Krisenländern kommen, ließe sich durch spezielle Kontingente leicht steigern. Denkbar wäre das zum Beispiel für die Altersgruppe 20 bis 25, in der Männer besonders überrepräsentiert sind. Hierzulande leben 44.610 Afghanen dieses Alters und nur 8735 Afghaninnen. Ein Resettlement, so lautet der Fachbegriff für die Umsiedlung von Geflüchteten, von 10.000 bis 20.000 afghanischen Frauen würde die Diskrepanz zumindest abmildern. Alleinstehende, Studentinnen, Mitarbeiterinnen internationaler Hilfsorganisationen.

Gerettete Migranten vor dem Hafen in Malaga, 2018: 67 Männer, eine Frau, ein Kind

Gerettete Migranten vor dem Hafen in Malaga, 2018: 67 Männer, eine Frau, ein Kind

Foto: JORGE GUERRERO/ AFP

Was die Gambier betrifft, ginge es um 4000 Frauen, die nach Deutschland kommen dürften, damit hier sogar ein Verhältnis von 50:50 hergestellt wäre. Die Zahlen sind also im Moment nicht riesig und wären für den deutschen Sozialstaat verkraftbar.

Und was, wenn es nun, ausgelöst durch die Gewalt der Taliban, tatsächlich eine massive neue Flüchtlingsbewegung Richtung Europa gibt? Dann sollte sich die deutsche Bundesregierung erst recht die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, hauptsächlich Männer aufzunehmen.

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