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30. August 2003, 07:53 Uhr

Atom-U-Boot gesunken

Tragödie in der Barentssee

Das russische Atom-U-Boot hat mehr Menschen in den Tod gerissen, als bisher angenommen. Vermutlich sind bis zu neun Seeleute ums Leben gekommen, als das Schiff auf dem Weg zur Abwrackwerft im Sturm unterging.

Russisches Atom-U-Boot: Im Sturm losgerissen
AP

Russisches Atom-U-Boot: Im Sturm losgerissen

Moskau - Es sollte die letzte Fahrt des 40 Jahre alten U-Boots sein, sie endete mit einer Tragödie. Am Samstagmorgen versank die "K-159" nur drei Seemeilen von der Küste der Insel Kildyn entfernt in der kalten Barentssee. Sie hatte sich in heftigem Sturm von Schwimmpontons losgerissen, an denen sie zur Abwrackwerft nahe Murmansk geschleppt werden sollte.

Der stellvertretende Marinekommandeur Admiral Viktor Krawtschenko sagte im russischen Fernsehen, Schiffe der Nordmeerflotte hätten den Unglücksort innerhalb von eineinhalb Stunden nach dem Untergang des U-Boots um 04.00 Uhr erreicht. Nach Angaben des Verteidigungsministerium wurden ein Verletzter und zwei tote Seeleute geborgen. Das Schicksal der übrigen sieben Besatzungsmitglieder sei ungeklärt. Das Unglück erinnert an den Untergang der "Kursk" am 12. August 2000. Dabei waren alle 118 Seeleute an Bord getötet worden.

Umweltschützer befürchten nukleare Verseruchung

"Unglücklicherweise gibt es kaum eine Chance, noch Überlebende zu finden", sagte Krawtschenko im Sender NTW. Ein Marinesprecher, Kapitän Igor Dygalo, erklärte, die Wassertemperatur betrage zehn Grad. Das bedeute, dass eine Person ohne Kälteschutzanzug rund 45 Minuten in dem Wasser überleben könne. Das U-Boot liegt vermutlich in rund 170 Metern Tiefe.

Die Marine erklärte, von den beiden Atomreaktoren gehe keine Gefahr für die Umwelt aus. Auch Waffen seien keine mehr an Bord gewesen. Die norwegisch-russische Umweltschutzorganisation Bellona hat indes vor einer radioaktiven Verschmutzung der Barentssee durch das Wrack gewarnt. "Obwohl beide Reaktoren 1989 abgeschaltet wurden, ist es bei ihrem Alter zweifelhaft, ob sie hermetisch dicht sind", sagte der russische Ex-Marineoffizier Alexander Nikitin, Vertreter von Bellona in St. Petersburg, am Samstag.

Die "K-159" wurde am 16. Juli 1989 außer Dienst gestellt. Vor zwei Tagen war begonnen worden, sie von ihrem Heimathafen Gremicha zur Verschrottung nach Polarnjy bei Murmansk zu schleppen. Dort sollten auch die Brennstäbe entnommen werden. Am Freitagabend waren dann aber nach Angaben der russischen Marine in dem Sturm vier Pontons abgerissen, die für die Reise an dem U-Boot angebracht worden waren.

Für die Verschrottung fehlen Millionen

Russland hat nach eigenen Angaben in den vergangenen 15 Jahren 189 Atom-U-Boote außer Dienst gestellt. 126 sollen noch mit den Brennstäben an Bord in Docks liegen. Die "K-159" gehörte zur ersten Generation sowjetischer Atom-U-Boote, die zwischen 1958 und 1963 in Dienst gestellt wurden. Das Schiff der November-Klasse war ein Angriffs-U-Boot und hatte eine reguläre Besatzung von 104 Mann. Es war mit Atom-Torpedos ausgerüstet. Ein Schiff dieses Typs, die "K-8", sank 1970 nach einem Brand an Bord in der Biskaya. Dabei kamen 52 Seeleute um.

"Es wäre die schlechteste Lösung, das Boot nicht zu heben", sagte Bellona-Umweltschützer Nikitin der Agentur Interfax. Allerdings bezweifele er angesichts des Zustands des alten Atom-U-Bootes und der eingeschränkten technischen Mittel der russischen Flotte, dass die "K-159" gehoben werde. Nach russischen Angaben würde die Verschrottung sämtlicher ausgemusterter U-Boote 3,9 Milliarden Dollar kosten. Im vergangenen Jahr stellte die Regierung insgesamt aber nur 70 Millionen Dollar für die Verbesserung der atomaren Sicherheit im ganzen Land zur Verfügung.

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