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25. März 2011, 13:40 Uhr

Atomkrise in Fukushima

Japans Ministerpräsident entschuldigt sich für GAU

Es ist eine Demutsgeste, die völlige Hilflosigkeit ausdrückt. Japans Ministerpräsident entschuldigt sich für die Folgen der Fukushima-Katastrophe beim Volk. Die Lage sei weiterhin "sehr ernst", sagte Naoto Kan, in drei Reaktorblöcken des AKW mussten die Arbeiten gestoppt werden.

Tokio - Der Auftritt des japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan verbreitete wenig Optimismus. Die Lage am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi sei immer noch sehr ernst, sagte er am Freitag auf einer Pressekonferenz in Tokio. "Wir sind noch nicht in einer Position, in der wir optimistisch sein können. Wir müssen jede Entwicklung mit größter Sorgfalt behandeln", so Kan.

Der Ministerpräsident versicherte, die japanische Regierung unternehme in der Atomkrise alles, was in ihrer Macht stehe: "Die Regierung tut das Äußerste, um die Situation unter Kontrolle zu bringen."

Kan dankte den Einsatzkräften dafür, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Bei Bauern und Unternehmen entschuldigte er sich für die Schäden durch das Unglücks-AKW Fukushima und stellte Entschädigung und Unterstützung in Aussicht.

In Fukushima sind erneut mehrere Reaktorblöcke ohne jegliche Kühlung. Radioaktiv belastetes Wasser stoppte am Freitag die Arbeiten an den Reaktoren 1 und 2, wie die Nachrichtenagenturen Kyodo und Jiji Press berichteten. Experten in Fukushima hatten das strahlende Wasser im Untergeschoss der Turbinenräume an den Meilern 1 und 2 entdeckt, die Helfer mussten sich zurückziehen. Wie stark die Radioaktivität sei und woher sie stamme, werde noch geprüft, hieß es.

Reaktorbehälter, Leitung oder Ventil zerstört

Zuvor hatte sich bereits die Lage an Reaktor 3 verschärft. Am Donnerstag waren zwei Arbeiter verletzt worden, als ihnen stark verstrahltes Wasser in die Schuhe lief. Nach Angaben der Betreiberfirma Tepco hatte das Wasser eine Radioaktivität von 3,9 Millionen Becquerel pro Kubikzentimeter - 10.000-mal so viel wie üblich bei Wasser im Turbinengebäude des Siedewasserreaktors.

Der AKW-Betreiber Tepco erklärte am Freitag, es sei schwer festzustellen, woher die radioaktive Belastung im Wasser von Reaktor 3 stamme. Vermutlich seien dort der Reaktorbehälter oder das Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe beschädigt. Die Atomaufsichtsbehörde NISA fügte an, das Wasser in dieser Anlage komme wohl eher vom Kern - der Reaktorbehälter, eine Leitung oder ein Ventil könnten zerstört sein.

An Reaktor 5 ist nach Angaben von Tepco das reguläre Kühlsystem inzwischen wieder repariert. Die defekte Pumpe sei ausgetauscht worden, die Kühlung laufe wieder.

Trotz aller Unsicherheit und der stagnierenden Arbeiten am Pannenmeiler - Japans Regierungschef sieht keine Notwendigkeit, die Evakuierungszone um den Pannenmeiler auszuweiten.

"Fair und genau sein im Bereitstellen von Informationen"

Experten bei der Atomaufsichtsbehörde NISA hätten die Regierung beraten. Daraufhin seien "angemessene Schritte" unternommen worden, sagte Kan. Zu den Einschätzungen aus den USA, die Zone sollte besser auf 80 Kilometer ausgeweitet werden, meinte er: "Jedes Land hat eigene Standards." Japan habe andere Länder über sein Vorgehen transparent und umfangreich informiert.

Die Evakuierungszone erstreckt sich über einen Radius von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk. Darüber hinaus wurden die in einer Entfernung von 20 bis 30 Kilometern lebenden Menschen aufgerufen, ihre Häuser nicht zu verlassen und sich möglichst nicht im Freien aufzuhalten. Regierungssprecher Yukio Edano empfahl den Menschen im 30-Kilometer-Radius am Freitag, sich freiwillig in weiter entfernte Regionen zu begeben. Dies erfolge jedoch nicht aus Sicherheitsgründen, sondern um wachsende Probleme im Alltag zu vermeiden.

Die Messungen der Radioaktivität in Lebensmitteln will die japanische Regierung ausweiten. "Wir werden die Häufigkeit der Beobachtungen erhöhen", versprach Kan. Die Informationen würden wie bisher unverzüglich an die Öffentlichkeit und die Medien weitergegeben. Kritik an der Informationspolitik der Regierung wies Kan zurück: "Wir werden weiterhin fair und genau sein im Bereitstellen von Informationen."

Japan erwägt neue AKW-Standards

Die Lebensmittelkontrollen in Deutschland wie in der gesamten Europäischen Union (EU) werden angesichts des Atomunglücks in Japan verstärkt. "Künftig dürfen Lebensmittel aus den betroffenen japanischen Regionen nur noch in Deutschland eingeführt werden, wenn sie in Japan streng kontrolliert und zertifiziert wurden", teilte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner am Freitag in Berlin mit. Schon vor der Verladung müsse sichergestellt sein, dass die Waren keinerlei erhöhte Strahlenbelastung aufweisen.

Japan erwägt laut Wirtschaftsminister Banri Kaieda als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe in Fukushima neue Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke. Auf diese Weise will die Regierung den Menschen, die in der Umgebung von Atomkraftwerken leben, ihre wachsende Besorgnis nehmen. Die neuen Richtlinien sollen beim Wiederanfahren von AKW, die derzeit Routineüberprüfungen unterzogen werden, gelten, so der Minister am Freitag.

Die Zahl der Opfer nach dem schweren Beben und dem Tsunami hat japanischen Zeitungen zufolge inzwischen die Marke von 10.000 Toten überschritten. Der Fernsehsender NHK berichtete von 10.035 Opfern am Freitagmorgen Ortszeit. Rund 17.500 Menschen gelten noch als vermisst, die Zahlen dürften weiter steigen.

siu/dpa/REUTERS/AFP

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