Attentat in Norwegen Polizei zündet Sprengstoff auf Breiviks Farm

Anders Breivik baute seine Bombe auf einer Farm im Norden Oslos, dort hat die Polizei nun weiteren Sprengstoff gefunden. Am Morgen wurde der Hauptbahnhof der norwegischen Hauptstadt evakuiert, ein verdächtiger Koffer erwies sich jedoch als harmlos. Für Aufregung sorgte die Polizeisuche nach einem entlassenen Häftling.


Oslo - Am Morgen wurde der Hauptbahnhof in Oslo wegen eines verdächtigen Koffers teilweise evakuiert, doch nun hat sich herausgestellt: falscher Alarm. Es sei nichts gefunden worden, teilte die Polizei mit. Der Bahnhof sei inzwischen wieder freigegeben, berichtete die Nachrichtenagentur NTB.

Im Berufsverkehr hatte ein Buspassagier einen herrenlosen Koffer entdeckt, worauf der Fahrer die Polizei alarmierte. Eine Zeugin hatte der Zeitung "Dagbladet" gesagt, ein Mann habe den Koffer abgestellt und sei dann weggelaufen.

Beunruhigend klang zunächst auch die Nachricht, die die Polizei am Vormittag selbst verbreitete: Gesucht werde ein Mann, der sich mit dem Attentäter Anders Behring Breivik "identifiziere". Der Mann sei am Montag erst aus einem Gefängnis entlassen worden und psychisch instabil. In der Pressemitteilung hieß es: "Der Mann ist gefährlich." Wenig später erklärten die Behörden jedoch, der Fall habe nichts mit Breivik zu tun. Die Pressemitteilung sei fälschlicherweise herausgegeben worden.

In der Nacht hatte die Polizei auf dem Bauerhof Breiviks Sprengstoff gefunden und kontrolliert zur Explosion gebracht. Die Farm liegt rund 160 Kilometer nördlich der Hauptstadt Oslo, in idyllischer Landschaft, an einem See: Hier baute der Attentäter nach eigenen Angaben seine Bombe, die im Osloer Regierungsviertel mindestens acht Menschen in den Tod riss.

Bei der Detonation sei niemand verletzt worden, teilte eine Polizeisprecherin mit. Wie viel Sprengstoff gefunden wurde, sagte sie nicht. Auch zur Art des Sprengstoffs machte sie keine Angaben. Breivik hatte den Hof in Rena nach eigenen Angaben gepachtet, um unauffällig mehrere Tonnen Kunstdünger kaufen zu können. Dünger war einer der Bestandteile, die bei der Bombe in Oslo verwendet wurden.

Weil er sich im Internet Chemikalien beschaffte, geriet Breivik im März in den Fokus des norwegischen Geheimdienstes. Doch die Fahnder sahen keinen Anlass, weiter gegen den Mann vorzugehen, der laut Polizeisicherheitsdienst zu diesem Zeitpunkt ein "unglaublich gesetzestreues Leben" lebte (Wie Breivik sich zum Attentäter entwickelte lesen Sie hier).

Nachdem er in Oslo seinen Sprengsatz gezündet hatte, setzte der 32-Jährige auf die Insel Utøya über und tötete dort mindestens 68 Menschen in einem Ferienlager der Arbeiterpartei. In einer ersten Anhörung vor dem Haftrichter gab Breivik seine Taten am Montag zu, bezeichnete sich aber als unschuldig, weil er sein Land vor dem Islam und dem Marxismus habe schützen wollen.

Der Attentäter soll möglicherweise wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden, was mit 30 Jahren Haft bestraft werden könnte. Sein Verteidiger Geir Lippestad bezeichnet ihn als geisteskrank.

Ständige Überwachung

Breivik sitzt die kommenden acht Wochen in Untersuchungshaft, die ersten vier Wochen verbringt er in Isolationshaft: Er darf keinen Besuch empfangen und mit niemandem sprechen außer mit seinem Anwalt. Laut Lippestad berichtete Breivik von zwei weiteren Zellen in Norwegen und mehreren im westlichen Ausland. Für Aussagen über angebliche Mittäter stellte er offenbar Bedingungen an die Ermittler. "Es waren verschiedene Forderungen. Einige dieser Forderungen konnten wir ganz unmöglich erfüllen", sagte der Sprecher der Osloer Kriminalpolizei, Pål Hjort Kraby, der Zeitung "Verdens Gang".

Im Gefängnis steht Breivik unter ständiger Beobachtung. "Der Inhaftierte wird mit Blick auf einen möglichen Suizid kontinuierlich überwacht", sagte Kripo-Sprecher Kraby.

Ein Schützenclub aus der Hauptstadt bestätigte inzwischen die Mitgliedschaft Breiviks. Der Osloer Pistolenclub teilte am Mittwochmorgen auf seiner Internetseite mit, Breivik sei von 2005 bis 2007 und erneut ab Juni 2010 Mitglied gewesen. "Breivik hat als Mitglied an 13 organisierten Trainingseinheiten mit anderen sowie einem Wettbewerb teilgenommen", heißt es in der Mitteilung.

hut/dpa/dapd/Reuters

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bluehlaender 27.07.2011
1. Spärliche Informationen
Die Bombe stammt nach "eigenen Aussagen" von Breivik. Hat er sie nun gebaut oder nicht ? Dafür gibt´s doch Sprengstoffspezialisten.
rudipapa29 27.07.2011
2. Automatik-Waffen in Norwegen in vielen Händen
In den Medien wird berichtet, " der Täter hat zwei Waffen legal erworben". Ein Schnellfeuergewehr legal erworben? Was für ein Land, dass derartiges erlaubt. Oder hat der Täter das Automatik-Gewehr ( bis zu 600 Schuss pro Minute) vielleicht aus dieser Quelle: Automatik-Waffen in Norwegen in vielen Händen Berlin/Oslo (dpa) - Der Attentäter Anders Behring Breivik setzte bei seinem Massaker auf der Insel Utøya ein Schnellfeuergewehr ein. Diese Waffen sind in Norwegen nicht selten und relativ leicht zu beschaffen. Die - einschließlich der Reservisten - 50 000 Mitglieder der Heimwehr (Heimevernet) sind mit dem Sturmgewehr AG3 ausgestattet, einer vollautomatischen Variante des G3 der Bundeswehr. Das AG3, das bis zu 600 Schuss pro Minute abfeuern kann, wird als Militärwaffe eingestuft und unterliegt deshalb nicht dem norwegischen Waffengesetz. Am Ende des Videos, das der Attentäter Breivik ins Internet gestellt hat, ist er mit einem aufgerüsteten AG3 zu sehen. Im Jahr 2003 beschloss das norwegische Parlament, dass alle Schlagbolzen dieser Waffen bei der Heimwehr abgeliefert werden sollen. Die Waffen dürfen seither nur noch in funktionsunfähigem Zustand zu Hause aufbewahrt werden. Allerdings können Ersatzteile für das Gewehr übers Internet in den USA bestellt werden.
algoviano 27.07.2011
3. 68 Menschen, nicht 76 Menschen
Warum stehen Journalisten immer mit Zahlen auf Kriegsfuss? Laut der norwegischen Polizei wurden von Breivik auf der Insel mindestens 68 Menschen ermordet, nicht 76. Im übrigen weiß ich auch nicht, warum dieser Massenmörder ständig verharmlosend als "Attentäter" bezeichnet wird?
cc_zero 27.07.2011
4. .
Ich frage mich an dieser Stelle, wie der norwegische Geheimdienst mitbekam, dass Breivik Chemikalien im Internet geordert hat. Überwachen die(im DNS oder sonst wie) sämtliche Anbieter dieser Produkte?
frigor 27.07.2011
5. Attentäter
Zitat von algovianoWarum stehen Journalisten immer mit Zahlen auf Kriegsfuss? Laut der norwegischen Polizei wurden von Breivik auf der Insel mindestens 68 Menschen ermordet, nicht 76. Im übrigen weiß ich auch nicht, warum dieser Massenmörder ständig verharmlosend als "Attentäter" bezeichnet wird?
Attentäter ist vielleicht nicht der technisch korrekte Ausdruck. Aber es ist weder verharmlosend noch wichtig.
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