Attentate in Norwegen Zu verrückt fürs Gefängnis?

Sein Anwalt hält Anders Breivik für geisteskrank, die Staatsanwaltschaft sucht nach Möglichkeiten für eine harte Strafe: Norwegen ringt um den richtigen Umgang mit dem Doppelattentäter. Dabei geht es auch um die Frage, ob der 32-Jährige im Gefängnis landet oder in einer psychiatrischen Einrichtung.

Breivik-Anwalt Lippestad: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch gestört"
REUTERS

Breivik-Anwalt Lippestad: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch gestört"


Hamburg - Wie soll Norwegen umgehen mit Anders Breivik? Wie soll die Justiz diesen Mann bestrafen? Einen Mann, der sich im Krieg wähnt, der mindestens 76 Menschen tötete, um die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine wirre Ideologie zu bekommen. Der Doppelanschlag ist gerade einmal vier Tage her, nun sind die ersten Strategien im Umgang mit dem Massenmörder absehbar.

Breiviks Verteidiger Geir Lippestad trat am Dienstag in Oslo vor die Presse. Er sagte, sein Mandant sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch gestört". Der ganze Fall deute darauf hin, so Lippestad, dass Breivik geisteskrank sei. Es sei zwar noch zu früh, um zu sagen, ob sein Mandant auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würde. Doch sollte es dazu kommen, benannte Lippestad bereits die Konsequenz: "Er kann nicht in einem Gefängnis bestraft werden."

Sollte das Gericht Breivik für unzurechnungsfähig erklären, wäre die dauerhafte Einweisung in eine geschlossene und besonders gesicherte psychiatrische Einrichtung wahrscheinlich. Die von der Justiz angekündigte rechtspsychiatrische Untersuchung des Attentäters dürfte nach Angaben des Anwalts sechs bis zwölf Monate dauern.

Breivik habe vor der Tat Drogen genommen, die ihn stark und wach halten sollten, berichtete sein Anwalt. Strafmilderung darf sich der Attentäter in diesem Fall aber wohl kaum erhoffen. Im norwegischen Strafrecht ist sie nicht vorgesehen, wenn die Drogen mit dem Vorsatz eingenommen wurden, ein Verbrechen zu begehen.

Er wollte die sozialdemokratische Partei treffen

Die Staatsanwaltschaft prüft unterdessen, Breivik wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen. Dabei könnte ein Paragraf des Strafgesetzbuches zur Anwendung kommen, der unter anderem die Verfolgung von Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung umfasst, berichtete die norwegische Zeitung "Aftenposten" unter Berufung auf Staatsanwalt Christian Hatlo.

Die Verfügung war erst 2008 ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden. Der rechtsradikale Breivik hatte den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya damit begründet, dass er die sozialdemokratische Partei Norwegens möglichst hart treffen wollte.

Die norwegische Polizei beruft sich bei ihren Ermittlungen bislang auf einen Terrorparagrafen. Bei einer Verurteilung drohen Breivik maximal 21 Jahre Haft. Auch auf Mord steht eine Höchststrafe von 21 Jahren. Vielen Norwegern erscheint das zu kurz, auch wenn die Maximalstrafe bei anhaltender Gefährlichkeit des Täters nachträglich mehrfach verlängert werden kann. Bei einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit könnte von vorneherein eine Höchststrafe von 30 Jahren verhängt werden.

Bislang sei eine Verfolgung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur "eine Möglichkeit", wird Hatlo zitiert. Polizeisprecher Heinriksbö sagte, es sei "nicht ausgeschlossen", dass sich die Polizei auf weitere Tatbestände berufen werde.

Breivik sitzt die kommenden vier Wochen in Isolationshaft, er darf keinen Besuch empfangen und mit niemanden sprechen außer mit seinem Anwalt. Laut seinem Verteidiger Lippestad glaubt Breivik, er befinde sich in einem Krieg. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", beschrieb er die Sicht des Beschuldigten.

"Das ist kein normaler Mensch"

Breivik denke, dass seine "Operation" nach Plan verlaufe, er wähne sich in einem "60 Jahre währenden Krieg". Sein Mandant sei sich weder der zahlreichen Opfer noch der Reaktion der Öffentlichkeit bewusst, so der Jurist. Der Attentäter sei eine sehr kalte Person. "Er hat kein Mitgefühl mit den Opfern gezeigt", sagte Lippestad.

Der Attentäter hatte die Anschläge in einer ersten Anhörung vor Gericht zugegeben, hält sich aber für unschuldig. Die Anhörung fand am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - unter anderem, so Lippestad, weil das Gericht fürchtete, Breivik könne Botschaften an mögliche Verbündete übermitteln. Nach Angaben des Anwalts sprach der 32-Jährige von weiteren Zellen in seiner Bewegung: zwei in Norwegen und mehrere im westlichen Ausland.

Breiviks Vater, der in Südfrankreich lebt, sagte in einem TV-Interview, er wolle nie wieder Kontakt zu seinem Sohn haben. "In meinen schlimmsten Stunden denke ich, er hätte sich sein eigenes Leben nehmen sollen, statt so viele andere Menschen zu töten", sagte Jens Breivik dem norwegischen Fernsehsender TV2. "Ich verstehe noch immer nicht, wie jemand so etwas tun kann. Das ist kein normaler Mensch, der so etwas tut."

hut/AFP/dpa

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Gandhi, 26.07.2011
1. Sicher ist man geneigt, diesen moerder als geisteskrank zu bezeichnen,
denn ein normaler Mensch, selbst einer mir rechtsextremen Gedanken, bringt nicht einfach Menschen, die er nicht kennt, um. Doch geht es hier nicht darum, wie wir oder sein Anwalt, der ka fuer seinen Mandanten das Beste herausholen muss, den Moerder bezeichnen. Es wird die Aufgabe der Psychiater sein herauszufinden, ob der Moerder geisteskrank war oder nicht. Die Art , wie er seine Tat langfristig vorbereitet hat, ohne dabei jemandem durch sein Verhalten aufzufallen, spricht eher dafuer, dass es sich bei ihm, um einen kalbluetigen Rechtsextremen handelt, der mit Mord seinen politischen Zielen naeher kommen wollte.
myspace 26.07.2011
2. .
Zitat von Gandhidenn ein normaler Mensch, selbst einer mir rechtsextremen Gedanken, bringt nicht einfach Menschen, die er nicht kennt, um. Doch geht es hier nicht darum, wie wir oder sein Anwalt, der ka fuer seinen Mandanten das Beste herausholen muss, den Moerder bezeichnen. Es wird die Aufgabe der Psychiater sein herauszufinden, ob der Moerder geisteskrank war oder nicht. Die Art , wie er seine Tat langfristig vorbereitet hat, ohne dabei jemandem durch sein Verhalten aufzufallen, spricht eher dafuer, dass es sich bei ihm, um einen kalbluetigen Rechtsextremen handelt, der mit Mord seinen politischen Zielen naeher kommen wollte.
Im Krieg ist das durchaus möglich, da heißt es Befehle befolgen, bzw. entweder der Gegner oder ich. Wenn man sich die Islamkritischen oder Islamfeindlichen Blogs durchliest, dann hat man das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die tatsächlich glauben in einer Art Krieg mit dem Islam (nicht nur Islamismus) zu sein. Und wenn man diese Blogs immer wieder und wieder liest, dann glaubt man da vielleicht dran - auch ohne Geistesstörung.
rhodensteiner 26.07.2011
3. Krank oder nicht?
Zitat von sysopSein Anwalt hält Anders Breivik für geisteskrank, die Staatsanwaltschaft sucht nach Möglichkeiten für eine harte Strafe: Norwegen ringt um den*richtigen Umgang mit dem Doppel-Attentäter. Dabei geht es auch um die Frage, ob der 32-Jährige im Gefängnis landet oder in einer psychiatrischen Einrichtung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776741,00.html
Die Frage ob Breivik krank und möglicherweise schuldunfähig ist, sollte wohl besser von unabhängigen Ärzten geklärt werden und nicht von Anwalt, Staatsanwalt, oder gar von der Möglichkeit der maximalen Bestrafung bestimmt werden.
Gandhi, 26.07.2011
4. Aber nur, wenn der Gegner
Zitat von myspaceIm Krieg ist das durchaus möglich, da heißt es Befehle befolgen, bzw. entweder der Gegner oder ich. Wenn man sich die Islamkritischen oder Islamfeindlichen Blogs durchliest, dann hat man das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die tatsächlich glauben in einer Art Krieg mit dem Islam (nicht nur Islamismus) zu sein. Und wenn man diese Blogs immer wieder und wieder liest, dann glaubt man da vielleicht dran - auch ohne Geistesstörung.
auch eine Waffe in der Hand hat. Gegner, die keine Waffe mehr in der Hand haben, oder keine Bedrohung darstellen (infolge Verletzung z.B.) duerfen nicht getoetet werden, jedenfalls in der Theorie. Aber ich gebe Ihnen schon Recht, dass ein einsamer Junge, der da lauter fremdlaendische Menschen um sich herum sieht, sich bedroht fuehlen kann in seiner armseligen Existenz, und meint er koenne mit der Waffe das Gestern wieder herstellen.
mischamai 26.07.2011
5. tja..
Zitat von sysopSein Anwalt hält Anders Breivik für geisteskrank, die Staatsanwaltschaft sucht nach Möglichkeiten für eine harte Strafe: Norwegen ringt um den*richtigen Umgang mit dem Doppel-Attentäter. Dabei geht es auch um die Frage, ob der 32-Jährige im Gefängnis landet oder in einer psychiatrischen Einrichtung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776741,00.html
Vielleicht einfach mal einen Grundsatz beachten:Ärzte dürfen keine Rechtsberatung geben und Anwälte sollten Zustände der Krankheit denen überlassen die sich damit auskennen und jahrelang dafür studiert haben,so einfach ist das.
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