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Auf kleinem Fuß

Ortstermin: Das neu eröffnete Ritz-Carlton am Potsdamer Platz in Berlin bietet alles, auch Schuhbutler mit einer Mission.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Elfkommasieben Tonnen Kristall hängen in der Luft. Und ein Hauch Blattgold an den Kapitellen. Aber regiert wird das Land von den Kleinfüßigen: »Einundvierzig«, sagt Mustafa, der Schuhbutler, als der Kanzler vor ihm durch den Original-Ritz-Carlton-Teppich pflügt.

Mehdorn, Müntefering, Eichel - »alle schwarz und mit Schnürsenkeln, sehen Sie?« Keine Sneakers, kein Klett, kein Monkstrap. Trostlos. Einer bleibt stehen: »Ich komme gleich zu Ihnen«, sagt der Verkehrsminister.

Aber der hat schon viel versprochen. »Einundvierzig, höchstens«, sagt Mustafa.

Die Herren sind die Treppe mit dem handgeschmiedeten Blattwerk emporgeschritten, zum Jubiläumsempfang »10 Jahre Deutsche Bahn AG«. Mustafa Günenc greift tief in einen Damenstiefel. Die Deutschen, sagt er, hätten Probleme damit, sich die Schuhe putzen zu lassen. In Deutschland stelle man sich lieber vor einen Bürstenautomaten, als auf einer amerikanischen Edelholzbank - »original« - Platz zu nehmen und beim Putzen die Zeitung zu lesen. In der Türkei sei man da weiter.

Aber er wird es ändern. Mustafa Günenc aus Istanbul, fest angestellter »SchuhButler« im Ritz, ein »Gentleman Serving Ladies and Gentlemen«, wie es im Katechismus der Luxushotelkette heißt. Er wird Berlin, dieser Parvenupolis, Stilsicherheit beibringen, mit harter Bürste und weichem Lappen, hier vom Beisheim Center am Potsdamer Platz aus, wo das Grandhotel »The Ritz-Carlton Berlin« heute den vierten Tag geöffnet hat.

»Ich wäre«, sagt Günenc, »auch gern selbständig, aber die Aufenthaltsgenehm...« - »Darf ich Ihnen noch behilflich sein?«, unterbricht ihn die Dame von der Pressestelle. Es ist jetzt das vierte Mal, sie fragt, als möchte sie den Schuhbutler nicht länger gefragt sehen. Auch das gehört zu den »Golden Standards« des Ritz-Carlton: »Vorwegnahme und Erfüllung auch der unausgesprochenen Wünsche unserer Gäste«. »Das Credo trägt jeder Mitarbeiter bei sich, als Teil seiner Uniform«, sagt die Dame lächelnd. »Pro-aktiv sein, das ist unser Basic, unser Standard«, lächelt sie weiter und schlägt die Augen beim Sprechen nieder, als würde sie innerlich etwas nachschauen.

Berlin, sagt sie, habe das Ritz »unglaublich angenommen«. Die Räume seien diese Woche ausgebucht, mit Ausnahme der »Presidential Suite« in der elften Etage (5000 Euro pro Nacht, inklusive Frühstück), es gebe einen Ballsaal und auch ein aus alten Kachelteilen gefertigtes Schwein, das den Gästen Glück bringen solle.

Luxus, Luxus, Luxus: Aus Mâcon sei eine Original-Brasserie herbeigeschafft worden, wo man neben einem »Dinêr« auch einen Apfelsaft für acht Euro nehmen kann. Die Croissants seien 40-mal probegebacken worden, bis der Geschmack gestimmt habe. Es gebe Technologiebutler und Badebutler, die dem Gast »Gentleman«- oder »Romantic«-Bäder einließen. Die englischen Ölbilder seien - »original« - aus dem 19. Jahrhundert, an der Freitreppe lehnt ein Besen.

Während der Kanzler im Ballsaal die Bahn AG feiert und Mustafa Günenc auf den Verkehrsminister wartet, sitzen in den Tiefen der Lobby-Sitzgruppe die allerersten Kunden des Berliner Ritz. Im Original.

»Wir haben als Erste eingecheckt«, sagt Ewald Knoll, Friseur von der Kantstraße. »Schon Mittwoch«, sagt sein Kollege Peter Woecht, eine Zigarre in der Hand und die Schnurrbartenden bis zu den Nasenflügeln hochgezwirbelt. »Als Erste«, sagt die Rentnerin Hedwig Poplawski, genannt Hesi, die Freundin aus der Knesebeckstraße.

Die Vorhut der Berliner Gesellschaft. Sie haben schon im Adlon gewohnt und in Heiligendamm und im Four Seasons, es ist so eine Art Hobby. 165 Euro kostet die Nacht, Einführungspreis. Sie kennen sich aus in der Fünf-Sterne-Superior-Welt. Das sei schon nett und niedlich hier mit dem Blattgold und dem Personal, das einem immer »Schönen guten Tag« sagt, wie aufgezogen. »Aber ...«, sagt Knoll. »Das Flair ...«, sagt Woecht und berichtet, dass die Bar gestern Abend mit Volk verstopft gewesen sei, »die saßen einem fast auf dem Schoß, furchtbar, und dann dieser Krach, immer nur: Heinrich, willste noch 'n Bier?« »Extrem prolliger als im Adlon«, sagt Knoll, und Hesi nickt.

Obwohl auch richtige Prominenz erschienen war, gestern nacht im Ritz. Tatjana Gsell hat an der Bar gesessen, die Witwe des Schönheitschirurgen, »ganz artig mit einem jungen Mann«, und Rolf Eden sei wieder gegangen, weil alles ausgebucht war. »Na, woll'n mal nicht so streng sein«, sagt Knoll. »Die fangen ja erst an«, sagt Hesi, packt die Zigarettenschachtel und stemmt sich aus dem Boffi-Sessel hoch. »Wird schon«, sagt Woecht. Die drei gehen unter den Kristalllüstern hindurch zum Ausgang. Die Schuhe putzen lassen sie sich nicht. Mustafa bürstet mit langen Schwüngen an seinem Damenschuh herum. Das Arbeitsamt, sagt er, habe große Schwierigkeiten gehabt, jemanden zu finden. Er selbst komme eigentlich nicht aus der Branche. Sein letzter Job war in der Kantine der Berliner Müllabfuhr.

Über ihm blühen die Kapitelle. Das Gold sei ganz dünn aufgetragen, hatte die Pressedame gesagt. Fast schon durchscheinend.

»Ob Stolpe noch kommt?«, fragt Günenc. Nein. Der Minister wird nicht kommen. Auch der Kanzler nicht. Sich von einem Türken die Schuhe putzen lassen, so viel Größe haben sie nicht.

Das Land lebt gern auf kleinem Fuß.

ALEXANDER SMOLTCZYK

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