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Mode Aufschwung zum Manne

Ein Klassiker ist die Novität der Saison: Das Kostüm feiert ein spektakuläres Comeback.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Den Mini, die Schlaghose, den Plastik-Look und die Schlamp-Fashion mit jeder Menge übereinandergezwiebelten Kleiderlagen - fast alle Moden der letzten Jahrzehnte haben die Designer mittlerweile recycelt, sogar das unsägliche Twinset aus den Sechzigern. Nur das Kostüm, nach Ansicht seiner Mit-Erfinderin Coco Chanel »das schönste aller weiblichen Kleidungsstücke«, hatten sie bislang vergessen.

Jetzt holen die Modemacher das Versäumte nach - mit einem Eifer, der das französische Modeblatt Elle jubeln ließ: »Endlich Kostüme, auf jedem Laufsteg Kostüme«. Auch Vogue verkündete das »Comeback des Tailleurs« (so nennt der Fachmann das Kostüm) und präsentierte die neuesten Kreationen seitenlang am Leib des Top-Models Linda Evangelista.

Den Smart-Look wiederbelebt hatte als erster der US-Designer Calvin Klein mit knielangen Wollkostümen. Jetzt ziehen die Kollegen nach - mal mit weitgeschnittenen, mal mit auf Wespe taillierten Jacken, aber immer mit kurzem Rock.

Klassik-Meister Ralph Lauren schneiderte Kaschmir-Tailleurs mit Kragen aus Leoparden-Imitat, das Italo-Duo Dolce & Gabbana entwarf einreihige Nadelstreifen-Kostüme. Donna Karan zwängt ihre Kundinnen in extrem figurbetonte Jacken, während Gucci Tailleurs im Stil englischer Schuluniformen vorstellte, Krawatte inklusive - kein Wunder, daß Salon-Feministinnen wie Camille Paglia das Schaudern überkommt: »Mit dieser Mode«, meint die Amerikanerin, »soll die Frau vermännlicht werden.«

Dabei waren es gerade die Suffragetten des letzten Jahrhunderts, die der Welt das Kostüm nahelegten: Um schon durch ihr Äußeres zu demonstrieren, daß sie gleichberechtigt an der Männerwelt teilhaben wollten, arbeiteten sie Männerjacken um und trugen sie zu ihren Röcken - damals protestierten die Vertreter des Patriarchats gegen den »Versuch bestimmter Frauenspersonen, sich zum Manne aufzuschwingen«.

In den zwanziger Jahren stylte Coco Chanel das Suffragettengewand zum Kostüm um, Filmdiven wie die Dietrich oder die Garbo machten es populär. Seine beste Zeit aber erlebte das Kostüm nach dem Zweiten Weltkrieg, als Christian Dior es 1947 aus dem Fundus der Modegeschichte hervorholte - bis Mitte der sechziger Jahre gehörte es zur Standard-Garderobe der Frau. Dann verschwand es und wurde nur noch vereinzelt - Stichwort: Karriere-Dreß - im Reservat der Büros gesichtet.

Der spektakulärste Beitrag zum aktuellen Kostüm-Revival gelang der Designerin Vivienne Westwood: Tailleurs mit bleistiftschmalen Röcken und eingearbeiteten Puffschößchen aus Tweed oder Karostoffen. »Ein Mann, der eine Frau im Kostüm nicht jeder anderen vorzieht«, sagt die Britin, »muß dumm sein oder geisteskrank.« Y

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