Augenzeuge des Zyklons "Die Menschen wurden ihrem Schicksal überlassen"

Der Deutsche Heinrich Schoeneich war in Burma, als Zyklon "Nargis" dort wütete. "Es war apokalyptisch, ein Inferno", erzählt der Mediziner im SPIEGEL-ONLINE-Interview und erklärt, warum die Hilfe extrem schwierig wird: Ganze Gebiete seien nur noch mit dem Schiff erreichbar.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schoeneich, Sie kennen Burma durch zahlreiche medizinische Einsätze vor Ort. Was tun Sie dort genau?

Heinrich Schoeneich: Das war mein 23. Einsatz in Burma. Dieses Mal waren wir in den Bergen unterwegs und haben dort Angehörige von Minderheiten operiert, hauptsächlich Frauen und Kinder, die sonst kaum eine Chance auf medizinische Versorgung haben.

SPIEGEL ONLINE: Der Samstag vergangener Woche, an dem der Zyklon über den Süden des Landes fegte, sollte eigentlich ihr Abreisetag nach Deutschland sein.

Schoeneich: Ja. Wir kamen gerade von unserem Einsatz zurück und hatten noch ein Meeting der Ärzte in Rangun vereinbart, als eine burmesische Freundin anrief und sagte, wir sollen das Treffen lieber absagen und im Hotel bleiben. Die Medien hätten vor Unwetter gewarnt. Was für ein Ausmaß es annehmen würde, ahnten wir da noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Zyklon erlebt?

Schoeneich: Wir hatten uns ins Hotel zurückgezogen, weil schon abends ein heftiger Tropenregen vom Himmel herunter kam. Gegen drei Uhr nachts Ortszeit wurden wir von einem lauten Getöse wach. Ich öffnete das Fenster zu unserer Terrasse und sah, wie entrissene Baumstämme durch die Luft flogen, hörte, wie Scheiben klirrten. Ein riesiger Dachgiebel flog direkt auf mich zu und zerbarst vor meinen Füßen. Das war ein Inferno, das man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht erlebt. Der See, an dem unser Hotel lag, wütete, Äste fegten durch die Luft, Brücken waren eingenebelt. Ein furchtbarer Anblick. Kurz darauf brachen die Netze zusammen, weil der Zyklon sämtliche Sendemasten weggeblasen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht?

Schoeneich: Wir blieben im Hotel und warteten. Gegen sieben Uhr früh war alles vorbei. Dann gingen wir auf die Straße und sahen das Ausmaß. Es war apokalyptisch. Kein Mensch war zu sehen, herausgerissene Bäume überall, Kabel und Mäste lagen kreuz und quer herum. Wir hatten einen burmesischen Kollegen dabei, mit dem wir uns drei Stunden durch Rangun schlugen, um Verletzten zu helfen. Allerdings hielt sich die Zahl der Verletzten und Toten dort in einem sehr viel überschaubareren Rahmen als im Irrawaddy-Delta. Da herrschen Zustände wie nach dem Tsunami. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die ohnehin schlechte Infrastruktur nun ganz zerstört ist - welche Möglichkeiten zur Hilfe gibt es überhaupt noch?

Schoeneich: Das Gebiet ist nur noch mit dem Schiff erreichbar. Die Straßen sind, wenn sie überhaupt noch existieren, vollkommen kaputt und ausgelastet, die Regierung völlig überfordert. Da kann das Militär mit seiner mageren Ausstattung überhaupt nichts mehr ausrichten. Burma gehört zu den ärmsten Ländern auf der Welt, es hatte vorher kaum etwas. Jetzt hat es nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: Hätte die Regierung vor dem Zyklon handeln müssen?

Schoeneich: Wenn Sie damit meinen, dass die Militärjunta es versäumt hat, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen, dann kann ich das nicht bestätigen. Unwetterwarnungen sind rausgegangen, auch die Bewohner auf dem Land haben ein Netzwerk, irgendwo auch ein Radiogerät oder einen Fernseher. Allerdings hat ein Land wie Burma keine Kapazitäten, Zigtausende Menschen von heute auf morgen zu evakuieren. Und so hart es klingt: Sie wurden ihrem Schicksal überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte Ihrer Meinung nach bei den Hilfsmaßnahmen Priorität haben?

Schoeneich: Die professionellen Hilfsorganisationen müssen versuchen, die Menschen in kürzester Zeit mit Trinkwasser, Zelten und Containern mit Grundnahrungsmitteln versorgen. Ohne internationale Unterstützung schafft es das Land nicht.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich die Seuchengefahr überhaupt noch abwenden?

Schoeneich: Die Seuchengefahr ist auf jeden Fall sehr groß. Überall liegen Tierkadaver und Menschenleichen. Um sich zu schützen, müssen die Menschen unbedingt abgekochtes Wasser trinken. Wasser, das ohnehin täglich knapper wird. Wir selbst haben einen Tag nach der Katastrophe angefangen, zu rationieren.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie vor Ort helfen?

Schoeneich: So weit möglich, ja. Aber zum Flussdelta bestand überhaupt kein Zugang - und für ein paar Ärzte allein ist die Katastrophe zu verheerend. Burma braucht jetzt die vereinten Kräfte professioneller Hilfsorganisationen und Krisenhelfer. Wir haben es dort mit einer Masse von Verletzten und Toten zu tun. Nur ein paar Hände nützen da nichts.

SPIEGEL ONLINE: Die Militärjunta wird angesichts der Katastrophe gezwungen sein, das Land zu öffnen. Sehen Sie darin auch eine Chance?

Schoeneich: Eine Öffnung ist jedenfalls bitter nötig. Es müssen so schnell wie möglich Reis und Holzkohle ins Land, Ärzte und Nahrungsmittelcontainer. Wir müssen in dieser Notsituation von den Boykotts absehen, denen das Land ausgesetzt ist. Vielleicht springt aus diesem dramatischen Ereignis ein positiver Funke über. Vielleicht wären internationale Rettungsmaßnahmen eine Chance für Burma, weil das Land jetzt darauf angewiesen ist, sich zu öffnen. Dieses schreckliche Ereignis könnte einen politisch positiven Ausgang haben. Ich hoffe es zumindest.

Die Fragen stellte Schabnam Tafazoli

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