Polizei-Satire von Aurel: Die wahre "Cancel Culture" ist konservativ

Lisa Eckhart verteidigen, aber schwarzen Humor angreifen? Wir sollten weniger über Satire streiten – und mehr über ihre Botschaften nachdenken.

Dieser Beitrag wurde am 20.08.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Am Ende ist der Schwarze tot. Niedergeschossen von der Polizei, als er seinen Fahrradpass zücken will. Der Szene geht ein knapp dreiminütiger Clip voraus, in dem der Comedian Aurel an seinem Fahrradschloss rumnestelt, während ihn Polizisten umstellen und rätseln, ob er aufgrund seiner Hautfarbe – Aurel ist schwarz – ungefährlicher Deutscher oder doch krimineller Ausländer ist.

Der Stand-up-Comedian Aurel Mertz macht seit 2019 Comedy für "Funk", das junge Angebot von ARD und ZDF. Bereits Mitte Juli veröffentlichte er seine Satirenummer auf Instagram, sie geht die Themen Rassismus und Polizeigewalt direkt und drastisch an. Nun lud Aurel den Clip auch auf Twitter hoch – und erntet seitdem Hass und Empörung.

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Die Debatte über Aurel ist der umgekehrte Fall Lisa Eckhart. Die österreichische Satirikerin wurde jüngst von einer Lesung in Hamburg ausgeladen, dann wieder eingeladen, dann sagte sie selbst ab (SPIEGEL). 

Echte "Cancel Culture" ist konservativ

Bei Aurel wie Eckhart sind die eigentlich Clips schon etwas älter, bei Aurel wie Eckhart entzündet sich der Protest, als sich Berufsempörte im Netz zu Wort melden. Und bei Aurel wie Eckhart mündet alles in der Frage: Was darf Satire? Und wie viel müssen wir lernen auszuhalten?

Die Parallelen beider Fälle zeigen nun: Wahre "Cancel Culture" ist konservativ.

"Cancel Culture" ist das neueste Modewort aus der "Das wird man ja noch sagen dürfen"-Ecke. Es behauptet, in der – vornehmlich linksliberalen – Öffentlichkeit gäbe es eine Verbotskultur kritischen Denkens. 

Im Fall Lisa Eckharts ging es um einen zwei Jahre alten Auftritt  im WDR, in dem sie antisemitische Klischees und schwarzenfeindliche Aussagen verwendet. Es sind Witze über die angebliche Geldgier der Juden und die "kongolesische Vorhaut", ironisch gebrochen werden die Aussagen nicht. Die "Jüdische Allgemeine"  hat den Beitrag im Frühjahr diesen Jahres ausgegraben und attestiert, Lisa Eckhart schüre hier unreflektiert Ressentiments gegen Minderheiten.

Lisa Eckhart erfährt keine Zensur – sondern "Attention Culture"

Als Eckhart nun aufgrund dieser Debatte ein Auftritt beim Hamburger Literaturfestivals Harbour Front verwehrt wurde, witterten manche eben jene "Cancel Culture", wenn nicht gar "Zensur". Dabei darf Lisa Eckhart weiterhin im NDR auftreten, ihr neues Buch wird verlegt, mit all der Empörung wollte jeder ein Interview mit ihr. Wenn die Empörung um ihre satirische Arbeit eines brachte, dann eher "Attention Culture" als "Cancel Culture". 

Ganz ähnlich ergeht es nun Aurel – nur unter anderen Vorzeichen. Denn er erfährt Kritik "von oben". Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer bezeichnete die Rassismus-Nummer auf Twitter  als "gebührenfinanzierten Hass auf Polizisten". Die "Bild"-Zeitung  sekundierte und rief bei NRW-Innenminister Herbert Reul (auch CDU) an. Der cancelte das Satirevideo als "unlustig" und "menschenverachtend" ab – und warnte ARD und ZDF, ihr Niveau zu überdenken. Im Netz werfen ihm Kommentatoren "Volksverhetzung" vor, nebst unschönen Beleidigungen. Dass Aurel sein Video mit dem Hinweis geteilt hat, es gehe nicht darum, "die gesamte Polizei unter Generalverdacht zu stellen", geschenkt. 

Die Wahrheit ist: Natürlich sind nicht alle Polizistinnen und Polizisten in Deutschland rassistisch. Aber trotzdem geraten Schwarze beim "Racial Profiling"  deutlich häufiger ohne Verdacht in Polizeikontrollen, starben seit 1990 mindestens 159 Menschen nichtdeutscher Herkunft in Polizeigewahrsam ("Death in Custody" )  und schaffen es weniger als zwei Prozent der Anzeigen gegen gewalttätige Polizistinnen und Polizisten bis zur Anklage (Tagesschau ).

All diese Punkte zeigen, dass es doch strukturelle Probleme bei den Sicherheitsbehörden geben muss – oder dass es zumindest nötig wäre, dies untersuchen zu lassen. Aurel thematisiert genau das in einem überspitzten Beitrag. Und genau das soll gute Satire ja auch.

Gute Satire tritt nach oben, nicht gegen Minderheiten

Satire soll nach oben hin austeilen, Missstände aufzeigen – wer hingegen Klischees über Minderheiten verbreitet, tut genau das nicht. Er oder sie tritt dann einfach nur nach unten. Sind das Ziel Juden, Schwarze oder Geflüchtete, ist das nicht länger schwarzer Humor, sondern brauner.

Woher die Reaktionen auf Lisa Eckhart und Aurel kommen, zeigt, wohin die Satire jeweils zielte. Im Fall der österreichischen Kabarettistinnen störten sich vor allem linke Kolumnistinnen und Privatpersonen auf Twitter. Im Fall von Aurel waren es Innenpolitiker und konservative Polizeigewerkschafter. Hier die Unmündigen, da die Vorsteher von Institutionen. Die einen mögen über "Cancel Culture" schreiben – die anderen aber haben die Macht, sie tatsächlich herbeizuführen. 

Der Streit um beide Satirestücke offenbart genau, wer in Deutschland sichtbar ist und wer nicht. Über wen nur geredet wird und wer mitreden darf. Menschen mit Migrationserfahrung müssen sich immer zwei Mal überlegen, ob und wie sie Kritik an Missständen anbringen. Die konservative "Cancel Culture", der sie begegnen, mündet nicht selten in Hass und physischer Gewalt.

Die Debatte über Aurel zeigt, wann Satire tatsächlich Machtpositionen angreift

Weder Aurel noch Lisa Eckhardt werden in unserer Gesellschaft wirklich "gecancelt", sie dürfen stattfinden und tun es auch. Es trifft sogar eher das Gegenteil zu: Je mehr sich der eine über ihre Arbeit empört, desto mehr andere nehmen diese überhaupt erst wahr. In beiden Fällen ist das wichtig – denn am Ende sollte es darum gehen: Nicht zu streiten, wer was wo und wie sagen darf, sondern genau hinzuhören, was da gesagt wurde. Denn nichts anderes will Satire ja am Ende, über den Witz einen Aha-Effekt auslösen. 

Also hört genau hin. 

Aurel warnt in einem Clip über die "Black Lives Matter"-Demos , dass die Weißen nun mitbekommen hätten, dass es in Deutschland Rassismus gibt: "Die schwarze Bevölkerung wird gebeten, sich auf viele hysterische Talk-Show-Einladungen und Selfies mit ihren weißen Mitbürgern einzustellen." Dann gibt er Entwarnung, in zwei Wochen sei wieder Ruhe.

Und Lisa Eckhardt fragte in einem Auftritt beim 3sat Festival : "Was ist der Schwarze? Er nimmt viele Drogen und schändet gern Weiber." Die Punchline: Das seien "Gelüste, die wir nachempfinden können". Kurz darauf reimt sie über im Mittelmeer Ertrunkene: "Ob Flüchtling, Plastik oder Asylant – ich will keinen Müll am Strand."

Jeder kann sich selbst die Frage beantworten, wer hier Machtpositionen entlarvt. Und wer nur sich selbst.  

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