Känguru-Kraftpaket Leg dich nicht mit Roger an

Roger ist ein zwei Meter großer, 90 Kilo schwerer Muskelberg - und ein Känguru. Hat das Tier einen Personal-Trainer? Ein streng geheimes Fitnessprogramm? Ein Interview mit seinem Ziehvater Chris "Brolga" Barnes.

Roger würde viele Bodybuilder vor Neid erblassen lassen. Kräftiger Nacken, breite Brust, definierter Bizeps. Na gut, vielleicht ist er ein bisschen haarig über den Muckis. Aber Roger ist ja auch ein Känguru.

Die Roger-Bilder, die das Kangaroo Sanctuary Alice Springs  veröffentlicht hat, sorgen für Aufsehen. Geht da im Outback alles mit rechten Dingen zu? Oder ist das Tier gedopt? Ein Anruf bei Chris "Brolga" Barns. Ihm gehört der Känguru-Park im Herzen Australiens. Der 42-Jährige hat Roger aufgezogen und in den letzten neun Jahren so manche Auseinandersetzung mit ihm ausgetragen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal im Ernst, Mister Barns: Sie haben da doch einen Bodybuilder in ein Känguru-Kostüm gesteckt!

Chris "Brolga" Barns: Nein, Roger ist echt. Männliche Kängurus im Erwachsenenalter entwickeln einfach einen sehr kräftigen Oberkörper. Aber Roger ist schon ein besonderes Exemplar, bei Weitem das stärkste Känguru, das ich je gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Veranlagung oder haben Sie spezielle Tricks?

Barns: Vielleicht liegt es an der Wombaroo-Milch, mit der ich ihn aufgezogen habe. Die ist fast laktosefrei und speziell für die Aufzucht von Wombats und Kängurus entwickelt worden. Ich fand Roger 2006 auf einem Highway. Seine Mutter war von einem Auto überfahren worden. Roger hatte im Beutel überlebt, damals war er vier Monate alt. Ich habe eine Aufzuchtstation für Känguru-Waisen, und so ist er bei mir aufgewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Doping?

Barns: Nein. Keine Protein-Shakes, gar nichts. Roger ist ein vegetarischer Bodybuilder. Er frisst pro Tag etwa ein Kilogramm Gras, das reicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie hält er sich dann derart fit?

Barns: Durch Kickboxen. Känguru-Männer müssen permanent kämpfen, um die Gunst der weiblichen Kängurus zu gewinnen. Sie ringen, sie stoßen sich, sie versuchen sich umzuschubsen. Deshalb entwickeln sie mit dem Alter einfach sehr kräftige Muskeln im Oberkörper. Roger hat derzeit ungefähr zehn Frauen. Das heißt, es gibt vier oder fünf Känguru-Männer, mit denen er jeden Tag rangelt.

SPIEGEL ONLINE: Das muss für die anderen ja ziemlich schmerzhaft sein.

Barns: Natürlich ist es das. Aber das gehört eben zum Aufwachsen von Kängurus dazu, der Kampf gegen andere.

SPIEGEL ONLINE: Haut er Sie auch manchmal?

Barns: Ja, und wie! Als er klein war, hat er in mir noch seine Mutter gesehen. Inzwischen betrachtet er mich als Konkurrenten. Und ich muss wirklich vorsichtig sein. Wenn Roger sich aufrichtet, ist er zwei Meter groß, er wiegt 90 Kilogramm. Ich bin fast genauso groß. Und wenn ihm etwas nicht passt und ich mich nicht vorsehe, schlägt er zu: Ich habe schon einige Narben, weil er mir eine runtergehauen hat. Am Kopf, an der Leiste, an den Beinen. Und Wegrennen ist auch keine Option: Roger wird bis zu 65 Kilometer in der Stunde schnell. Und ich bin leider nicht Usain Bolt.

SPIEGEL ONLINE: Auf einem Bild hält Roger einen verbogenen Eimer in den Händen. Wie kam es denn dazu?

Barns: Ich bringe den Kängurus immer Futter im Eimer und stelle es ihnen hin. Und als ich den Eimer eines Tages wieder holen wollte, hatte er ihn verbogen und hielt ihn in den Händen. Inzwischen hat er mir mindestens zehn Eimer kaputtgemacht. Roger hat einfach sehr viel Energie.