Freibad verschenkte Wasser »Eine Riesenmenge ist dann doch im Becken geblieben«

Unter der Dürre leidet nicht nur die Landwirtschaft. Ein Schwimmmeister aus Bad Schwalbach wollte helfen und spendete Freibadwasser. Ein Gespräch über den Sinn – und warum auch ein Grab gegossen wurde.
Ein Interview von Henrik Bahlmann
Freibad in Bad Schwalbach: Wasser für das Grab der Frau

Freibad in Bad Schwalbach: Wasser für das Grab der Frau

Foto: Jörg Halisch / dpa

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Ein Freibad in Hessen verschenkt nach dem Ende der Badesaison sein Wasser: Diese ungewöhnliche Aktion sorgte zu Beginn der Woche für Aufsehen. Schwimmmeister Richard van Rijn wollte Landwirtinnen und Landwirten in der sommerlichen Dürre helfen. 800.000 Liter, so hieß es, könnten verteilt werden, die Feuerwehr half beim Pumpen.

Nun endet die Aktion – und van Rijn zieht Bilanz. Ein Anruf in Bad Schwalbach.

SPIEGEL: Herr van Rijn, inwiefern ist das Wasser aus dem Schwimmbecken überhaupt nutzbar etwa für landwirtschaftliche Zwecke?

Van Rijn: Wir haben bereits Anfang September die Chlorgasanlage abgestellt und das Wasser mehrmals gefiltert. Durch jeden Filterrückspülprozess werden circa 30 Kubikmeter Frischwasser zugesetzt, das Wasser wurde dadurch sehr verdünnt, die restlichen Chemikalien ausgespült.

Schwimmmeister van Rijn (r.) und ein Mitglied der städtischen Feuerwehr

Schwimmmeister van Rijn (r.) und ein Mitglied der städtischen Feuerwehr

Foto: Jörg Halisch / dpa

SPIEGEL: Wäre es nicht einfacher gewesen, das Wasser in die Kanalisation zu geben und dort filtern zu lassen?

Van Rijn: Wenn das Wasser ins Klärwerk geht, wird es zum Abfallprodukt und muss durch die ganzen chemischen Prozesse dort. Darin sehe ich keinen Sinn. Das Wasser kommt aus der Natur, wir geben es an die Natur zurück.

SPIEGEL: Was ist Ihr Fazit der Aktion?

Richard van Rijn: Die Aktion wurde sehr, sehr gut angenommen. Viele Bauern waren mit ihren Schleppern und Traktoren da, aber auch Privatleute haben sich Wasser abgeholt und kamen teilweise mit Bollerwagen und Kanistern.

SPIEGEL: Menschen sind mit einzelnen Kanistern vorbeigekommen?

Van Rijn: Nachdem alle Trecker weggefahren waren, kam ein älterer Mann allein über die Wiese gelaufen. Er hatte einen Fünf-Liter-Kanister dabei und fragte, ob ich diesen befüllen könne. Der Wasserspiegel war schon abgesenkt, er konnte sich nicht so weit herunterbücken. Also habe ich den Kanister befüllt und ihn gefragt, was er damit machen würde, denn alle anderen kamen mit Lastwagen und Treckern und holten kubikmeterweise Wasser ab. Der Mann sagte, dass seine Frau hier jahrelang täglich geschwommen sei. Er würde jetzt zu ihrem Grab gehen und die Blumen mit dem Wasser gießen.

SPIEGEL: Sie hatten angekündigt, 800.000 Liter Wasser zur Verfügung stellen zu können. Wie viel ist denn noch übrig?

Van Rijn: Ich könnte jetzt noch 750.000 Liter abgeben. Es ist schon viel weggenommen worden, aber die Riesenmenge ist dann doch im Becken geblieben. Das liegt auch daran, dass es in den vergangenen Tagen ausgiebig geregnet hat und der Bedarf nicht mehr da war.

SPIEGEL: Und wohin geht das restliche Wasser nun?

Van Rijn: Die restlichen Liter lasse ich gerade in den Kanal laufen in Richtung Klärwerk. Das wollte ich eigentlich vermeiden, aber wenn es keine Leute gibt, die das Wasser haben wollen, bleibt mir nichts anderes übrig.

SPIEGEL: Sehen Sie die Aktion als Vorbild für andere Schwimmbäder?

Van Rijn: Auf jeden Fall. Die Bäder können sich auf ihre Schließung vorbereiten, die Chemie ausschleichen lassen und es den Menschen dann zur Verfügung stellen. Ich hoffe, dass es uns andere Bäder nachmachen werden.

Die Feuerwehr unterstützte die Aktion mit Tauchpumpen

Die Feuerwehr unterstützte die Aktion mit Tauchpumpen

Foto: Jörg Halisch / dpa

SPIEGEL: Im kommenden Jahr werden Sie das Wasser also wieder zur Verfügung stellen?

Van Rijn: Wenn wir wieder so einen heißen Sommer und eine sehr trockene Periode haben, glaube ich schon, dass der Bedarf da sein wird. Die diesjährige Dürreperiode hat die Leute an den Punkt gebracht, dass sie Wasser benötigten. Viele Bauern, die nun hier waren, haben auch ihre Feuerlöschtanks aufgefüllt, weil sie das Wasser wiederum für ihre Äcker nutzen mussten.

SPIEGEL: Wie geht es bei Ihnen nun weiter?

Van Rijn: Das zurückgebliebene Beckenwasser wird durch die Natur grün wie bei einem normalen See. Im Frühjahr wird das Wasser abgelassen, das Becken ausgespritzt und für die nächste Saison aufgearbeitet, die am 1. Mai startet. Die Becken werden dafür mit Stadtwasser aufgefüllt, in das dann wieder die Chemie eingearbeitet wird.

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