Bärenalarm Jagd im Tal der Sorgen

Zähneklappern in der Zugspitzregion: Hinter jedem Busch vermuten Anwohner und Jäger den aggressiven Bären. Wann kommt der nächste Angriff? Dabei ist der 100-Kilo-Koloss möglicherweise schon wieder in Österreich.

Von Roman Heflik, Garmisch-Partenkirchen


Das Erste, was einem beim Verlassen des Schwaninger-Hauses auffällt, ist die kleine Kapelle. Ein paar Bäume stehen um das kleine Gotteshaus mit dem Zwiebeldach, ein paar Bänke davor. Hier beginnt der Schotterweg, der sich den Hügel hinauf und durch die saftigen Weiden schlängelt, auf denen die Bauern im Frühjahr ihre Schafe treiben. Ein paar hundert Meter weiter oben verschwindet der Weg zwischen der dunkelgrünen Wand aus Bäumen. Im Gras blühen Dotterblumen. Blutflecken sind keine zu sehen. Die hat der Regen schon weggewaschen.

Jäger im Wald bei Grainau: Auf der Spur des Bären
Getty Images

Jäger im Wald bei Grainau: Auf der Spur des Bären

An dieser Stelle nahe des Örtchens Graswang hat in der Nacht zum Samstag Deutschlands einziger Bär gewütet. Die Schafe auf der Frühjahrsweide konnte das Raubtier schon weitem wittern, im Schutz des Waldes kam er ganz dicht heran. Den Elektrozaun muss er einfach übersprungen haben - man hat zumindest keinen einzigen Fellrest am Draht gefunden. Was dann kam, können Wildtierexperten nur schwer erklären. Es scheint eine Art Blutrausch gewesen zu sein, denn der Bär kam nicht zum Fressen: Drei Schafen zerfetzte er die Kehlen, drei anderen fügte er mit seinen Pranken schwerste Verletzungen zu. Dann verschwand er wieder im Wald.

"Ich hab zuerst auf einen Hund getippt, auf einen Mordshund allerdings", sagt Gerhard Schwaninger, der die Kadaver am Morgen danach nur wenige hundert Meter von seinem Haus entdeckte. Der 42-Jährige arbeitet als Berufsjäger, doch solche Bisswunden hatte er noch nie entdeckt. Er rief die Polizei, stellte Anzeige gegen Unbekannt, gegen den vermeintlich nachlässigen Hundebesitzer. "Von der Polizei habe ich dann gehört, dass es sich möglicherweise um den Bären handelt, deraus Österreich nach Deutschland gekommen ist", berichtet Schwaninger.

Tirol, Bayern Karte Wanderweg des Bären, WWF
WWF

Tirol, Bayern Karte Wanderweg des Bären, WWF

Dann kommt es auf den Reschbergwiesen auf der anderen Seite des Berges zu noch einem blutigen Vorfall. Diesmal steht der Täter fest: Man hat Bärenspuren und Fetzen von Bärenfell gefunden. In der Nacht von Sonntag auf Montag folgt die nächste Attacke: Von den Reschbergwiesen hat sich das Tier an den Bergflanken entlang im Schutz des Waldes in Richtung Südwesten vorgearbeitet. In Grainau, einem kleinen Ort in der Nähe der Zugspitze, reißt er nachts vier Schafe, verletzt zwei Lämmer und bricht dann in einen Hühnerstall ein, den er verwüstet. Jetzt traut er sich in die direkte Nähe von Menschen, so nah, dass einige Anwohner nachts laute Geräusche hören.

Nun läuten auch bei den Verantwortlichen in München die Alarmglocken: Eigentlich hatte der bayerische Umweltminister Schnappauf den Bären medienwirksam willkommen heißen wollen. Doch am Montag steht für einige Tierexperten fest, dass der Bär allmählich zu gefährlich wird, da er anscheinend seine natürliche Scheu vor Menschen verloren hat.

Schnappauf gibt den eben noch so willkommenen Gast zum Abschuss frei - zur Empörung zahlreicher Tierschützer. "Typisch deutsch", sei die Maßnahme des Ministers, erregt sich Hubert Weinzierl, der Präsident des deutschen Naturschutzrings. Man mache sich weltweit lächerlich, wenn man das seltene Tier jage. Auch die Vizepräsidentin des deutschen Naturschutzbundes ist entsetzt: "Wir halten den Vorgang für ungeheuerlich."

Auch in der Zugspitz-Region streitet man sich, wie man mit dem Bären umgehen soll. "Der Bär muss weg, egal wie", sagt Elisabeth Ostler energisch. "Was macht man, wenn Kinder dem Tier im Wald begegnen?" Wie die meisten hier lebt Ostler vor allem vom Fremdenverkehr und betreibt nebenbei etwas Viehzucht. "Meine Gäste haben schon ein ganz ungutes Gefühl", klagt die 60-Jährige mit dem Dutt im grauen Haar und dem blauen Kittel über der Jeans.

Es waren Ostlers Schafe, die der Bär auf der Weide vor Schwaningers Haus gerissen hat. Der finanzielle Schaden sei ihr nicht so wichtig, beteuert Ostler. "Aber mir tun die Viecher so leid", sagt sie - und meint die Schafe. Dann geht sie in den Stall, wo gerade ihre 14 Kühe und sechs Kälber stehen.

Sie wird mit lautem Muhen begrüßt. Zärtlich streichelt sie die Schnauzen ihrer Tiere. Zumindest hier im Stall sind sie sicher.

Auch Nikolaus Grasegger, auf der anderen Seite des Berges macht sich Sorgen. Gestern Nacht sind er und sein Schwager jeweils zweimal aufgestanden und zu ihren fünf Schafen draußen auf der Weide gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. "Wenn der Bär zur Gefahr wird, gehört er geschossen", findet er. Etwa die Hälfte der Grainauer seien dafür, die anderen dagegen, schätzt er.

Grund zur Angst bestehe nicht, beruhigt Johannes Schäffler, der Stellvertretende Bürgermeister von Grainau: Schulen und Kindergärten habe man längst informiert, die Jägerschaft sei in Bereitschaft. Noch müssen die Waidmänner auf eine schriftliche Ausnahmegenehmigung des bayerischen Umweltministeriums warten, die ihnen die Jagd auf das seltene Tier gestattet. In Deutschland war das letzte Tier dieser Art vor 170 Jahren von Jägern erschossen worden - in Grainau.

Zu denjenigen, die den Bären am liebsten in Frieden lassen würden, gehört auch Karsten Bielitz: "Verschonen wir den armen Bären doch", sagt der rundliche Metzgermeister. Der Bär sei doch ein gutes Mittel, um Grainau etwas bekannter zu machen. Nicht nur Grainau, auch seinen Laden, möchte man hinzufügen: Vor dem Geschäft hat Scherzbold Bielitz eine Tafel aufgestellt, vor der immer wieder Touristen anhalten und ihre Kameras zücken: "Bärenfleisch nach Vorbestellung" steht da.



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