Bandenkrieg am Zuckerhut Polizei erschießt Drogenkönig

Einer der meistgesuchten Verbrecher Brasiliens ist tot. Der Drogenboss Irapuan David Lopes, genannt Gangan, wurde bei einem Polizeieinsatz in Rio de Janeiro getötet. Er soll den Drogenhandel in mindestens zehn Stadtvierteln beherrscht haben.


 Polizistin in Rio (Archivbild): "Mein Gott, hilf mir"
AFP

Polizistin in Rio (Archivbild): "Mein Gott, hilf mir"

Hamburg/Rio de Janeiro - Gestern im Morgengrauen lieferten sich Polizisten mit Drogenhändlern in der Favela São Carlos ein Feuergefecht. Der meistgesuchte Verbrecher Rio de Janeiros, Gangan, 34, wurde bei dem Einsatz getötet. Seine Bande "Amigos dos Amigos" soll in etlichen Elendsvierteln das Drogengeschäft beherrscht haben. In den Favelas genannten Stadtvierteln, die an den steilen Hügeln der Metropole wie Bienenstöcke kleben, versorgt sich vor allem die Oberschicht mit Kokain und anderen Drogen.

Nach Angaben der Onlineausgabe der brasilianischen Zeitung "O Globo" war die Polizei bereits seit mehr als einem Jahr auf der Suche nach Gangan. Vor etwa drei Monaten hätten die Polizisten dann ein Haus entdeckt, das der Drogenboss immer wieder als Versteck nutzte, berichtet der Internetdienst unter Berufung auf Polizeichef Álvaro Lins. Seit 15 Tagen habe die Polizei Gangan kontinuierlich überwacht und festgestellt, dass er einmal pro Woche in dem Haus auftauchte. Dort speiste er zu Abend, traf sich mit einer seiner Frauen und übernachtete dort.

Gestern gegen vier Uhr am Morgen stürmten elf Einsatzkräfte das Versteck. Die Gruppe der beteiligten Polizisten sei bewusst klein gehalten worden, wird Polizeichef Lins zitiert. So sollte verhindert werden, dass Informationen über die geplante Aktion durchsickern. Das sei notwendig gewesen, da es Belege gebe, wonach Gangan Unterstützer auch innerhalb der Polizei hatte, sagte Lins.

Blick vom Berg Corcovado auf die Stadt: Schüsse in den Bauch
DPA

Blick vom Berg Corcovado auf die Stadt: Schüsse in den Bauch

Als die Polizei das Versteck stürmte, habe Gangan seine Waffe gezogen. Die Polizisten hätten das Feuer erwidert, der Gauner sei schließlich durch einen Schuss in den Bauch verletzt worden. Zweimal habe er geschrien: "Ich will nicht sterben. Mein Gott, hilf mir." Als der Krankenwagen im Krankenhaus Souza Aguiar eintraf, war der Mann tot.

In den Favelas, in denen andere Banden den Drogenhandel kontrollieren, wurde der Tod Gangans mit Feuerwerk und Freudenschüssen gefeiert. Im Territorium der Gruppe "Amigis dos Amigos" blieben dagegen zum Zeichen der Trauer die Läden und Krankenstationen geschlossen. Die von den Einwohnern betrieben Minibus-Linien stellten den Verkehr ein - und in staatlichen Schulen fiel der Unterricht aus. Wie es heißt, geschah das allerdings nicht ganz freiwillig: Es habe Anrufe gegeben, in denen diese Form der Trauerbekundung verlangt wurde.

Dass durch den Tod des Drogenkönigs eine Befriedung im Drogenkrieg am Zuckerhut eintritt, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Die Polizei geht davon aus, dass nun rivalisierende Banden versuchen, das Territorium neu aufzuteilen.

Jule Lutteroth



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