Bangen in Polen "Wir lieben Dich, Heiliger Vater"

Im tief katholischen Polen sind die Kirchen seit Tagen überfüllt, im Radio und Fernsehen gibt es nur noch ein Thema, das politische Leben steht still. Die Gläubigen beten um ein Wunder für den Papst - ob in Warschau, seinem Geburtsort Wadowice oder in Krakau, wo Karol Wojtyla einst Bischof war.


Krakauer Marienkirche: Stoßgebete für den Papst
DDP

Krakauer Marienkirche: Stoßgebete für den Papst

Krakau - In ganz Polen bangen die Menschen an diesem Wochenende um Papst Johannes Paul II., der im fernen Rom im Sterben liegt. Sie hoffen auf ein Wunder. Fernsehen und Radio haben ihre Programme umgestellt, berichten am Samstag ausführlich über den Gesundheitszustand des 84-jährigen Heiligen Vaters und seine 26 Jahre als Pontifex Maximus. Immer neue Gruppen pilgern zur Muttergotteskapelle des Paulinerklosters von Tschenstochau, dem größten Nationalheiligtum der Polen. Auch im Papst-Geburtsort Wadowice versammeln sich die Gläubigen. Rund 95 Prozent der Polen sind katholisch.

Vor dem Bischofspalast im Zentrum der südpolnischen Stadt Krakau harren mehrere hundert Menschen stumm aus. Auf dem Bürgersteig vor dem zweigeschossigen Gebäude brennen Kerzen. Ältere Menschen, Familien mit Kindern und auffallend viele Jugendliche bringen immer neue Blumen, beten den Rosenkranz. Schulkinder haben papierne Herzen gemalt mit der Aufschrift: "Wir lieben Dich, Heiliger Vater". Auf der anderen Straßenseite singt eine Jugendgruppe religiöse Lieder zur Gitarre.

Riesiges Bild am Rathaus

In Krakau fühlen sich die Menschen dem Heiligen Vater besonders nah. Im Bischofspalast hatte Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakow von 1964 bis 1978 gewohnt. "Ich bin sehr traurig und leide mit ihm", sagt die 31-jährige Malgorzata Dawiec, die am Samstagnachmittag fast eine halbe Stunde lang weinend vor dem altargleichen Blumenmeer kniet. Er sei "der Vater". Sie könne gar nicht beschreiben, wie schlecht sie sich fühle. Der polnische Papst sei im eigenen Land und der ganzen Welt geliebt worden.

Krakauer Rathaus (am Samstag): Fassadenkletterer entrollen ein Papstbild
DDP

Krakauer Rathaus (am Samstag): Fassadenkletterer entrollen ein Papstbild

Auch in der Marienkirche um die Ecke am Hauptmarkt drängen sich die Gläubigen. Unentwegt strömen junge Mädchen mit Einkaufstaschen, alte Frauen, Männer im Anzug, Mütter mit Babys auf dem Arm in das prunkvolle, von zwei Türmen geprägte Gotteshaus. Am Eingang brennen hunderte Lichter. Die Menschen gehen auf die Knie, bekreuzigen sich, weinen. "Er war mir wie ein Bruder", sagt Janusz Pfaff, der mit seiner Freundin extra aus Katowice angereist war, um hier zu beten. Den Heiligen Vater bezeichnete er als wichtigste Person in seinem Leben.

Der Papst sei eine absolute Autorität sowohl für junge als auch für ältere Menschen, sagt auch eine Studentin aus Zywiec nach dem Kirchenbesuch. Sie sei sehr traurig und fühle mit ihm. Und eine ältere Dame mit der Enkelin an der Hand flüstert mit tränenerstickter Stimme: "Der Papst ist der wichtigste Mensch für uns." Unterdessen entrollen Jugendliche am Rathausturm auf dem Marktplatz ein über vier Meter hohes Leinwandbild mit dem Bildnis des betenden Papstes. Der Heilige Vater ist damit auch visuell in Krakau präsent.

Von Jörg Schreiber, ddp




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