Bangen um den Papst Der lange Abschied

Vom Petersplatz aus blicken Hunderte Gläubige gebannt auf das Sterbezimmer des Papstes. Doch noch sind die Fensterläden geöffnet, stehen die Glocken des Petersdoms still.


Es ist wie ein Karfreitag, der nicht enden will, wie eine Via Crucis, bei der immer neue Leidensstationen aufgestellt werden, so viele, dass schon keiner mehr zählen möchte.

Die ganze Nacht über haben Gläubige auf dem Petersplatz gestanden, es waren nicht mehr viele zuletzt, und die meisten mochten noch nicht geboren gewesen sein, als Karol Woityla zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Es ist still gewesen bis auf das Rauschen der beiden Brunnen. Die Glocken des Petersdoms sind seit gestern Nachmittag stillgelegt. Sie sollen sich erst wieder bewegen, wenn das letzte Leben aus dem geschundenen Leib dort oben, hinter einem der Fenster gewichen ist. Beim Tod eines Papstes läuten alle Glocken Roms.

Die Fensterläden im Apostolischen Palast blieben geöffnet. Kardinal Vincenzo Carpino hatte beim Rosenkranzgebet angekündigt, "heute Abend oder heute Nacht" werde der Papst vor Jesus treten. Aber die Fensterläden blieben geöffnet. Der Kardinal Ruini hatte in der Lateranbasilika gepredigt, vor der politischen Welt Italiens von Silvio Berlusconi bis Alessandra Mussolini, und hat gesagt, der Papst berühre schon die Hände des Herrn. "Er agonisiert", sagte der mexikanische Kardinal Barragan. Die Läden blieben geöffnet, und sie sind auch heute Morgen nicht geschlossen.

Wieder ist es ein nahezu windstiller, strahlender Morgen. Wieder füllt sich der Platz, und auf der Travertinplatte mit dem Sternzeichen des Löwen kniet eine elegante Römerin, die Hände vor der Stirn gefaltet und betet, als wäre sie völlig allein auf dem Platz. Als wohnte sie einem Wunder bei. Es hat diese unglaubliche Nachricht gegeben: Der Zustand des Papstes habe sich auf kritischem Niveau stabilisiert.

Eine neuerliche Falschmeldung? Ein Versuch der Kurie, Zeit zu gewinnen? Ein letztes Aufbäumen dieses zähen Körpers? Ein Miraculum?

Das Warten geht weiter. Johannes Paul II. hat noch nicht aufgehört, die Welt zu bewegen.

Und in der Mitte des Platzes steht der Obelisk, jener Nadelstein, in dessen Spitze ein Splitter des Kreuzes vom Hügel Golgatha aufbewahrt wird, heute als Erinnerung, dass es schon schlimmere Passionen gab und schon größere Einsamkeit.



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