Bombenanschlag in Bangkok Die Megastadt ist verstört

20 Menschen kamen bei dem Bombenanschlag in Bangkok ums Leben. Nun herrscht in der sonst vor Energie strotzenden Metropole Verunsicherung. Warum kam der Terror in die Hauptstadt?

Polizist in Bangkok: 20 Tote bei Bombenanschlag
DPA

Polizist in Bangkok: 20 Tote bei Bombenanschlag

Von , Bangkok


Dienstagmittag in Bangkok. Ein unangenehmer Verbrennungsgeruch hängt über der Rama-I.-Straße im Einkaufsviertel in der Innenstadt. An der Ratchaprasong-Hauptverkehrskreuzung mischt sich ein beißender Geruch von Desinfektionsmitteln in die schwülwarme Luft. Nur wenige Autos sind heute auf den beiden Hauptstraßen unterwegs, die sich hier kreuzen und auf denen sich sonst der Verkehr staut.

Passanten blicken zu dem Erawan-Hinduschrein hinüber, der an einer Ecke der Kreuzung steht und dem Gott Brahma gewidmet ist. Hier hat sich am Montagabend eine Tragödie abgespielt, wie sie Bangkok noch nicht erlebt hat: Kurz vor 19 Uhr erschütterte eine schwere Explosion die Anlage, auf der sich zu diesem Zeitpunkt Gläubige und Touristen drängten.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils verwandelte sich der Ort in ein Horrorszenario. Dutzende blutüberströmte Tote und Verletzte lagen auf dem Gelände vor dem Schrein und auf der Straße. An der angrenzenden Luxus-Shoppingmall gingen sämtliche Schaufenster zu Bruch. Menschen auf der gegenüberliegenden Seite der großen Kreuzung wurden von Trümmern und von Splittern verletzt. Die Explosion war so gewaltig, dass sie in der halben Stadt zu hören war.

Nun sind Reinigungsteams damit beschäftigt, den kleinen Platz vor dem Schrein zu säubern. Wo genau die Bombe detoniert ist, kann man klar erkennen: Hinter einer Bank ist ein Betonpfeiler nach außen in Richtung Straße gedrückt. Unter der Bank zeichnet sich ein kleiner Krater ab. Der Schrein selbst, der nur etwa drei Meter vom Ort der Explosion entfernt liegt, ist angesichts der Wucht des Anschlags erstaunlich unversehrt. Die Brahma-Statue hat nur im Gesicht und an einem Arm Splitter abbekommen; ein Umstand, auf den die thailändischen Medien besonders hinweisen.

Mann wirft Sprengsatz von Brücke

Erst im Lauf des Tages wird die Lage übersichtlicher: Die Polizei erklärt, 20 Menschen seien gestorben, 125 seien verletzt worden. Zwei der Toten sind den Behörden zufolge Chinesen, je zwei weitere stammten aus Hongkong und aus Malaysia, einer aus Singapur. Der Erawan-Schrein war gerade bei Chinesen, die in Südostasien leben, sehr beliebt.

Am frühen Nachmittag ereignet sich ein weiterer Zwischenfall: Ein Unbekannter wirft von einer Brücke einen Sprengsatz auf eine Bootsanlegestelle am Chaopraya-Fluss. Auf einem Video, das thailändische Medien verbreiten, ist zu sehen, wie plötzlich eine Wasserfontäne in die Höhe schießt, die Menschen auf dem Pier rennen davon. Verletzt wurde Berichten zufolge niemand. Ein Minister erklärt, auch bei dieser Bombe habe es sich, wie am Montag, um einen selbst gebauten Sprengsatz gehandelt.

Einsatz am Pier: Sprengsatz landete im Wasser
AFP

Einsatz am Pier: Sprengsatz landete im Wasser

Über die Hintergründe des Anschlags vom Montag herrscht weiterhin Unklarheit. Doch es gibt einen Verdächtigen. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen einen jungen, schlanken Mann, der mittellange Haare hat und eine Brille und ein gelbes T-Shirt trägt. Sein Gesicht ist auf dem grobkörnigen Video nicht zu erkennen.

Der Mann betritt den umzäunten Hof, auf dem der Schrein steht. Auf dem Rücken trägt er einen großen schwarzen Rucksack. Auf einer Bank am linken Bildrand nimmt er Platz. Er streift sich die Träger ab und drückt den Rucksack unter die Bank. Dann steht er auf, schaut in die Menge und hält das Handy in die Höhe, als würde er ein Foto schießen. Dann tippt er etwas in sein Telefon und verlässt den Platz schnell. Wenige Minuten später wird an genau derselben Stelle die gewaltige Explosion 20 Menschen in den Tod reißen.

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Bombenanschlag in Bangkok: Suche nach dem Mann im gelben T-Shirt

Der Anschlag hat die Menschen in der ansonsten vor Energie strotzenden Megastadt Bangkok zutiefst verstört. Sie sind spürbar nervös. Passagiere in der Hochbahn, die ansonsten in ihre Handys starren oder sich mit anderen Fahrgästen unterhalten, blicken unruhig um sich. Motorrad-Taxifahrer, die beinahe an jeder Ecke stehen, mustern kritisch alle Passanten.

Niemand kann sich einen Reim darauf machen, wie so ein gravierendes Verbrechen in Bangkok geschehen konnte. Zwar ist Gewalt in Thailand vielerorts an der Tagesordnung. Auch hat es im Zusammenhang mit den politischen Protesten, die das Land seit zehn Jahren immer wieder in Unruhe versetzen, häufig kleinere Anschläge in Bangkok gegeben - bisweilen auch mit Verletzten oder Toten. Aber einen solchen Terroranschlag hätte sich noch vor wenigen Tagen in Bangkok niemand vorstellen können.

"Thailand war nie so friedlich, wie das Land es gerne nach außen hin projiziert", sagt eine Bewohnerin der Hauptstadt, Anfang 30, die für eine humanitäre Organisation in Bangkok arbeitet und lieber nicht namentlich genannt werden möchte. "Bombenanschläge gibt es im äußersten Süden immer wieder. Aber wir Bangkoker kümmerten uns nicht darum oder wussten nicht viel darüber. Wir haben hier in einer Blase gelebt."

Sie befürchte, fügt sie hinzu, dass das Land in eine gefährliche Ära eingetreten sein könnte.

Im Video: Polizei fahndet nach mehreren Verdächtigen

REUTERS



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