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IRLAND Befehl im Herzen

Monsignore Horan, der Erbauer des zweitsinnlosesten Flughafens der Welt, starb auf einer Wallfahrt. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

»The Mognor«, wie sie ihn in ihrem breiten Dialekt nannten, sei ein großer Mann gewesen, ein Heiliger fast. Alles habe er vertragen, einen derben Scherz und auch einen kräftigen Schluck, nur eines nicht - Widerstand gegen den Willen Gottes und den der gebenedeiten Jungfrau Maria.

Da allerdings konnte der Monsignore James Horan, der Pfarrverweser des Kirchsprengels Knock im Nordwesten Irlands (County Mayo), schreien wie alle Teufel im Schwefelpfuhl der Hölle zusammen; sein Gesicht, das aussah, als sei es vom Grobschmied gehauen (und zwar von einem irischen), wurde dann noch um einige Züge gröber, seine Gebärden erinnerten an einen Schattenboxer.

Und wie oft mußten sich Hochwürden dieserart erregen seit dem Jahre 1979. Denn damals wurde ihm offenbart, es sei der Wille des Himmels, daß seine Pfarrei unbedingt einen internationalen Flugplatz bekommen müsse - was Menschen mit geringerer Glaubenszuversicht etwas ratlos ließ, denn schließlich zählt Knock gerade 450 Seelen.

Doch die Geschichte spielt in Irland, und so bekamen Horan und sein Herr ihren Flughafen - und was für einen: 2,5 Kilometer-Landebahn, Kontrollturm mit modernster Elektronik, Abfertigungshallen, Duty-Free-Shop, alles ausgelegt für 400000 Passagiere pro Jahr und Flugzeuge bis Jumbo-Größe.

Als der Airport Ende Oktober letzten Jahres eingeweiht wurde, lachte mal wieder die ganze Welt über die Iren und deren offenbar angeborenen Hang zu widersinnigem Tun. Sie hätten es geschafft, spottete die »New York Times«, den sinnlosesten Flughafen auf dem Erdenrund gebaut zu haben - was höchst ungerecht war, denn der Airport von Wagadugu in Burkina Faso (Obervolta) ist noch überflüssiger; dies jedenfalls war das Fazit einer vor Baubeginn erstellten Studie der irischen Regierung, die über 30 Millionen Mark im nebligen Sumpfland von Knock vergraben hat.

Vorletzten Mittwoch war Horan mit einer Gruppe zur ersten Pilgerreise nach Lourdes gestartet; vorigen Montag landete er wieder auf seinem Flughafen - im Sarg: Schon wenige Stunden nach Ankunft in dem französischen Marien-Wallfahrtsort hatte sich der Monsignore 74jährig zu seinen Ahnen versammelt.

»Go mbeannai Dia dhuit (Gottes Segen mit Dir), betete auf gälisch die trauernde Gemeinde, die Männer im Sonntagsanzug, ihre Frauen mit zum Halleluja-Knoten hochgebundener Haartracht. Ein Dudelsackbläser spielte

»Amazing Grace«, als des Priesters sterbliche Überreste in die Kapelle von Knock getragen wurden - an jenen Ort, an dem eine höhere Macht, wahrscheinlich die des Alkohols, vor 107 Jahren die Grundlage für den Anschluß Knocks an das internationale Flugnetz schuf.

Damals, am 21. August 1879, berichteten drei Frauen, sie hätten die Heilige Jungfrau über dem Südgiebel des Gotteshauses schweben sehen. Am nächsten Tag waren es schon 15 Personen, die, vornehmlich auf dem nächtlichen Nach-Hause-Weg vom Pub, der weißgewandeten Gestalt ansichtig wurden; doch schon bald geriet der Vorfall in Vergessenheit - schließlich gibt es in Irland kaum einen Ort, der in seiner Geschichte von Erscheinungen solcher und noch wundersamerer Art verschont geblieben wäre.

Besonders wenn während der Rauhnächte die feuchten Winternebel wallen und - nach kräftigem Genuß von »Hot Toddies« (heißem Whiskey) oder »Potheen« (schwarz gebranntem Alkohol) irische Fabulierlust sich in oft recht eigenwilliger Absynthax Bahn bricht, dann häufen sich auch heute noch Berichte von höchst absonderlichen Begebenheiten, die von den Zeitungen minutiös festgehalten werden. Immer wieder gern beobachtet werden fliegende Pferde und sprechende Schafe, auch der Nationalheilige Patrick mit seinem »pota«, dem magischen Bierkrug, der niemals leer wird, ist eine beliebte Erscheinung.

Im letzten Winter waren mal wieder die Marienstatuen gehäuft unterwegs; die steinernen Jungfrauen, so versicherten zahlreiche Augenzeugen, seien von ihren Sockeln herabgestiegen und durch die Straßen gewandelt, auch durch die von Knock: »Die ganze Disco hat sie gesehen«, sagte der 16jährige Adrian Martin dem Reporter des Lokalblattes »Western People«, des »führenden Journals der irischen Provinzen«. (In Dublin hingegen, wo der gottlose Geist der Großstadt herrscht, fand sich zur selben Zeit eine Marienstatue mit umgehängtem Schild: »Außer Betrieb«.)

Ein Wunder wird in Irland aus einer Erscheinung erst, wenn ein Tatmensch wie Horan den göttlichen Offenbarungseifer in die Hand nimmt. Als der Priester 1963 nach Knock versetzt wurde, begann er, das Dörfchen zum Wallfahrtsort auszubauen - heute kommen jährlich zwei Millionen Pilger dorthin, die meisten freilich aus Irland (Gesamtbevölkerung: 3,5 Millionen), um sich in der für sechs Millionen Mark errichteten Basilika aus Glas und Stahl (20000 Plätze) der Marien-Verehrung hinzugeben. Das segensreiche Wirken des Gottesmannes wird eindrücklich durch den Schilderwald am Dorfeingang dokumentiert: »Südlicher Buspark«, »Nördlicher Buspark«, »Beichten«, »Toiletten«, »Weihwasser«. Es gelang dem Monsignore sogar, die Laden- und Pubbesitzer des Wallfahrtsortes hinsichtlich ihrer Öffnungszeiten zu Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit zu erziehen - zwei Eigenschaften, die nicht gerade zu den irischen Tugenden (sind es Tugenden?) zählen.

Schließlich vermochte der Dorfpfarrer sogar den Papst dazu zu überreden, während seines Irland-Besuches im Jahre 1979 in Knock eine Messe zu halten. Just dabei habe er in seinem »Herzen den Befehl gespürt«, einen Flugplatz zu bauen, damit auch ausländische Pilger des gnadenbringenden Gebets am Marienschrein teilhaftig werden könnten.

Als Horan seinen Plan während eines Mittagessens dem damaligen Premier Charles Haughey unterbreitete, kam diesem das Jubilate nur zögernd von den Lippen; schließlich besaß die kleine Republik am Rande Westeuropas schon drei internationale Flughäfen. Doch es war gerade Wahlkampf, beim Nachtisch sagte Haughey zu, in der Annahme, der Pfarrer spreche von einer Landebahn für kleinere Propellermaschinen - es war der teuerste Lunch seines Lebens.

Auch Haugheys politischen Gegenspieler brachte der Priester dazu, sich öffentlich zu dem Projekt zu bekennen; aber in Garret FitzGerald, der die Wahlen 1983 gewann, hatte das Schlitzohr im schwarzen Rock seinen Meister gefunden - der neue Premier strich sämtliche Mittel für den »Knock-Nonsens«.

Mit eilig zusammengebettelten Spendengeldern baute die priesterliche Flughafengesellschaft (Eigenkapital: 5000 Mark) den Flughafen fertig; fast jedenfalls, denn noch fehlen so »überflüssige Dinge« (Horan) wie etwa die Landebahn-Befeuerung. »Da zünden wir einfach Torffeuer an«, beschied der Monsignore ("Der Herr ist mein Kopilot") die Mitglieder einer Expertenkommission.

Obwohl seit Oktober erst 4000 Pilger auf dem internationalen Airport von Knock gelandet sind (die Kostendeckung beginnt bei 250000 Passagieren pro Jahr), ist den Gemeindemitgliedern auch nach dem Hinscheiden ihres Pfarrers nicht bange vor der Zukunft. Denn schon einen Tag nach seinem Begräbnis am Dienstag letzter Woche wurde er des Nachts von acht Gläubigen gesehen - als lichtdurchflutete Erscheinung auf dem Rollfeld seines Flughafens, die Arme zum Gebet ausgebreitet.

»Der Mognor«, sagen die Leute in Knock, »wird uns nicht verlassen.« _(Am Dienstag letzter Woche auf dem ) _(Flughafen von Knock. )

Am Dienstag letzter Woche auf dem Flughafen von Knock.

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