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HOMOSEXUALITÄT Beim Fummeln erwischt

Hitler schwul, die Nazis eine Horde von Homophilen? Der Belgier Eric Vermeer erlebte als homosexueller Waffen-SS-Mann den Umgang mit Schwulen in der Truppe. Sein Leben ist bis heute von den Erlebnissen dieser Zeit geprägt.
Von Tilman Wörtz
aus DER SPIEGEL 5/2002

Alarmglocken reißen die Soldaten kurz nach Mitternacht aus dem Schlaf. Die Männer hetzen auf den Hof und stehen stramm. »Diese verdammten Arschficker haben die deutsche Ehre besudelt«, brüllen Lautsprecher in den Hof. »Eng umschlungen haben sie Unzucht getrieben, eng umschlungen sollen sie verrecken!« Kettenrasseln nähert sich aus dem Dunkel, sechs SS-Leute prügeln mit Gewehrkolben zwei Männer in den Lichtkegel vor die Soldaten. Marcel stolpert fast über die Kette, die Beine und Hände fesselt, sein Gesicht ist nur noch roter Brei, das linke Auge nicht mehr zu sehen. Ein Schuss streckt ihn nieder, er reißt Louis an der Kette mit zu Boden. Louis nimmt Marcels Kopf in die Hände und schreit. Dann fällt der zweite Schuss.

Eric Vermeer* steht in der ersten Reihe und kämpft gegen das Erbrechen, fast fällt er um und verrät sich. Kettenrasseln und Schüsse hallen in seinem Kopf nach, als er zurück zum Schlafplatz geht. Weil diese Truppe, zu der er sich freiwillig gemeldet hat, nicht nur Juden und Kommunisten umbringt, sondern auch Schwule.

Dem 80-jährigen Eric Vermeer kommt diese Zeit wie ein Alptraum vor. Er spricht nicht gern von ihr. Viel lieber von seiner Zeit als Dirigent. In einem Tonfall, als stiege er gerade vom Podest, das Kinn nach vorn gereckt, die faltigen Mundwinkel beim Sprechen weit nach hinten gezogen. Er spricht mit feiner, leiser Stimme und sitzt auf dem abgewetzten braunen Kordsofa, als hätte er einen Stock im Rücken.

Er will singen, das Lied für Gaston, seine große Liebe. Ein Lied in c-Moll. Er eilt ins Klavierzimmer, bricht in Tränen aus,

spielt weiter, den Bass nur mit dem Zeigefinger der linken Hand, die anderen Finger sind verkrüppelt. Folge seiner zweiten großen Liebe. Er hatte versucht, sich umzubringen.

Eric war immer Klassenprimus. Als Schüler in Antwerpen schrieb er zu Hause den Unterrichtsstoff auf kleine Zettel, um ihn sich einzuprägen. Sein Abitur machte er in sechs Sprachen. Sein Vater, von Beruf Tabakexperte, war stolz und sagte, dass nicht alle Flamen in Belgien diese Chance hätten. »Die Französisch sprechenden Wallonen unterdrücken uns«, erzählte er, während er Zigarren drehte. »Im Ersten Weltkrieg trieben sie uns Flamen in den Tod, weil wir ihre französischen Befehle nicht verstanden!« Wie die Vokabeln in der Schule lernte Eric auch die väterlichen Weisheiten auswendig. Der Vater war Mitglied der »Vlaamse Beweging« für ein unabhängiges Flandern. »Vielleicht hilft dieser Hitler, der macht jetzt alles sauberer in Deutschland, schafft die Korruption ab und bringt uns die Unabhängigkeit.« An Hitler dachte Eric zum ersten Mal, als ihm zwei jüdische Jungen in sein grünes Fahrrad fuhren. »Wartet nur, bis Hitler kommt, dann könnt ihr was erleben«, rief er ihnen zu.

Er trug noch Knickerbockers und schaute eifersüchtig auf den dunkelblauen Anzug seines Cousins Pascal, von dessen Wölbung im Schritt er nicht die Augen lassen konnte. Er bettelte seinen Vater um einen Anzug an. Bei der ersten Anprobe bekam er eine Erektion und von da an jeden Sonntag, wenn er in die Anzughose schlüpfte. Er verstand das nicht. In der Schule hatte ihm ein Kamerad erzählt, wie schön es sei, »het pietje« in »het poesje« eines Mädchens zu stecken. So würden auch die Kinder entstehen. Von seinen Eltern wollte er Einzelheiten wissen. Sie schrien ihn an: »Was für dreckige Phantasien hat der in seinem kranken Hirn!«

Hinter verschlossener Tür zog er den braunen Anzug an und rieb sich an der Bettkante. Dabei dachte er an seinen Cousin Pascal oder an René, dem er im Zeichenunterricht über die Schulter schaute und Wange an Wange den Duft von dessen Eau de Cologne einsog. »Ich war keusch«, beichtete er dem Pfarrer mit gutem Gewissen. Mit »het poesje« hatten Pascal und René ja nichts zu tun.

Neben dem Eingang zum Salon des Elternhauses stand ein Klavier. Es war so schwarz, dass sich Eric darin spiegeln konnte. Sein Onkel, ein Operettenkomponist, gab ihm Unterricht. Bald trafen sich Mitschüler aus dem Gymnasium jeden Sonntagvormittag bei Eric zu Hause und spielten Jazz. Eric saß auf dem Klavierhocker, die Beine übereinander geschlagen und klemmte seine Geschlechtsteile ein.

Zwei der Musiker waren Juden. Zuckerbauch spielte Geige, Weißbohne Trompete. Dem Vater gefiel die Musik. Er hatte Zuckerbauch und Weißbohne gern. Aber wenn die »netten Jungs« gegangen waren, schimpfte er über die jüdischen Diamantenschleifer in der Pelikaanstraat mit ihren langen Bärten und über jüdische Bankiers, die anständige Bürger am Zinstropf hielten. Als kurz nach der Besetzung durch die Deutschen ein Lastwagen an der Ecke Langemarkstraat / Ramskapellestraat anhielt und die Nachbarfamilie Mandel abgeholt wurde, versuchte deren jüngster Sohn wegzulaufen. Soldaten rannten hinterher, trieben ihn mit ihren Gewehrkolben zurück und zerrten ihn auf den Lastwagen zu den anderen. Erics Mutter klatschte Beifall.

Seine Band war bald so gut, dass sie in Tanzlokalen spielen durfte. »Een lekker knulletje«, tuschelten Frauen absichtlich laut, und manchmal kam eine zum Klavier, blätterte die Noten um und berührte Erics Wange mit ihren Haaren. Mit übereinander geschlagenen Beinen saß er da, den Scheitel zerzaust und blickte sie mit Augen an, groß, braun und naiv: Du schmeichelst mir, aber was willst du?

Triolen von Glenn Millers »In the Mood« trieben die Paare auf der Tanzfläche an, hin und wieder verschwand eins in der Dunkelheit des Gartens. Eric starrte auf die Tasten, und wenn der Schlussakkord verklang, vergaß er im Rausch des Beifalls, dass René, seine heimliche Liebe, Suske auf dem Pausenhof geküsst hatte.

1938 schaffte Eric die Aufnahme in die Meisterklasse für Piano an der Musikhochschule in Antwerpen und studierte gleichzeitig germanische Philologie in Gent. Im Zug nach Gent saßen jetzt häufig deutsche Soldaten mit gespreizten Beinen und eng anliegenden Fliegeruniformen. Sie lachten und sangen das Lied vom schönen Westerwald. Eric setzte sich in ihre Nähe.

Einmal platziert sich ein junger Mann mit Locken und braunen Knopfaugen gegenüber. Er heißt Gaston de Man, will Schriftsteller werden und liest ihm aus Oscar Wildes Märchen vor, die er ins Holländische übersetzt hat. Sie fahren jedes Wochenende die Strecke von Gent nach Antwerpen. Gaston widmet Eric ein Gedicht. Es handelt von einem ekelhaft stillen Wald, in dem die Stille der Nacht widerhallt. Eric vertont das Gedicht in c-Moll und widmet es Gaston zurück.

Gaston schreibt, Eric komponiert - bald die ganze Bühnenmusik über den Nationalhelden der Flamen, Wilhelm I. von Oranien. Das Symphonieorchester der Genter Oper führt das Stück auf, und Gaston hört zu. Auch Nationalisten vom »Vlaams Nationaal Verbond« sind beeindruckt. Sie laden Eric regelmäßig zu Versammlungen ein. Er wittert seine Chance, als junger Komponist Anerkennung zu finden.

Gemeinsam gehen Eric und Gaston ins Cinema Rex auf der »Keiserlei« - in Begleitung von Marianne. Den Film nimmt Eric nicht wahr, schielt nur nach links zu Gaston, der Marianne den Arm um die Schultern legt. Sie kichern. Küssen sich. Eric steht auf und rennt nach Hause, Gaston hinterher, geht in Erics Zimmer, beugt sich auf dem Bett über ihn. Wild vor Eifersucht schlägt Eric um sich, schließt sich im Zimmer ein.

Er hatte schon mehrmals an Selbstmord gedacht. Diesmal ist es ihm ernst. Aber er ist zu feige. Sterben an der Ostfront, im Kampf gegen den Kommunismus, ist heldenhafter und entspricht seinem Sinn für Dramatik. Er geht auf die Registrierungsstelle der »Freiwilligen-Legion Flandern« in Antwerpen und unterschreibt. Vater und Mutter sind stolz. Sein Klavierlehrer weint.

Am 1. Mai 1943 sammeln sich alle Freiwilligen und marschieren hinter Hakenkreuzfahnen und dem flämischen Löwen zum Bahnhof. Sie tragen Zivil, Eric trägt seinen braunen Anzug, der an Knien und Ellenbogen schon fast durchgewetzt ist. Am Straßenrand stehen Sympathisanten und jubeln. Die zackige Musik einer deutschen Kapelle erleichtert Eric das Marschieren. Ihn fröstelt. Der Zug überquert die deutsche Grenze. Aus dem Fenster sieht Eric die Stromleitungen auf- und abspringen und denkt an die weißen Pferdchen auf der Kirmes. Im Abteil redet niemand.

Im Ausbildungslager in Sennheim, Elsass, tauscht er die Uniform. Eric gehört jetzt zur SS-Freiwilligen-Sturmbrigade »Langemarck« und bekommt am linken Oberarm die Blutgruppe 0 eintätowiert. Auf Stroh in einem Güterwagen liegend, sieht Eric durch die aufgezogene Schiebetür die endlosen Felder Polens und der Ukraine vorüberziehen, muss rausspringen, sobald er das Knattern eines Propellers hört und so weit wie möglich vom Zug wegrennen. Viele, die zu langsam rennen, werden von Salven aus den Bordgeschützen erwischt.

In der Nähe von Kiew überwacht seine Einheit die Weizenernte. Eric hört oft abfällige Äußerungen über »Arschficker« und »75er«; »Homosexuelle« sagt niemand. Er vermeidet, einem Soldaten den Arm um die Schulter zu legen oder ihn zu trösten, wenn er hinfällt. In den Wehrmachtspuff geht er nicht mit, stattdessen trinkt er Bier in einer Kneipe, bis die anderen zurückkommen und von den jungen Polinnen, Russinnen und Tschechinnen schwärmen und wie sie sich gewehrt haben, die Biester.

Das fällt auf. Eines Tages setzt sich ein Kamerad im Auftrag der Truppe zu ihm. »Es wird Zeit, dass du''s mit der Köchin Maria treibst«, sagt der Kamerad und reicht ihm ein Kondom. Einer der Soldaten schubst ihn durch die Küchentür. Eric will nicht kneifen, rennt der Köchin, einer Ukrainerin, hinterher, sie flüchtet unter dem Gegröle der Soldaten. Eric lässt von ihr ab, seine Vorstellung hat er vorerst gegeben.

Eric und seine Kameraden sollen bei einem Dorf in der Nähe Kiews die Heeresgruppe Süd verstärken. Sie graben sich an einem ausgetrockneten Flussbett ein. Granaten schlagen Stunde um Stunde ein, dann tauchen russische Panzer auf. Es folgen öde Tage. Eric schiebt Wache, baut wieder und wieder sein Gewehr auseinander und zusammen. Die Moral der Truppe sinkt. Ein Kamerad spottet über die Heeresleitung: Hätte die statt Moses die Juden angeführt, wäre das Volk Israel noch immer in der Wüste. Die Kameraden lachen. Einige Tage später werden sie alle von Alarmglocken auf den Kasernenhof gehetzt und müssen zuschauen, wie die »Arschficker« Marcel und Louis erschossen werden. Beim Fummeln erwischt. Eric zittert, ob er sich verraten haben könnte.

Doch dann darf er im August 1944 auf die Eliteschule der SS in Bad Tölz. Eric, jetzt Erich, und andere SS-Junker sitzen täglich mit blank geputzten Stiefeln und faltenlosen Uniformen in einem Klassenzimmer der Kaserne, in der man aus ihnen den Adel des Tausendjährigen Reichs machen will. Was für ein Unterschied zu Matsch, Kälte und tödlichem Drill der Ostfront.

An der Front hat er Angst gehabt. In Bad Tölz begreift er, dass er nicht gegen den Kommunismus, sondern für die »Ausmerzung alles Minderwertigen« kämpft. »Kopfindex ist gleich Kopfbreite mal 100 geteilt durch Kopflänge«, schreibt er von der Tafel ab und staunt über den germanischen Geist, der angeblich die Menschheitsgeschichte geformt hat, von Homer bis zur Renaissance. »War Michelangelo nicht schwul?«, fragt ein SS-Junker. »Jüdische Untergrundpropaganda«, kläfft der Lehrer zurück. Erich wundert sich lieber nicht laut über die krumme Nase Richard Wagners.

Im Winter Skilanglauf und Boxen, im Sommer Reiten und Schwimmen. Erich hat früh schwimmen gelernt, aber unter Wasser befällt ihn Panik. Er zögert, vom Fünfmeterturm zu springen. Der Trainer schreit ihn an: »Du musst deinen inneren Schweinehund überwinden!« Dann schubst er ihn runter. Erich klatscht mit dem Bauch auf das Wasser und lässt sich nach oben treiben. Schwer wie Blei spürt er das Wasser auf seinen Augen, schreiende Stimmen im Ohr. Du musst deinen inneren Schweinehund überwinden! Er denkt an Gaston, an dessen melodische Stimme, als dieser sein Gedicht »Nacht« im Zug nach Gent vorlas.

Beim Kommandeur versucht er, sich dem Sportunterricht zu entziehen. Er beantragt Freistunden, um eine Oper zu komponieren. Die Bitte wird gewährt, er bekommt sogar Notenpapier und Bleistift. Obwohl er die Tür des Musiksaals hinter sich verschließt, wenn er am Bechstein sitzt, spricht sich herum, dass ein Klaviervirtuose auf der Junkerschule ist. Obersturmbannführer Sailer, Taktiklehrer und Musikliebhaber, nimmt ihn im Herbst 1944 zur Villa einer Gräfin am Tegernsee mit.

Eine Eichenallee führt zum Efeu-umrankten Portal. Erich küsst der Gräfin die Hand. Für eine kleine Gesellschaft, die um den Kamin in Ohrensesseln und barocken Lehnstühlen Platz genommen hat, spielt er Sonaten von Beethoven und eine eigene: »Ein Tag voller Illusionen«.

Bei seinem dritten Konzertabend dort sitzt ein blasser Herr mit Nickelbrille im Ohrensessel. Er sagt nicht viel. Nur, dass man gegen Drückeberger härter vorgehen müsse. Und er sagt, dass Erich nach dem Krieg eine wichtige Aufgabe in Flandern als junger Komponist haben werde. Das schmeichelt ihm. Der blasse Mann heißt Heinrich Himmler.

Der Tag kommt, an dem die SS-Junker eine silberne Kordel an ihre Schirmmütze heften dürfen. Sie sind jetzt Oberjunker und damit SS-Führer. Erich und seine Kameraden spazieren stolz durch Bad Tölz und lassen sich bewundern. Bald erhält Erich einen Marschbefehl in Richtung Brünn, wo sich seine Einheit in einem Gasthaus einquartiert. Tagsüber befestigt er Sprengladungen an Brücken, abends spielt er am Flügel. Ein junger Soldat der Waffen-SS hört ihm stundenlang zu, sie werden Freunde. Als der Krieg zu Ende geht, verbrennen sie Uniformen und Soldbücher der Waffen-SS. Mit Entlassungspapieren als Wehrmachtsoffiziere machen sie sich auf den Weg.

Die Straße führt durch einen großen Laubwald, durch den sich Soldaten Richtung Heimat schleppen. Am Ende des Walds haben tschechische Partisanen die Straße gesperrt. Jeder, der passieren will, muss seinen Oberkörper frei machen und den linken Arm heben. Die meisten Soldaten dürfen passieren, doch einige werden an Ort und Stelle durch einen Genickschuss exekutiert. Erichs Blutgruppenzeichen unter dem linken Oberarm brennt auf der Haut wie frisch eintätowiert. Er fürchtet, dass alles vorbei ist, entblößt seinen Oberkörper, fasst Freddy mit dem rechten Arm um die Hüfte und beide heben ihren linken Oberarm. »Den anderen Arm!«, schreit der Soldat, findet nichts bei Freddy, schaut bei Erich nicht nach - und winkt sie beide durch. Warum, Freddy?, fragt Erich in sicherer Entfernung. Die Erklärung ist einfach: Freddy ist erst vor kurzem in die Waffen-SS eingetreten und hat keine Tätowierung mehr bekommen.

Nach einigen Tagen wandern gerät er in französische Gefangenschaft. Das Lager ist voller Dänen, Holländer, Norweger und Flamen, Angehörige eines der vielen Fremdenverbände in der Waffen-SS. Bald soll eine belgische Kommission das Lager nach Landesverrätern durchsuchen, um sie hinzurichten. Erich flüchtet. Er besorgt sich falsche Papiere. Name: Erich Brahms, Geburtsort: Breslau. Alles andere stimmt: Geburtsdatum, Studium indogermanischer Sprachen von Sanskrit bis Niederländisch.

Er bewirbt sich als Französisch- und Englischlehrer, muss sich vor der Anstellung jedoch vom Amtsarzt untersuchen lassen. Die Blutgruppen-Tätowierung könnte ihm zum Verhängnis werden. Er vertraut sich einer Ärztin an, die den letzten Beweis wegoperiert, dass Eric Vermeer alias Erich Brahms bei der Waffen-SS gewesen ist.

Sie schließen Freundschaft und laden gemeinsam zu Liederabenden ein. Erich ist der Star am Klavier, fühlt mit Ärztin Petra und ihren Freunden wieder die Geborgenheit, die ihm seit den Tanzabenden in Antwerpen verloren gegangen ist. Wieder schauen ihm Frauen beim Notenumblättern über die Schulter, während die anderen flirten, heiraten und sich wundern, weshalb der Erich Brahms trotz seiner Chancen so zugeknöpft ist. Erich steht wieder unter Druck. Jetzt hat er noch mehr zu verbergen als während des Kriegs: seine Homosexualität und seine SS-Vergangenheit.

Nach einem Kinobesuch geht Erich mit Petra durch den Kurpark. Er fragt, weshalb ihre Briefe immer so traurig klingen, und sie erzählt vom Verlobten, der sie betrogen hat. Das Vertrauen will Erich zurückgeben und erzählt von Gaston und dem Tag, als er sich zur Legion Flandern meldete. Er macht ihr ein Angebot: Dein Leben ist verkorkst und meins auch, lass uns heiraten und gemeinsam was auf die Beine stellen. »Ich will Kinder«, Erich verspricht es.

Der Zeugungsakt kostet ihn Überwindung, aber bei der Geburt der Tochter ist er dabei. Nach zwölf Stunden erscheint das Köpfchen des Kindes, und Erich ist stolz auf seine Tochter und darauf, dass sie ein Wunschkind ist und nicht das Ergebnis eines Unfalls. Insgeheim hofft Erichs Frau immer noch, dass er sich ändert. Sie ist eifersüchtig, und sie besorgt ihm, weil er sie bittet, Pillen, die seine homophile Lust dämpfen sollen.

Das Ehepaar lebt respektvoll nebeneinander her. Nach der Tochter kommen noch zwei Söhne auf die Welt. Als die Kinder aus dem Haus sind, fahren sie getrennt in Urlaub. Petra lernt in Griechenland einen Mann kennen, Erich erlebt in Tunesien mit 40 Jahren seinen ersten Zungenkuss.

Die Angst, entdeckt zu werden, dämpft immer noch die Lust. Außerdem ermittelt die Polizei 1967 wegen falscher Namensführung gegen Erich. Das Verfahren wird bald darauf wieder eingestellt, ihm können keine Kriegsverbrechen nachgewiesen werden. Auch die Gefahr, nach Belgien ausgeliefert und hingerichtet zu werden, besteht nicht mehr: Die Todesurteile gegen Landesverräter sind aufgehoben worden.

Er wird Lehrer am Gymnasium. Seinen Schülern versucht er, Weisheiten weiterzugeben, die er selbst nicht beachtet: Habt Mut, ihr selbst zu sein! Glaubt nicht einfach, was man euch erzählt! Er warnt sie vor einem zweiten Hitler. Manche Kollegen halten ihn für einen Kommunisten, andere für neurotisch. Seine Schüler lieben ihn.

Nach der Schule probt er mit dem Stadtorchester, dessen Geigen und Trompeten immer etwas verstimmt klingen, schreibt Chopins Etüde in E-Dur, die Filmmusik »Spiel mir das Lied vom Tod« und Wagners »Lohengrin« für Orchester um. Er ist der »Herr Dirigent«, eine Respektsperson, die jeder grüßt. Zu den Konzerten kommt häufig einer, dessen Name Erich bis heute nicht mehr ausspricht. Er sagt nur: Er.

Er ist groß und stark, wie die Kameraden an der Front und die Junker von Bad Tölz. Er rühmt sich, einen Polizisten in Köln umgebracht zu haben, und spürt, dass Erich auf Typen wie ihn steht. Er ist kein bisschen homosexuell, sogar verheiratet, aber hat Lust auf Macht über andere Menschen. Er schlägt Erich.

Irgendwann kann Erich nicht mehr und schluckt eine Überdosis Tabletten. Die Ärzte holen ihn ins Leben und Leiden zurück. Mit dem Klavierspielen ist es seit dem Suizidversuch vorbei, an der linken Hand funktioniert nur noch der Zeigefinger.

Wenn er zurückdenkt, klopft sich Erich mit dem Zeigefinger gegen seine Schläfe. Aus dem Park gegenüber dringt Zwitschern in sein Efeu-umranktes Haus. 13 Zimmer bewohnt Erich ganz allein. An der Wand hängen Fotos von Frau, Kindern, Enkeln. Zwischen Apfelfrühstück und Abendessen bei seinem ältesten Sohn versucht er Spanisch zu lernen. Oder er geht zum Friedhof, an das Grab seiner Frau.

Sein jetziger Freund Bernd ist 40 Jahre jünger. Alle zwei Wochen, wenn Bernd zwei Tage frei kriegt, besucht er Erich. Das soll reichen. Erich komponiert heute keine Opern mehr, er sagt auch nicht mehr »Heil Hitler« oder: »Willst du meine Frau werden?« Er öffnet nur die Tür und sagt: »Hallo, Bernd.« TILMAN WÖRTZ

* Name von der Redaktion geändert.

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