Benedikt in Bayern Der Papst war da - na und?

Bayern feierte seinen Papst. Jetzt ist der einst so umstrittene und inzwischen so respektierte Joseph Ratzinger wieder abgereist - doch einen bleibenden Eindruck hinterließ Benedikt XVI. kaum.

Von Dominik Baur


Hamburg - Ein typischer Wortwechsel in der Münchner S-Bahn nach der großen Papstmesse am vergangenen Sonntag: "Mir ham an Papst g'sehn." - "Und? Wie isser so?" Der gemeine Bayer nahm den Besuch des Pontifex in München, Altötting, Marktl, Regensburg und Freising mit Freude - schließlich ist man ja doch stolz, dass der Heilige Vater aus der eigenen Heimat kommt -, aber doch auch mit Gelassenheit hin.

Wie anders wären diese Tage wohl verlaufen, hätte der Besucher nicht Benedikt XVI., sondern Johannes Paul II. geheißen. Aus aller Herren Länder wären die Fans nach Bayern geströmt, in München-Riem und auf dem Islinger Feld in Regensburg hätten keine Gottesdienste stattgefunden, sondern gigantische Pop-Events. Stattdessen machte Ratzingers bayerische Einkehr - trotz Hunderttausender Besucher bei den beiden Großgottesdiensten - tatsächlich mehr den Eindruck eines privaten Heimatbesuchs. Sie erinnerte weniger an Spektakel wie den Kölner Weltjugendtag als vielmehr an einen sonntäglichen Kirchgang, der eben etwas ausgeufert ist.

Selbst das angekündigte Verkehrschaos in München und Regensburg blieb aus, die Organisation klappte wie am Schnürchen; das Aufregendste war da noch der obligatorische Altarstürmer, der in Regensburg für ein paar Minuten die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte auf sich zog. Superlative, zu denen sich etwa Landesvater Edmund Stoiber ("Ein Jahrhundertereignis, vielleicht sogar ein Jahrtausendereignis") hinreißen ließ, sind angesichts der Papstvisite völlig abwegig.

Aus Sicht vatikanischer PR-Manager mag die Bayern-Reise ihres Chefs daher wenig ergiebig gewesen sein - was nicht unbedingt schlimm ist. Denn schließlich blieb Benedikt seinem eigenen Stil auf sympathische Weise treu. In seiner ganz eigenen Art vermag es der intellektuelle Papst, auf die Menschen zuzugehen - als menschenscheuer Menschenfischer und ohne den aussichtslosen Versuch zu starten, seinen Vorgänger, den Charismatiker Karol Wojtyla, zu imitieren.

Papst enttäuscht seine Kritiker

Ratzinger ist weniger folkloristisch als Johannes Paul II., das Spiel mit den Medien liegt ihm nicht. Aber vor einem Jahr in Köln fand er dennoch den richtigen Draht zu den Jugendlichen, und mit seinen Landsleuten in Bayern hatte er jetzt ohnehin leichtes Spiel. Er hat die "Verdammnis zur Sichtbarkeit" ("Zeit") inzwischen angenommen, die das Zeitalter der Massenmedien mit sich bringt. Er erreicht die Herzen vieler Katholiken.

Seine Kritiker freilich enttäuscht der Pontifex. Der Mann ist zu nett. Wie kann man einen Papst verdammen, der in seiner linkisch unbeholfenen Art den Gläubigen zuwinkt, anstatt markige, moralinsaure Sprüche von sich zu geben? Einen, der in der ersten Enzyklika seines Pontifikats ein Hohelied auf den Eros singt.

Doch hinter der zurückhaltenden Fassade verbirgt sich kein neuer Ratzinger. So falsch das Bild des "Panzerkardinals" gewesen sein mag, das die Kritiker vor allem in Deutschland lange Zeit von dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation gezeichnet haben, so falsch ist auch jetzt die Verklärung des benediktinischen Pontifikats. Natürlich wurde aus ihm kein Panzerpapst, aber es wurde auch kein Oberhirte aus ihm, der lange überfällige Reformen anschiebt. Benedikt XVI. ist nicht Johannes XXIII., der ebenfalls als konservativ galt, dann aber wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst das Zweite Vatikanische Konzil einberief. Man mag Ratzinger prinzipientreu nennen - oder erzkonservativ.

In der Sache hat sich nichts geändert - weder bei der Wandlung von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI., noch beim Übergang von Johannes Paul II. zu seinem Nachfolger. Wie auch? Benedikt schreitet auf dem von Johannes Paul vorgezeichneten Weg weiter, weil er diesen selbst als engster Vertrauter maßgeblich mitbereitet hat, nicht weil er es nicht schaffen würde, aus dem Schatten seines großen Vorgängers zu treten.

"Mein Herz schlägt bayerisch"

In der Substanz standen die beiden sich schlicht so nahe, dass das Pontifikat Benedikts XVI. nicht viel mehr ist als die Fortsetzung von 26 Jahren Johannes Paul II. mit anderem Personal. Für eine neue Ära unter diesem Papst gibt es noch immer keinerlei Anzeichen.

Überraschendes war auch in Bayern vom Heiligen Vater nicht zu hören. Das Erstaunlichste noch ist, wie zurückhaltend sich der einst scharfzüngige Rebell gegen die "Diktatur des Relativismus" äußert, seit er die Nachfolge Petri angenommen hat. In Bayern nun entgegnete er auf die Rede des protestantischen Bundespräsidenten mit der Feststellung, man müsse die Ökumene "mit Herz und Verstand" vorantreiben, sprach sich für den Dialog mit dem Islam aus und postulierte in seiner Regensburger Predigt, dass sich Mensch und Universum nicht allein wissenschaftlich, sondern nur durch Gott erklären ließen. Allgemeiner und ungefährer geht es wohl kaum. Die stets als dringend notwendig beschworene Neu-Evangelisierung des Abendlandes hatte man sich anders vorgestellt.

"Mein Herz schlägt bayerisch", hat Benedikt XVI. in München gesagt. Gut möglich, dass Joseph Ratzinger zum letzten Mal in seiner Heimat war: zum letzten Mal an der Mariensäule kniete, wo schon zwei Mal entscheidende neue Phasen seines Lebens begannen, zum letzten Mal die Schwarze Madonna in Altötting anbetete, zum letzten Mal in seinem Privathaus in Pentling war, in dem er eigentlich seinen Lebensabend zu verbringen gedachte, zum letzten Mal am Grab seiner Eltern stand, zum letzten Mal sein Geburtshaus sah und zum letzten Mal mit seinem Bruder in dessen Regensburger Wohnung zu Mittag aß. Von "einem Stück vorweggenommenen Sterbens" sprach die "Süddeutsche Zeitung" bereits.

Dennoch ist es denkbar, dass der derzeit so rüstig erscheinende 79-Jährige noch einige Jahre die Geschicke der katholischen Kirche leitet. Nach den Tagen des privaten Abschieds gibt es für den Oberhirten nun vielleicht die letzte Chance zu beweisen, dass er mehr ist als ein Übergangspapst, ein Heiliger Vater des Stillstands. Anzeichen dafür gibt es keine - aber die Hoffnung ist schließlich ein zentraler Wert des Christentums.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.