Benedikt XVI. in Österreich Stimmloser Segen im Regen

Sorgen über Sorgen beim Papstbesuch in Österreich: Es gießt und gießt. Straßen stehen unter Wasser, der Pilgerweg nach Mariazell ist in Gefahr. Und dann das: Bei seiner Rede im Zentrum Wiens musste Benedikt XVI. seine Rede unterbrechen.

Aus Wien berichtet Alexander Schwabe


Wien - Sorgenvolle Blicke bei Wiens Kardinal Christoph Schönborn: Seit Tagen schüttet es in Österreich wie aus Kübeln. Das Programm des ersten Besuchs Joseph Ratzingers als Papst in Österreich steht auf der Kippe. Zwei von drei Straßen zum Wallfahrtsort Mariazell, wo Benedikt XVI. morgen hinpilgern wollte, stehen unter Wasser. Sollte der Regen nicht abnehmen, wird der Hubschrauber mit dem Pontifex maximus nicht zum Marienwallfahrtsort starten können.

Und dann noch das: Der Papst ist gesundheitlich angeschlagen. Schon beim Empfang auf dem Flughafen Wien-Schwechat durch Österreichs Bundespräsidenten Heinz Fischer redete er in einem leer geräumten kalten Hangar mit heiserer Stimme, während draußen das Land zu ertrinken drohte. Der österreichische Klerus meinte im Vorfeld des Besuchs noch aufatmen zu können. Denn der Vatikan dementierte die Gerüchte, der Heilige Vater sei angeschlagen: "Die Heiserkeit löst sich bereits", hieß es. Bei einer kurzen Pressekonferenz des Papstes im Flugzeug nach Wien am Morgen redete er denn auch tatsächlich mit fester Stimme.

Doch als er die erste Rede im Zentrum des verregneten Wiens hielt, stockte den Gläubigen unter ihren Plastikumhängen der Atem. Der Papst musste seine Ansprache nahe der Mariensäule unterbrechen. Seine Stimme wurde immer brüchiger. Als ob die Heiserkeit auf die Schnelle technisch zu lösen sei, wurde ein zweites Mikrofon gereicht. Mehrfach versuchte der Papst seinen Satz zu vollenden: "Schon vor der Erschaffung der Welt, ..." - mehrfach kam er nicht weiter.

Stille. Ratlosigkeit. Die Kameras gingen minutenlang auf die Totale. Was war geschehen? Technische Probleme? Ein Schwächeanfall? Beunruhigende Momente. Wie um drohendes Unheil zu bannen, hoben einige Besucher zu einem Benedetto-Sprechgesang an. Immer noch Ungewissheit. Dann trat Kardinal Schönborn neben den Papst und stimmte ein gesungenes Vater-Unser an. Ein neues Mikrofon wurde gereicht. Der Papst beendete seine Rede dennoch nicht. Stattdessen erteilte er den 7000 Besuchern den Segen.

Auf der kurzen Pressekonferenz im Flugzeug hatte der Papst auf den Charakter seiner Reise anlässlich des 850-Jahr-Jubiläums des Wallfahrtsortes Mariazell in der nördlichen Steiermark hingewiesen. Es sei eine Pilgerreise. Erste "Etappe" seines Pilgerweges nach Mariazell war die Mariensäule in Wien. Kaiser Ferdinand III. hatte sie 1647 erbauen lassen, "zum Dank für die Befreiung Wiens aus großer Gefahr", wie der Papst sagte. Die Schweden hatten während des Dreißigjährigen Krieges versucht, die Stadt einzunehmen.

Zentrales Thema des Papstbesuchs wird Europa sein. Der Papst wird darauf hinweisen, dass der alte Kontinent seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen dürfe. Es wird ferner erwartet, dass er deutliche Worte zur Abtreibungsdebatte sagen wird - aus grundsätzlich theologischen Überlegungen und angesichts des Geburtenrückgangs in Europa. Zur Erläuterung dessen, was er als Fundament Europas versteht, wird der ehemalige Dogmatikprofessor und Vorsitzende der Glaubenskongregation erneut Überlegungen über die Vernunft anstellen.



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