Benedikts Jesusbuch Die Bergpredigt - nach Professor Ratzinger

Von Matthias Matussek

2. Teil: In Ratzingers Denken liegt ein Lächeln


Dieser päpstliche Professorenverstand hat nun ein Buch vorgelegt, das sich genauso an Schuster - oder an Küng, Mixa, Drewermann - richtet, wie an die rund eine Milliarde Christen auf der Welt, die daran glauben, dass Christus auferstanden ist. Das Jesus-Bild hat sich, so Ratzinger, verändert seit den Zeiten Romano Guardinis. "Der Riss zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens wurde immer größer." Sein Buch versucht, diesen Riss zu schließen. Mehr nicht. Doch das ist eine gewaltige Aufgabe.

Ratzinger sucht die Auseinandersetzung

Das Buch nimmt darüber hinaus nicht Stellung zu: Zölibat, Kondomen, Unfehlbarkeit, Küng, Drewermann, Frauenquote, Sabine Christiansen. Das heißt: Es beschäftigt sich nicht mit den kirchenpolitischen Schlachtfeldern von gestern, sondern mit denen der Zukunft.

Benedikt beschreibt die Jesus-Figur aus dem Material der Evangelien. "Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt." Eine feine dialektische und diskurstheoretische Drehung im akademischen Raum, und wir können unbefangener nach vorne argumentieren - in Ratzingers Denken liegt durchaus ein Lächeln.

Er setzt sich mit den kritischen Exegesen der Evangelien auseinander, den protestantischen, den orthodoxen. Doch in erster Linie geht es ihm um die eigene Textanalyse, und die vollzieht er in den filigranen Wundern eines theologischen Ausnahme-Stilisten. In der Bergpredigt sieht er - mit aller Emphase - die Auslegung der Wahrheit unseres Seins: "Die Notensprache unserer Existenz wird uns entschlüsselt."

Er scheut keine Auseinandersetzung, er sucht sie. Hier, anlässlich der Seligpreisungen der Bergpredigt, findet Ratzinger Gelegenheit, mit Nietzsche zu debattieren, dem Dionysiker, der die Christen-Moral als "Kapitalverbrechen am Leben" bezeichnete. Die Bergpredigt kommt bei Nietzsche als Ideologie der Schwachen und Feigen daher, und sie steht dem Willen entgegen, so referiert Ratzinger, "die Angebote des Lebens jetzt auszuschöpfen, den Himmel hier zu suchen und sich dabei von keinen Skrupeln hemmen zu lassen". Soweit die moderne Bewusstseinslage - eine Diesseits-Versessenheit, die, so Ratzinger, "zum Missbrauch ökonomischer Macht" führt und zu einem System, das "aus Menschen Waren macht". Und dagegen wird der "wirkliche Höhenweg des Lebens" gesetzt, der sich nur in den Liebes-Philosophemen der Bergpredigt enthüllt.

Geduldiges Häuten der Zwiebel

Ratzinger beschränkt sich in diesem Buch auf Jesus' öffentliches Wirken, von der Taufe bis zum Petrusbekenntnis. Dazwischen streut er Essays über die Sprache der Gleichnisse ein oder Betrachtungen über die johanneischen Bilder. Ein ziemlich imponierender diskursiver Bogen, unter dem das Leben des Herrn erzählt wird.

Natürlich nutzt er, als Professor Ratzinger, auch dieses Buch, um Randschärfen herauszuarbeiten und klarzumachen, was Katholizismus bedeutet. Zum Beispiel in der Meditation über das Beten, im Kapitel über das "Vater unser".

Beten ist kein kumpelhaftes Plaudern, sondern ritualisiertes Sprechen, dessen Formensprache ebenso wichtig ist wie das innige Verstehen. Die katholische Dialektik sagt, dass Spektakel und Struktur, Form und Inhalt immer zusammengehören. Die Formensprache aus Anreden und Bitten stützt die Andacht und sorgt für die gebührende Ehrfurcht vor Gott. Und genau das wäre, so en passant, die Ratzinger-Position gegen all die unspezifischen religiösen Wellness-Meditationen und Klampfereien, die mittlerweile in katholischen Kirchen genauso zu hören sind wie in protestantischen oder charismatischen.

Das "Vater unser", auf Professoren-Art zerlegt: "Drei Bitten sind Du-Bitten, vier sind Wir-Bitten. In den ersten drei Bitten geht es um die Sache Gottes selbst in dieser Welt; in den vier folgenden..." Und so weiter. Und das erstaunliche: Dieses geduldige Häuten der Zwiebel fördert im Verlauf des abgenutzten Gebetes mit jeder Bitte neue, sehr aktuelle Deutungen und Wahrheiten zu Tage, die gleichzeitig mystisch und klar sind, und damit genau den Zweiton haben, der Ratzingers Temperament ausmacht.

Es ist ein warmherzig geschriebenes Buch über Jesus und die Evangelien, doch immer wieder vernehmbar ist die Figur, die die katholische Lehrmeinung ausspricht. Die ersten vier Kapitel entstanden noch während ebendieser seiner Amtszeit als Hüter der katholischen Lehre. Die weiteren Kapitel sind dem Papstalltag abgerungen worden. Und ein zweiter Band soll folgen: "Mit dem zweiten Teil hoffe ich dann auch, das Kapitel über die Kindheitsgeschichten nachreichen zu können." So klingt ein ziemlich gut aufgelegter 80-Jähriger.



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