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13. April 2007, 16:00 Uhr

Benedikts Jesusbuch

Die Bergpredigt - nach Professor Ratzinger

Von Matthias Matussek

Joseph Ratzinger hat sein erstes theologisches Werk seit seiner Wahl zum Papst abgeliefert, eine Jesus-Biografie. Er nutzt sie, um katholische Grundpositionen zu definieren - und um dem lauen Kirchenvolk die Leviten zu lesen.

Dieses Buch, das in vielen Ländern gleichzeitig und mit strengen Sperrfristen in die Redaktionen vorausgeliefert wurde, und damit einen moderaten Harry-Potter-Wirbel erzeugte, wartet tatsächlich mit einer ganz erstaunlichen Grundannahme auf, einer schockierenden, einer welterschütternden - nämlich der, dass Jesus Gottes Sohn ist.

Es ist insofern kein gewöhnliches Buch für Bestsellerlisten. Jesus kommt hier nicht als antirömischer Widerstandskämpfer, nicht als wandernder Wunderheiler vor, nicht als essenischer Asket. Er ist nicht die inzestuöse Frucht von Maria und ihrem Vater, ist auch nicht mit Maria und einer Schar von Kindern in Jerusalem begraben, noch ist er Maria Magdalenas Mann und nach Frankreich ausgewandert, noch in Indien gestorben. Er ist nichts von all dem, was sich die archäologische oder quellenkritische oder belletristische Anstrengung an Jesus-Romanen in den letzten Jahrzehnten zusammenphantasiert hat. Starker Tobak.

Dieses Buch, das den schlichten Titel "Jesus von Nazareth" trägt, stammt vom Bestseller-Autor Professor Joseph Ratzinger, auch bekannt als Papst Benedikt XVI. Und man wird wieder in die Buchläden rennen, und es sich kaufen wie die Vorgänger, und es wird gute Kritiken bekommen. Verblüffend.

Vielleicht kommt man der Sache so näher: Die Überraschung an diesem Papst ist ja die, dass er den linken Flügel der katholischen Kirche lahmgelegt hat mit einer Vernunfts-Emphase, die es in dieser Form selten in der Kirchengeschichte gegeben hat. Papst Benedikt XVI. ist einer der intelligentesten Staatsmänner der Zeit, weit klüger als die meisten Präsidenten, die ihm die Aufwartung machen. Dabei spricht er deutlich. Mit einer die meisten verblüffenden Randschärfe hat er den gewalttätigen Kern des Dschihad freigelegt und verurteilt. Doch gleich darauf hat er die kochende islamische Volksseele besänftigt mit sorgfältigen Gesten vor Imamen in der Hagia Sophia.

Des Pontifex' Brückenschlag

Ich glaube nicht, dass Benedikts Regensburger Rede pure Naivität war. Er wollte diesen Punkt machen. Er hat einfach nicht die Zeit, die sein Vorgänger hatte. Mit seinen 80 Jahren muss Papst Benedikt XVI. für seine Kirche und die Welt noch ein paar Dinge klarstellen. Zum Beispiele dieses: Dass es keinen Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft gibt.

Die Vernunft, so wiederholt er unermüdlich, ist ein göttliches Geschenk. Und der Glaube ist nur dann felsenfest, wenn er vor der Aufklärung nicht zittern muss, sondern selber aufgeklärt ist. Der Brückenschlag zur Wissenschaft kann nicht überzeugender ausfallen.

Er sagt aber auch das: eine Zivilisation ohne Glauben ist eine ohne Zukunft, ohne kulturelles Gedächtnis. Ohne Orientierung und sittliche Norm. Und das erahnen längst auch kirchenferne Denker. So hat Papst Benedikt mittlerweile mit Habermas deutliche Schnittmengen gefunden.

Ebenso hat er den Dialog mit Evolutionswissenschaftlern aufgenommen, oder mit Molekularbiologen wie Professor Peter Schuster, der zwar selber ungläubig ist, aber Gott beileibe nicht ausschließen will, und beeindruckt war von dem Professorenverstand des Papstes bei seinem Sommergespräch in Castelgandolfo.

In Ratzingers Denken liegt ein Lächeln

Dieser päpstliche Professorenverstand hat nun ein Buch vorgelegt, das sich genauso an Schuster - oder an Küng, Mixa, Drewermann - richtet, wie an die rund eine Milliarde Christen auf der Welt, die daran glauben, dass Christus auferstanden ist. Das Jesus-Bild hat sich, so Ratzinger, verändert seit den Zeiten Romano Guardinis. "Der Riss zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens wurde immer größer." Sein Buch versucht, diesen Riss zu schließen. Mehr nicht. Doch das ist eine gewaltige Aufgabe.

Ratzinger sucht die Auseinandersetzung

Das Buch nimmt darüber hinaus nicht Stellung zu: Zölibat, Kondomen, Unfehlbarkeit, Küng, Drewermann, Frauenquote, Sabine Christiansen. Das heißt: Es beschäftigt sich nicht mit den kirchenpolitischen Schlachtfeldern von gestern, sondern mit denen der Zukunft.

Benedikt beschreibt die Jesus-Figur aus dem Material der Evangelien. "Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt." Eine feine dialektische und diskurstheoretische Drehung im akademischen Raum, und wir können unbefangener nach vorne argumentieren - in Ratzingers Denken liegt durchaus ein Lächeln.

Er setzt sich mit den kritischen Exegesen der Evangelien auseinander, den protestantischen, den orthodoxen. Doch in erster Linie geht es ihm um die eigene Textanalyse, und die vollzieht er in den filigranen Wundern eines theologischen Ausnahme-Stilisten. In der Bergpredigt sieht er - mit aller Emphase - die Auslegung der Wahrheit unseres Seins: "Die Notensprache unserer Existenz wird uns entschlüsselt."

Er scheut keine Auseinandersetzung, er sucht sie. Hier, anlässlich der Seligpreisungen der Bergpredigt, findet Ratzinger Gelegenheit, mit Nietzsche zu debattieren, dem Dionysiker, der die Christen-Moral als "Kapitalverbrechen am Leben" bezeichnete. Die Bergpredigt kommt bei Nietzsche als Ideologie der Schwachen und Feigen daher, und sie steht dem Willen entgegen, so referiert Ratzinger, "die Angebote des Lebens jetzt auszuschöpfen, den Himmel hier zu suchen und sich dabei von keinen Skrupeln hemmen zu lassen". Soweit die moderne Bewusstseinslage - eine Diesseits-Versessenheit, die, so Ratzinger, "zum Missbrauch ökonomischer Macht" führt und zu einem System, das "aus Menschen Waren macht". Und dagegen wird der "wirkliche Höhenweg des Lebens" gesetzt, der sich nur in den Liebes-Philosophemen der Bergpredigt enthüllt.

Geduldiges Häuten der Zwiebel

Ratzinger beschränkt sich in diesem Buch auf Jesus' öffentliches Wirken, von der Taufe bis zum Petrusbekenntnis. Dazwischen streut er Essays über die Sprache der Gleichnisse ein oder Betrachtungen über die johanneischen Bilder. Ein ziemlich imponierender diskursiver Bogen, unter dem das Leben des Herrn erzählt wird.

Natürlich nutzt er, als Professor Ratzinger, auch dieses Buch, um Randschärfen herauszuarbeiten und klarzumachen, was Katholizismus bedeutet. Zum Beispiel in der Meditation über das Beten, im Kapitel über das "Vater unser".

Beten ist kein kumpelhaftes Plaudern, sondern ritualisiertes Sprechen, dessen Formensprache ebenso wichtig ist wie das innige Verstehen. Die katholische Dialektik sagt, dass Spektakel und Struktur, Form und Inhalt immer zusammengehören. Die Formensprache aus Anreden und Bitten stützt die Andacht und sorgt für die gebührende Ehrfurcht vor Gott. Und genau das wäre, so en passant, die Ratzinger-Position gegen all die unspezifischen religiösen Wellness-Meditationen und Klampfereien, die mittlerweile in katholischen Kirchen genauso zu hören sind wie in protestantischen oder charismatischen.

Das "Vater unser", auf Professoren-Art zerlegt: "Drei Bitten sind Du-Bitten, vier sind Wir-Bitten. In den ersten drei Bitten geht es um die Sache Gottes selbst in dieser Welt; in den vier folgenden..." Und so weiter. Und das erstaunliche: Dieses geduldige Häuten der Zwiebel fördert im Verlauf des abgenutzten Gebetes mit jeder Bitte neue, sehr aktuelle Deutungen und Wahrheiten zu Tage, die gleichzeitig mystisch und klar sind, und damit genau den Zweiton haben, der Ratzingers Temperament ausmacht.

Es ist ein warmherzig geschriebenes Buch über Jesus und die Evangelien, doch immer wieder vernehmbar ist die Figur, die die katholische Lehrmeinung ausspricht. Die ersten vier Kapitel entstanden noch während ebendieser seiner Amtszeit als Hüter der katholischen Lehre. Die weiteren Kapitel sind dem Papstalltag abgerungen worden. Und ein zweiter Band soll folgen: "Mit dem zweiten Teil hoffe ich dann auch, das Kapitel über die Kindheitsgeschichten nachreichen zu können." So klingt ein ziemlich gut aufgelegter 80-Jähriger.

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