Benedikts Jesusbuch Die Bergpredigt - nach Professor Ratzinger

Joseph Ratzinger hat sein erstes theologisches Werk seit seiner Wahl zum Papst abgeliefert, eine Jesus-Biografie. Er nutzt sie, um katholische Grundpositionen zu definieren - und um dem lauen Kirchenvolk die Leviten zu lesen.

Von Matthias Matussek


Dieses Buch, das in vielen Ländern gleichzeitig und mit strengen Sperrfristen in die Redaktionen vorausgeliefert wurde, und damit einen moderaten Harry-Potter-Wirbel erzeugte, wartet tatsächlich mit einer ganz erstaunlichen Grundannahme auf, einer schockierenden, einer welterschütternden - nämlich der, dass Jesus Gottes Sohn ist.

Es ist insofern kein gewöhnliches Buch für Bestsellerlisten. Jesus kommt hier nicht als antirömischer Widerstandskämpfer, nicht als wandernder Wunderheiler vor, nicht als essenischer Asket. Er ist nicht die inzestuöse Frucht von Maria und ihrem Vater, ist auch nicht mit Maria und einer Schar von Kindern in Jerusalem begraben, noch ist er Maria Magdalenas Mann und nach Frankreich ausgewandert, noch in Indien gestorben. Er ist nichts von all dem, was sich die archäologische oder quellenkritische oder belletristische Anstrengung an Jesus-Romanen in den letzten Jahrzehnten zusammenphantasiert hat. Starker Tobak.

Dieses Buch, das den schlichten Titel "Jesus von Nazareth" trägt, stammt vom Bestseller-Autor Professor Joseph Ratzinger, auch bekannt als Papst Benedikt XVI. Und man wird wieder in die Buchläden rennen, und es sich kaufen wie die Vorgänger, und es wird gute Kritiken bekommen. Verblüffend.

Vielleicht kommt man der Sache so näher: Die Überraschung an diesem Papst ist ja die, dass er den linken Flügel der katholischen Kirche lahmgelegt hat mit einer Vernunfts-Emphase, die es in dieser Form selten in der Kirchengeschichte gegeben hat. Papst Benedikt XVI. ist einer der intelligentesten Staatsmänner der Zeit, weit klüger als die meisten Präsidenten, die ihm die Aufwartung machen. Dabei spricht er deutlich. Mit einer die meisten verblüffenden Randschärfe hat er den gewalttätigen Kern des Dschihad freigelegt und verurteilt. Doch gleich darauf hat er die kochende islamische Volksseele besänftigt mit sorgfältigen Gesten vor Imamen in der Hagia Sophia.

Des Pontifex' Brückenschlag

Ich glaube nicht, dass Benedikts Regensburger Rede pure Naivität war. Er wollte diesen Punkt machen. Er hat einfach nicht die Zeit, die sein Vorgänger hatte. Mit seinen 80 Jahren muss Papst Benedikt XVI. für seine Kirche und die Welt noch ein paar Dinge klarstellen. Zum Beispiele dieses: Dass es keinen Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft gibt.

Die Vernunft, so wiederholt er unermüdlich, ist ein göttliches Geschenk. Und der Glaube ist nur dann felsenfest, wenn er vor der Aufklärung nicht zittern muss, sondern selber aufgeklärt ist. Der Brückenschlag zur Wissenschaft kann nicht überzeugender ausfallen.

Er sagt aber auch das: eine Zivilisation ohne Glauben ist eine ohne Zukunft, ohne kulturelles Gedächtnis. Ohne Orientierung und sittliche Norm. Und das erahnen längst auch kirchenferne Denker. So hat Papst Benedikt mittlerweile mit Habermas deutliche Schnittmengen gefunden.

Ebenso hat er den Dialog mit Evolutionswissenschaftlern aufgenommen, oder mit Molekularbiologen wie Professor Peter Schuster, der zwar selber ungläubig ist, aber Gott beileibe nicht ausschließen will, und beeindruckt war von dem Professorenverstand des Papstes bei seinem Sommergespräch in Castelgandolfo.



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