SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Januar 2012, 14:55 Uhr

Benno Ohnesorg

Manipulation auf dem OP-Tisch

Von

Der makaberste Teil der Vertuschung im Fall des 1967 getöteten Studenten Benno Ohnesorg fand nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus statt: Die Einschussstelle wurde manipuliert, Knochenstücke verschwanden - und in der Berliner Gerichtsmedizin lagern offenbar noch heute Teile der Leiche.

Diese Juninacht hat er bis heute nicht vergessen. Homayoun T. war am 2. Juni 1967 diensthabender Arzt in der Rettungsstelle des Krankenhauses Berlin-Moabit. Der junge Mediziner aus Iran hatte sich zum Spätdienst einteilen lassen. Um 21.25 Uhr wurde es am Eingang Birkenstraße plötzlich hektisch.

Zwei Sanitäter rollten einen leblos wirkenden jungen Mann auf ihrer Bahre herein. "Die Sanitäter murmelten etwas von einer Schlägerei. Ich sah gleich, der hatte eine wirklich schwere Kopfverletzung. Er blutete aus dem Ohr und bewegte sich nicht mehr."

Der 26-Jährige hatte mit anderen Studenten zusammen vor der Deutschen Oper gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin demonstriert, ein Diktator, der politische Gegner foltern und umbringen ließ.

Dieser Mann auf der Bahre, so erfuhr man in der Notaufnahme, hieß Benno Ohnesorg. Der Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras hatte ihn kurz nach 20.30 Uhr, umringt von Polizisten in Zivil und Uniform, im Innenhof eines Wohnhauses in der Krummen Straße mit seiner Dienstwaffe aus kurzer Distanz in den Kopf geschossen. Sein Opfer wurde in der Notaufnahme in Empfang genommen. "Was bringt ihr mir hier einen Toten?" wurden die beiden Sanitäter von einem Arzt angeschnauzt. Das zu beurteilen sei nicht ihr Job, erwiderten sie, sie seien doch nicht die Ärzte.

Die Behandlung erfolgte offenbar in der falschen Klinik

"Ich habe das nicht gesagt", glaubt Homayoun T. "Es war mir aber nach einer kurzen Untersuchung klar, den hatte es übel erwischt, der musste gleich in den OP. Dort konnte auch sein Kopf geröntgt werden. Ich übergab ihn also Oberarzt Paulisch. Ohnesorg wurde dann mit dem Fahrstuhl in die oberen Stockwerke gefahren."

In dem Rettungswagen mitgefahren war auch eine verletzte Demonstrantin, Jutta B., die gelernte Krankenschwester war. Sie hatte während der Fahrt immer wieder nach Ohnesorgs Puls gefühlt, und der habe längst nicht mehr geschlagen, als sie endlich ankamen, so Jutta B.

Obwohl der Innenhof der Krummen Straße in Charlottenburg und das Krankenhaus Moabit nur rund 4300 Meter voneinander entfernt liegen, und ein normales Auto ohne Blaulicht für die Strecke weniger als zehn Minuten gebraucht hätte, dauerte die Irrfahrt mit Ohnesorg fast eine Stunde. Einer der Fahrer erinnert sich daran, dass er von der Polizei zuletzt ins Krankenhaus Moabit dirigiert wurde.

Auch die Oberschwester der Intensivstation Moabit, die in jener Nacht Dienst hatte, wundert sich darüber, dass Ohnesorg in Moabit landete, wo keine neurologische Abteilung existierte. "Mit so einer Kopfverletzung gehörte der ins Krankenhaus Westend", sagt die heute 83-jährige Moabiterin. Sie erinnert sich gut daran, dass damals eigentlich ihr Krankenhaus die Vorbereitungen für den Fall getroffen hatte, falls dem Schah etwas zustoßen sollte. "Wir hatten alles freigehalten, sogar Blutkonserven mit seiner Blutgruppe standen bereit. Doch anstelle des Schahs kam dann Ohnesorg!"

90 Minuten lang behandelten die Ärzte Ohnesorg

Mit Ohnesorg erschienen auch Zivilbeamte aus der Abteilung des Todesschützen Kurras im Krankenhaus. Dessen Vorgesetzter Helmut Starke hatte seine Leute noch vom Tatort gleich hinterher geschickt. "Es waren Polizisten da, ja", bestätigt der Arzt. Dann wird Homayoun T. recht einsilbig. "Weiß nicht, was die wollten."

Den Totenschein für Ohnesorg, ja, den habe er später am Abend dann unterschrieben. "Aber ich habe den Tod nicht selber festgestellt. Das hat Dr. Paulisch, der im OP mit einem mir unbekannten, herbeitelefonierten Arzt eines anderen Krankenhauses war." Und warum hat er dann unterschrieben? "Ich hatte keinen Grund, an dessen Angabe zu zweifeln." Aber im Totenschein steht nichts von einer Schussverletzung, obwohl die Ärzte im Krankenhaus zwischen Einlieferung um 21.25 Uhr und der Angabe "Uhrzeit des Todes 22.55 Uhr" 90 Minuten lang Ohnesorg geröntgt, untersucht und auf dem OP-Tisch liegen hatten - in der "Leichensache Ohnesorg" steht wider besseren Wissens auf dem Totenschein: "Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung". Warum? Homayoun T.: "Ich hab das unterschrieben und fertig!"

Ein dem SPIEGEL vorliegendes Bild von Ohnesorgs präpariertem Kopf zeigt, dass wenig sorgfältig ein handtellergroßes Stück aus seinem Schädel herausgebrochen wurde. Und zwar genau rund um die Einschussstelle, die auf der Kopfhaut selbst für einen Laien gut sichtbar als Einschuss zu erkennen ist.

Hätte man dem Patienten helfen wollen, so hätte man versuchen müssen, die Kugel zu entfernen. Dazu hätte der Schädel an der Stirn geöffnet werden müssen, hinter der sie saß. Das war alles auf dem Röntgenbild gut zu erkennen. Doch die Kugel blieb im Kopf stecken. Einem Toten konnte und brauchte man auf dem OP-Tisch nicht mehr zu helfen. Ein Polizist berichtete dem SPIEGEL, er habe Ohnesorg schon vor der OP tot gesehen.

Noch immer liegen Teile des Leichnams in der Gerichtsmedizin

Das Schädelstück mit dem Einschussloch verschwand für immer im OP-Müll des Krankenhauses Moabit. Als am nächsten Tag nach der Obduktion Ohnesorgs die Staatsanwaltschaft danach suchen ließ, fand sich das entscheidende Stück nicht mehr, ein anderes schon - es muss also bewusst entfernt worden sein.

Dann beschlagnahmten Kurras' Kollegen den Leichnam Ohnesorgs, was sie sich nicht von einem Arzt, sondern von einem zufällig anwesenden, sehr jungen Praktikanten quittieren ließen, und brachten ihn ins Leichenschauhaus der Gerichtsmedizin. Noch heute liegen Teile des mazerierten Schädels Ohnesorgs im Archiv der Berliner Gerichtsmedizin. Sie fehlten 1967 bei der Bestattung des Leichnams.

Kurras und seine Kollegen wollten damals so lange wie möglich den Schuss vertuschen, um Zeit zu gewinnen. Zeit für die Legende von der Notwehr Kurras. Zeit, um Spuren zu verwischen und nicht, um Spuren zu sichern. Die Patronenhülse, die Rückschlüsse auf die Position von Kurras beim tödlichen Schuss hätte geben können, lag so etwa lange achtlos herum.

Und was machte der diensthabende Arzt Homayoun T. nach dieser Nacht? "Ich hatte nur an diesem Abend Dienst. Am Morgen ging ich ins Hilton-Hotel, dort war ich zum großen Frühstück mit dem Schah verabredet. Doch es kam niemand."

Die Delegation hatte es abgesagt. Dr. T. hatte sich darauf gefreut. Sein Vater war der Wirtschaftsminister des Schahs.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung