Bergdrama "Er starb 300 Meter vor der Hütte"

Es sollte eine leichte Wanderung werden, sie endete in der Katastrophe: Drei deutsche Bergsteiger sind in den österreichischen Alpen im dichten Schneetreiben in akute Not geraten. Zwei Männer brechen zusammen, der dritte muss sich entscheiden, welchen der Freunde er zur rettenden Hütte schleppt.

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Salzburg – Die drei befreundeten Männer aus dem bayerischen Amberg und Umgebung hatten sich am gestrigen Nachmittag vom 2177 Meter hoch gelegenen Riemannhaus im Salzburger Pinzgau auf den Weg zum benachbarten Ingolstädter Haus aufgemacht. Nach Angaben der Bergwacht ist es eine Strecke ohne technische Schwierigkeiten oder Absturzgefahr, aber doch "eine hochalpine Wanderung". Bei gutem Wetter benötigt man ungefähr vier Stunden von der einen zur anderen Hütte - doch es war kein gutes Wetter. Die Bedingungen waren katastrophal.

Ingolstädter Haus: Notruf in der Nacht
espresso Verlag / Inge Piehler

Ingolstädter Haus: Notruf in der Nacht

"Das Wetter war extrem schlecht und zusätzlich fing es auch noch zu schneien an", sagt Bernhard Tritscher, seit 25 Jahren bei der Bergrettung. "Sie haben die Wetterlage komplett falsch eingeschätzt."

Wegen starken Schneetreibens und tiefen Schnees kommen die Männer nur schleppend voran. "Es hat die ganze Woche geschneit hier oben, das war ihnen also bekannt", sagt Tritscher. Immer wieder sinken die Wanderer bis zum Bauch in den mehr als einen Meter tiefen Schnee. Es wird dunkel, das Schneetreiben dichter, der Sturm heftiger. Die Männer quälen sich, gehen bis an ihre äußersten Grenzen - vergeblich.

300 Meter vor dem Ziel brechen zwei der Freunde, 43 und 41 Jahre alt, zusammen. Beide können nicht mehr selbständig gehen. Der Jüngste der Gruppe, 36 Jahre alt, muss sich entscheiden: Einen der zwei Kumpel muss er im Schnee zurücklassen. "Er konnte definitiv nur einen nehmen", sagt Tritscher. "Beide waren in gleich schlechtem Zustand." Der Mann hakt den 41-Jährigen ein, schleift ihn mit größter Mühe durch den Schnee.

Gegen 21 Uhr erreicht der Notruf die Bergrettung in Saalfelden, ausgelöst von der Familie Gruber, Pächter der Berghütte. Die beiden völlig erschöpften Wanderer haben das Ingolstädter Haus erreicht - der 41-Jährige befindet sich in lebensbedrohlichem Zustand.

"Der jüngere von beiden hat seinen erschöpften Freund unter größten Mühen durch den Schnee geschleppt. Der war so stark unterkühlt, dass er sich nicht mehr selbst fortbewegen konnte. Sein Leben stand auf der Kippe", so Tritscher.

"Für den dritten Mann kam jede Hilfe zu spät", sagt Einsatzleiter Tritscher spürbar betroffen. "Wir fanden ihn keine 300 Meter vor der Hütte, tief in den Schnee eingegraben. So einen tragischen Vorfall, dass einer so knapp vor dem Ziel ums Leben kommt, habe ich noch nie erlebt."

Die Retter erklimmen mit Geländewagen und Seilbahn den Berg und bergen den Toten. Er starb an Erschöpfung. Der Notarzt eilt zu dem Schwerverletzten. "Er litt unter starken Erfrierungen. Seine Körpertemperatur war bereits unter 30 Grad gesunken." Es sind dramatische Stunden, die sich in dieser Nacht auf der 2119 Meter hoch gelegenen Ingolstädter Hütte abspielen. "Der Notarzt konnte den Zustand des Mannes stabilisieren und hat ihm das Leben gerettet." Um 7 Uhr ist der 41-Jährige transportfähig, per Hubschrauber kann er in ein Salzburger Krankenhaus gebracht werden.

"Mittlerweile geht es ihm den Umständen entsprechend. Er schwebt nicht mehr in Lebensgefahr", haben die Ärzte dem Einsatzleiter mitgeteilt.



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