Bergsteigerdrama am Nanga Parbat "Die Retter dürfen nicht ihr eigenes Leben riskieren"

Noch immer keine Rettung in Sicht: Die am Nanga Parbat im Eis gefangenen Bergsteiger können wegen des schlechten Wetters vorerst nicht geborgen werden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt Europas bester Bergsteiger Ueli Steck die Rettungsexpedition vor "unnötigen Gefahren".

SPIEGEL ONLINE: Herr Steck, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Tragödie am Nanga Parbat hörten?

Ueli Steck: Es ist immer schwierig, so einen Unfall von außen zu betrachten, bisher gibt es ja keine Informationen aus erster Hand. Bergsteigen ist nun einmal gefährlich, und Höhenbergsteigen ist noch ein bisschen gefährlicher. Das müssen wir akzeptieren. Für mich persönlich ist es kein Schock. Ein Unfall muss nicht sein, aber es kann halt passieren.

SPIEGEL ONLINE: Kannten Sie den Extrembergsteiger Karl Unterkircher, der jetzt verunglückt ist?

Steck: Er war ein guter, sehr erfahrener Bergsteiger, hat sehr viel gemacht. Aber persönlich habe ich ihn nicht gekannt.

SPIEGEL ONLINE: 'Der Berg ruft!', schrieb Unterkircher in sein Tagebuch - wer keinen Kontakt mit dem Berg finde, werde nie erfahren, was er dort oben suche. Warum machen Berge süchtig?

Steck: Wenn man da oben ist auf sieben-, achttausend Metern, geht das ganze Leben auf seine ursprüngliche Form zurück. Egal wie viel Geld ich auf dem Bankkonto habe, ich bin genau gleich wie mein Nebenmann. Da geht es um das Wesentliche des menschlichen Daseins, ums Überleben. Es kann eine sehr gute Erfahrung sein, sich zu diesem Ursprung zurückzubewegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Herausforderungen warten auf die Rettungsexpedition, die jetzt am Nanga Parbat den beiden Überlebenden helfen will?

Steck: Sie müssen darauf achten, dass sie nicht für eine Rettung unnötige Gefahren eingehen, weil sie das Gefühl haben, möglichst schnell da oben sein zu müssen. Wenn Lawinengefahr besteht, muss man trotzdem warten. Da besteht die Gefahr, dass man sich drängen lässt, zu schnell hochzusteigen. Das Wichtigste bei einer Rettung ist, dass nicht noch ein zweiter Unfall passiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst im Mai unter Lebensgefahr versucht, den Spanier Iñaki Ochoa de Olza, an der Annapurna zu retten. Wie haben Sie diese Rettungsaktion erlebt?

Steck: Das war eigentlich dasselbe Schauspiel. Doch unser Problem war, dass wir unser komplettes Material an der Südwand hatten, während die Verunglückten, ein Spanier und ein Rumäne, auf einer komplett anderen Route unterwegs waren. Wir mussten improvisieren mit dem Material, das wir im Basislager hatten, sind dann mit normalen Bergschuhen hochgestiegen und haben uns Klettergurte aus einem Seil geknüpft. Aber man konzentriert sich da einfach auf den Job, den man erledigen muss, alles andere existiert nicht in dem Moment.

SPIEGEL ONLINE: Am Nanga Parbat sind jetzt Militärhubschrauber im Einsatz, die Probleme mit der Höhenluft haben. Bei Ihrer Rettungsaktion waren die Hubschrauber erfolgreicher …

Steck: Da hat ein Helikopter mit Mühe und Not ein paar Bergsteiger auf knapp 6000 Metern abgesetzt. Ich wage mal zu behaupten, das hat nur geklappt, weil das ein russischer Pilot war.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Steck: Ich bewundere russische Bergsteiger, die waren die einzigen, die man tatsächlich brauchen konnte bei dieser Rettungsaktion. Da zählt Kameradschaft sehr viel, die geben alles, um einem Freund zu helfen. Außerdem haben sie einen anderen Umgang mit Risiko als wir Westeuropäer, die in einer heilen Welt aufgewachsen sind.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Risiko - wonach entscheiden Sie, ob Sie einen Gipfelversuch abbrechen?

Steck: Wenn schlechtes Wetter ist, wenn ich mich überfordert fühle, dann ist das eine klare Entscheidung. Aber es gibt vielfach Situationen, wo es nicht so einfach ist. Lawinengefahr zum Beispiel lässt sich nicht messen, das ist immer eine Auslegungsfrage. Oft ist es einfach eine Bauchentscheidung - man muss auf seine innere Stimme vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst wurden im vergangenen Jahr bei einem Erstbegehungsversuch an der Annapurna-Südwand von einem Stein am Kopf getroffen, haben es trotz kurzer Bewusstlosigkeit noch ins Tal geschafft. Woher nahmen Sie die Motivation, die Route 2008 noch einmal zu versuchen?

Steck: Meine Motivation ist es, an die Grenzen des Bergsteigens zu kommen, die Grenzen zu verschieben. Nach 2007 musste ich erst mal überlegen, was alles schiefgegangen ist. Ich kam zu dem Schluss, dass das einfach Pech war, dass so was wieder passieren kann. Aber Bergsteigen ist mein Leben, da werde ich auch solche Herausforderungen auf mich nehmen. Das kann ich nicht aufgeben, dabei bin ich glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Im Februar haben Sie die Heckmair-Route der Eiger-Nordwand, für die andere zwei Tage brauchen, in einer Rekordzeit von unter drei Stunden bewältigt. Wo hört beim Bergsport kalkulierbares Risiko auf, wo fängt Leichtsinn an?

Steck: Das muss jeder für sich persönlich entscheiden. Wenn Sie morgen mit einem Freund an der Eiger-Nordwand einsteigen, dann ist das leichtsinnig. Wenn ich das unter drei Stunden versuche, hat das nichts mit Leichtsinn zu tun. Ich habe mich darauf vorbereitet, ich weiß genau, welche Gefahren da lauern. Leichtsinn heißt, sich nicht der Gefahren bewusst zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht man als Kletterer mit der Angst um, dass etwas passieren könnte?

Steck: Angst hat man ja nur vor dem Unbekannten oder wenn man sich überschätzt. Man muss sich seiner Fähigkeiten bewusst sein, sich gut vorbereiten. Man muss sich Schritt für Schritt herantasten, irgendwann ist das Ganze nicht mehr unbekannt, dann habe ich keine Angst mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wann steht bei Ihnen der Nanga Parbat auf dem Programm?

Steck: Zumindest im nächsten Jahr hatte ich es nicht vor, aber ich kann es mir gut vorstellen, das soll eine sehr schöne Gegend sein. An der Rupal-Wand …

SPIEGEL ONLINE: … der mit 4500 Metern höchsten Gebirgswand der Erde …

Steck: … gibt es eine wirklich schwere Route, die noch nicht geklettert wurde, das könnte mal eine Herausforderung sein für mich.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie schon in eine Gletscherspalte gestürzt?

Steck: Zum Glück nicht ohne Seil.

SPIEGEL ONLINE: Und wie oft mit Seil?

Steck: Das habe ich nicht gezählt. Aber sicher schon öfter als zweimal.

Das Interview führte Stephan Orth

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