Brand im Berliner Grunewald »Ich hoffe nur, die Tiere haben es rechtzeitig geschafft«

Im Grunewald brennt’s und knallt’s. Die Berlinerinnen und Berliner aber lassen sich so leicht nicht erschüttern – und bleiben gelassen.
Einsatzkräfte am Grunewald: Es kam zu zahlreichen Explosionen, die Löscharbeiten dauern an

Einsatzkräfte am Grunewald: Es kam zu zahlreichen Explosionen, die Löscharbeiten dauern an

Foto: Filip Singer / EPA

Als der laute Knall sie aus dem Schlaf riss, erzählt Anne-Marie Henke, habe sie sich nichts dabei gedacht. »Ich habe schon im Januar so ein Geräusch gehört, damals kam das aus Spandau.« In einem Heizkraftwerk hatten sich die Sicherheitsventile einer Dampfleitung geöffnet, der Knall war kilometerweit zu hören. Anne-Marie Henke sagt: »Wie ein Feuerwerk klang das, auch jetzt wieder.«

Sie sitzt auf ihrer Terrasse im Berliner Ortsteil Grunewald. Die Vögel zwitschern, in der Ferne rattert ein Rasenmäher, ansonsten ist es still. Gestern habe sie es das letzte Mal knallen hören, sagt Henke, beim Blumengießen. »Das ist erst mal nicht beängstigend. Außer man weiß, was da gelagert ist.«

Rund 25 Tonnen Material

Henke weiß das schon lange. Früher habe sie im benachbarten Stadtteil Zehlendorf gearbeitet, morgens sei sie mit dem Rad durch den Grunewald gefahren. Die Fahrradstrecke führt direkt am Munitionslager vorbei. Henke erzählt, dass sie einen Umweg nehmen musste, wenn die Polizei dort kontrollierte Sprengungen durchführte.

Seit gestern hängt wieder rot-weißes Absperrband vor der Zufahrt. Eine kontrollierte Sprengung war das, was hier in der Nacht zu Donnerstag passierte, allerdings nicht.

Aus bisher unbekannten Gründen ist rund um den Sprengplatz im Berliner Naherholungsgebiet Grunewald ein Feuer ausgebrochen. Es kam zu zahlreichen Explosionen, die Löscharbeiten dauern an. Nach Angaben der Berliner Polizei lagern auf dem Gelände rund 25 Tonnen Material, darunter Feuerwerkskörper und Weltkriegsmunition.

»Warum so was hier möglich ist, ist mir unbegreiflich«, sagt Anne-Marie Henke. Direkt an der viel befahrenen Autobahn Avus, unweit der Bahnschienen, mitten in Berlins größtem Wald: Die Standortfaktoren für ein Lager mit hochexplosivem Material, findet Henke, könnten schlechter nicht sein. »Ich denke, das wird jetzt zum Politikum.«

Sie musste erst mal weinen

4,6 Kilometer vom Sprengplatz entfernt bleiben Christina Leue die Gäste weg. Leue ist Kellnerin im Biergarten »Scheune« direkt am Grunewald, an diesem Freitagmittag sind nur fünf Tische besetzt. »Normalerweise ist die Hütte brechend voll«, sagt sie, »jetzt rufen alle an und sagen ihre Reservierungen wieder ab. Dabei sind wir hier noch total verschont geblieben.«

Kellnerin Christina Leue: »Mein geliebter Grunewald«

Kellnerin Christina Leue: »Mein geliebter Grunewald«

Foto: Johanna Jürgens / DER SPIEGEL

Leue wohnt im benachbarten Dahlem. Als es am Donnerstag gegen drei Uhr zu den ersten Explosionen kam, habe ihr Mann sofort im Bett gestanden: »Der hat gedacht: Entweder feiert jemand Silvester, oder Putin steht vor der Tür.«

Als sie am nächsten Tag von dem Brand gehört hat, habe sie erst mal weinen müssen, erzählt Leue und zieht eine Tageszeitung hinter dem Tresen hervor. Das Titelbild zeigt die Flammen, die keine fünf Kilometer entfernt noch immer lodern. »Mein geliebter Grunewald«, seufzt sie, »ich hoffe nur, die Tiere haben es rechtzeitig geschafft.«

»Mehr war nicht«

Direkt an der gesperrten Fahrradtrasse und der Autobahn Avus liegt die »Kolonie Hundekehle«, eine Kleingartensiedlung. Von hier sind es noch 3,5 Kilometer bis zum Sprengplatz, auch hier scheint das Feuer weiter weg zu sein, als es ist.

In einer Parzelle am Ende der Reihe sitzt Dieter W., graue Latzhose, melierter Bart, in seinem Gartenhaus. Im Fenster dreht sich ein rostiger Ventilator, der Fernseher läuft, am Eisentor hängen zwei ausgeblichene Deutschlandfahnen und eine Fahrradklingel. Ob er hier was mitbekommt von dem Großbrand? »Gestern Abend hat’s zweimal Rumms gemacht, dann kam eine Rauchwolke auf«, sagt Dieter, der seinen Nachnamen nicht nennen will, »mehr war nicht.«

Sorgen um seinen Schrebergarten mache er sich nicht. Gestern habe die Feuerwehr eine Durchsage gemacht, genau hingehört habe er nicht. »Das war bestimmt Brandstiftung, meine Meinung!«, ruft er noch, dann verschwindet er wieder in seiner Gartenlaube.

Auf einem Parkplatz am Rand des Sperrkreises koordiniert die Berliner Feuerwehr den Einsatz. Von hier ist es noch ungefähr ein Kilometer bis zum Sprengplatz. Dutzende Einsatzwagen der Berliner Feuerwehr säumen die Zufahrtsstraße, die Polizei ist mit Wasserwerfern vor Ort, ein Panzer der Bundeswehr fährt vorbei. In ihm habe der Sprengmeister der Polizei gerade den Sprengplatz erkundet, heißt es, die Auswertung laufe.

Die Flächenbrände konnten unterdessen weitgehend gelöscht werden. Nur im südlichen Bereich gibt es noch Feuer. Der Rauch zieht von da aus weiter Richtung Südwesten in den Bezirk Steglitz-Zehlendorf. An der Terrasse von Anne-Marie Henke, am Biergarten »Scheune« und der Parzelle von Dieter W. zieht er nicht vorbei.

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