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NSU-Ausschuss BKA verschlampte Adressliste des Terror-Trios

Überraschung im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags: Völlig unerwartet ist eine zweite Liste mit Adressen und Telefonnummern wieder aufgetaucht. Sie wurde schon 1998 in einer Supermarkttüte entdeckt, aber nie richtig ausgewertet.
Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos: Überforderte Zielfahndung

Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos: Überforderte Zielfahndung

Foto: DPA/ Ostthüringer Zeitung

Hamburg - Man kann sich nicht vorstellen, dass im Rahmen der Ermittlungen zur rechtsterroristischen Zelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) noch mehr Pannen aufgedeckt werden - und doch genau das ist am Donnerstagmorgen passiert. Völlig unerwartet ist eine zweite Liste mit Adressen und Telefonnummern aufgetaucht, die - ebenso wie eine erste, bereits bekannte Liste - aus einer von den Neonazis genutzten Garage in Jena stammt. Uwe Mundlos soll sie zusammengestellt haben.

Das Papier - verpackt in eine Rewe-Tüte - wurde dort am 26. Januar 1998 entdeckt und am 31. Januar 2012 vom Landeskriminalamt Thüringen an die Soko "Trio" des Bundeskriminalamts (BKA) weitergeleitet. Am 6. März 2012 stellten die Ermittler fest, dass diese zweite Liste sich von der ersten unterscheidet. Zum Beispiel taucht darauf erstmals eine Telefonnummer aus Fürth bei Nürnberg auf. In Nürnberg verübte der NSU drei Morde. Zudem neu ist eine Handy-Nummer, die von dem langjährigen V-Mann Thomas D. genutzt wurde, und eine Nummer aus Arnstadt, wo der NSU eine Bank ausraubte. Insgesamt wurden mehr als zehn neue Kontakte notiert.

Doch diese zweite Liste wurde vom BKA nicht an den Ausschuss weitergeleitet. Die Mitglieder der Kommission sind davon überzeugt: Die Adressen auf beiden Listen hätten die Ermittler bei der Zielfahndung rechtzeitig auf die Spur des Trios bringen können, da sie Kontaktdaten aus der rechtsextremen Szene enthielten. Auf ihnen finden sich Namen wie der Holger Gerlachs, der die untergetauchten Terroristen von 2001 an mit Ausweisen, Krankenkassenkarten, einem Führerschein und einer ADAC-Karte versorgte.

"Kommunikationsdesaster" innerhalb des BKA

"Die Auswertung 1998 war fehlerhaft und unprofessionell, diese Kritik bleibt. Und dass man erst jetzt von einer zweiten Liste erfährt, ist ärgerlich, aber nicht dramatisch", sagte Clemens Binninger (CDU). "Wenn man die Namen vergleicht, tauchen einzelne neu auf, aber es ergeben sich keine wesentlich neuen Erkenntnisse."

SPD-Ausschussmitglied Eva Högl sagte, sie sei "einigermaßen schockiert". "Diese Informationen lagen dem BKA bereits seit einem Jahr vor und wären für die Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss besonders wichtig gewesen - zumal die Zeugen sich gerade in diesem Punkt widersprochen haben", so Högl. "Innenminister Friedrich muss jetzt endlich Merkels Versprechen nachkommen und sicherstellen, dass die Arbeit des Untersuchungsausschusses durch seine Behörden nicht weiter behindert wird. Immer noch macht Friedrich den Eindruck, als habe er nicht begriffen, welche Sensibilität bei diesem Thema angebracht ist." Der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Wieland sprach von einem "Kommunikationsdesaster" innerhalb des BKA.

Die mutmaßlichen Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) - Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe - waren 1998 untergetaucht.

jjc/röb/gud/mb