Berufungsprozess Holocaust-Leugner Williamson fühlt sich getäuscht

In einem TV-Interview leugnete Richard Williamson den Holocaust und stürzte die katholische Kirche in eine tiefe Krise. In erster Instanz wurde der Bischof der Piusbruderschaft zu 10.000 Euro Strafe verurteilt. Nun hat der Berufungsprozess begonnen - die Verteidigung plädiert auf Freispruch.

Bischof Williamson (Archiv): "Er glaubt das"
dapd

Bischof Williamson (Archiv): "Er glaubt das"


Hamburg - Die umstrittenen Äußerungen fielen vor mehr als zweieinhalb Jahren - doch sie beschäftigen die Kirche bis heute: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern", sagte Bischof Richard Williamson, Mitglied der erzkonservativen Piusbruderschaft. Es seien vielleicht zwei- bis dreihunderttausend Juden in Konzentrationslagern umgekommen, so der 71-Jährige. "Aber keiner von ihnen durch Gas in einer Gaskammer."

Ein schwedischer TV-Sender hatte das Gespräch im November 2008 in Zaitzkofen bei Regensburg aufgezeichnet, zwei Monate später wurde es veröffentlicht. Die Äußerungen waren auch im Internet zu sehen - und stürzten die katholische Kirche in eine tiefe Krise. Das Amtsgericht Regensburg verurteilte Williamson wegen Volksverhetzung im April 2010 zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Doch gegen diese Entscheidung gingen sowohl der Verurteilte als auch die Staatsanwaltschaft in Berufung.

Vor dem Regensburger Landgericht hat nun der Prozess in zweiter Instanz begonnen - und wie im vergangenen Jahr blieb Williamson der Verhandlung fern. Auf seinem Platz stand nur ein weißes Schild mit der Aufschrift: "Angeklagter".

Williamsons Anwälte forderten erneut einen Freispruch. Sie betonten unter Berufung auf eine eidesstattliche Erklärung ihres Mandanten, dieser sei von den schwedischen Fernsehjournalisten mit "Fangfragen" verwirrt worden. Ursprünglich hätte sich das Interview lediglich um religiöse Fragen drehen sollen. Williamson sei davon ausgegangen, dass der Bericht ausschließlich im schwedischen Fernsehen gesendet und nicht im Internet verbreitet werden würde.

Wer in Deutschland den Holocaust öffentlich leugnet, kann nach Paragraf 130 Absatz drei des Strafgesetzbuches mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft werden.

Williamson sei über den Zweck des Interviews getäuscht worden, so die Verteidiger. Sie beantragten erneut die Vernehmung der schwedischen Journalisten. Diese hatten zuvor - wie schon in erster Instanz - das Erscheinen vor einem deutschen Gericht abgelehnt. Laut Landgericht hat auch Schweden ein entsprechendes Rechtshilfeersuchen Deutschlands mit dem Hinweis auf die in Schweden geltende Meinungsfreiheit abgewiesen.

"Ich hätte es wissen müssen"

Ein Anwalt der Piusbruderschaft sagte als Zeuge aus und schilderte Williamson als Überzeugungstäter. "Er glaubt das", sagte der Anwalt in Bezug auf die Äußerungen aus dem TV-Interview. Der Angeklagte habe ein nachhaltiges Problem mit der Realität. Williamson sei davon ausgegangen, dass das Interview lediglich in Schweden ausgestrahlt werde, wo derartige Äußerungen straffrei sind. Als er von dem Wirbel erfuhr, den seine Aussagen verursachten, habe Williamson gesagt: "Ich hätte es wissen müssen."

Williamsons Äußerungen hatten international Empörung ausgelöst und auch Papst Benedikt XVI. in Bedrängnis gebracht. Der deutsche Pontifex hob nur kurz nach Bekanntwerden des Interviews eine alte Exkommunizierung gegen Williamson und andere Piusbrüder auf - angeblich wusste der Vatikan nichts von der Holocaust-Leugnung des Bischofs. Allerdings hatte der SPIEGEL schon Tage vor dem entscheidenden Dekret über den Fall berichtet.

Auch nach dem Urteil des Amtsgerichts Regensburg sorgte der Fall weiter für Aufregung. Für den Berufungsprozess engagierte Williamson zunächst einen Anwalt, der nach SPIEGEL-Informationen der rechten Szene zugeordnet wird. Die Pius-Bruderschaft drohte damit, Williamson auszuschließen, der 71-Jährige lenkte ein.

Im November des vergangenen Jahres empfahl die Piusbruderschaft zudem, das Urteil anzuerkennen. Williamson solle die Strafe akzeptieren und "die Sache endlich beenden", sagte ein Sprecher den "Nürnberger Nachrichten". Ein solcher Schritt könnte dazu führen, dass auch die Regensburger Staatsanwaltschaft ihre Berufung zurücknimmt und der Fall endgültig zu den Akten gelegt wird.

Doch diesen Gefallen tat Williamson seinen Glaubensbrüdern nicht. Das Urteil im Berufungsprozess wird voraussichtlich am kommenden Montag gesprochen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe von 12.000 Euro - wie auch in erster Instanz. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch.

Argentinien drohte mit Ausweisung

Laut dem Anwalt der Piusbruderschaft lebt Williamson bei freier Kost und Logis ohne offizielle Aufgaben in einem Londoner Haus der Bruderschaft. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, dass der Angeklagte noch immer eine "herausgehobene Stellung" bei den Piusbrüdern besitzt. Zuletzt hatte er im argentinischen La Reja ein Priesterseminar geleitet. Auf Druck der Regierung musste er das Land jedoch kurz nach Veröffentlichung des umstrittenen Interviews verlassen.

Die erzkatholische Piusbruderschaft ist seit 1988 vom Vatikan gespalten. Papst Johannes Paul II. exkommunizierte ihren Gründer, den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre, und vier Bischöfe, die von Lefebvre ohne Zustimmung des Papstes geweiht worden waren - einer von ihnen ist Williamson. Erst Benedikt XVI. hob die Exkommunizierung wieder auf.

Die katholische Kirche erkennt die Weihen der Piusbrüder nicht an, die Zeremonien wurden in der Vergangenheit scharf kritisiert. Davon lässt sich die Bruderschaft allerdings nicht beeindrucken: Erst am Samstag hat der Generalobere Bernard Fellay vier Männer zu Priestern geweiht - ausgerechnet in Zaitzkofen. Dem Ort, an dem Williamson das entlarvende Interview gab.

Widerrufen hat er die Leugnung des Holocausts bis heute nicht.

hut/dapd/dpa/AFP

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