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05. Oktober 2004, 12:14 Uhr

Bestechliche Ärzte

500 Mediziner unter Korruptionsverdacht

Luxusreisen, Golfstunden, Schmiergelder: Weil sie sich von Pharma-Unternehmen hofieren ließen, wird bundesweit gegen 500 Ärzte wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Den Angeklagten drohen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.

Ärzte im OP: Korruptionsermittlungen in 500 Fällen
AP

Ärzte im OP: Korruptionsermittlungen in 500 Fällen

Darmstadt - Nach Angaben des "Westfalen-Blatts" werden Ermittlungen wegen Bestechlichkeit und Vorteilsnahme in 350 Fällen von der Staatsanwaltschaft Darmstadt durchgeführt, weitere 150 Fälle würden die Ermittler in München bearbeiten.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Ger Neuber, teilte mit, dass die Ärzte auf Kosten eines südhessischen Herstellers für medizinische Hilfsprodukte Kongresse besucht, kostspielige Reisen gemacht und sich in Luxushotels eingemietet hättet. Auch Golfstunden hätten sie sich bezahlen lassen. Außerdem seien Geldsummen von bis zu 20.000 Euro geflossen. Die Verdächtigten sollen von dem Hersteller bestochen worden sein, um sich in ihren Kliniken für den Kauf dieser Hilfsprodukte einzusetzen. Es werde bereits seit zwei Jahren ermittelt, sagte der Sprecher. Der Vorgang wurde allerdings erst durch das "Westfalen-Blatt" publik. Neuber berichtete, die Staatsanwaltschaft Darmstadt habe zuerst gegen 500 Mediziner ermittelt, 150 Fälle seien jedoch in der Zwischenzeit verjährt.

Nach dem Zeitungsbericht geht auch die Staatsanwaltschaft München mutmaßlichen Vergünstigungen eines japanischen Pharmaunternehmens nach. 150 Klinikärzte sollen von der Firma bestochen worden sein, um vermutlich wertlose Studien zur Absatzförderung eines Medikaments anzufertigen. Die Münchner Ermittler wollten den Bericht nicht bestätigen. Die im "Westfalen-Blatt" genannte Zahl entbehre jeder Grundlage, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler. Die Ermittlungen würden seit Mitte des vergangenen Jahres laufen. "Es wird derzeit ermittelt, ob die Ärzte persönlich von den Zuwendungen profitiert haben oder die Zahlungseingänge ordnungsgemäß bei den Kliniken verbucht haben", sagte Winkler. Der Korruptionsverdacht richte sich gegen Transplantationszentren in München, Berlin, Stuttgart, Bonn, Hannover, Hamburg und Münster.

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